Werbung

Wenn das Wasser bis zum Hals steht

Schuldner- und Insolvenzberatung legt neue Zahlen zu ihrer Arbeit vor / Miet- und Energieschulden steigen

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 2 Min.
Trotz Wirtschaftswachstums und mehr sozialversicherungspflichtigen Jobs geht die Verschuldung in Berlin nicht zurück.

Über Schulden ist viel die Rede; besser über Schuldenabbau. Gemeint sind damit die Schulden des Landes Berlins. Neben den öffentlichen Schulden gibt es allerdings noch die Verschuldung von Haushalten und Einzelpersonen. Paradox: Eigentlich sollte man annehmen, dass mehr Jobs und vergleichsweise höhere Tarifabschlüsse auch in Berlin zu einem Rückgang dieser Form von Verschuldung führen sollte.

Doch das ist nicht so, wie Zahlen der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin (LAG SIB) zeigen. »Berlin ist neben Bremen das Bundesland, das am Stärksten von privater Überschuldung betroffen ist - mit steigender Tendenz«, sagt die Leiterin der Geschäftsstelle der LAG SIB, Susanne Fairlie, gegenüber »nd«. So steigen die Kurz- und Krisenberatungen seit Jahren an. Auf diese Weise beraten wurden im zweiten Halbjahr 2013 insgesamt 29 219 Personen. In einer festen, länger währenden Beratung befanden sich der Schuldnerberatung zufolge in dieser Zeit über das Stadtgebiet verteilt 11 316 Schuldner. Was ebenfalls ein Anstieg gegenüber dem ersten Halbjahr ist, wie Fairlie mitteilt. Werden noch die Mitglieder aus den Schuldnerhaushalten hinzugerechnet, haben die Berliner Schuldnerberater somit rund 22 000 Menschen im zweiten Halbjahr letzten Jahres eine feste Beratung geboten und ihnen geholfen, sich aus ihrer Überschuldungssituation zu befreien. Die anerkannten Berliner Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen unterhalten berlinweit 19 Angebote zur Beratung.

Laut Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform von Ende 2013 sind mehr als 13 Prozent aller 2,83 Millionen erwachsenen Einwohner Berlins überschuldet. In absoluter Zahl: über 370 201 - und damit jeder achte erwachsene Berliner (der Bundesdurchschnitt liegt bei jedem zehnten Erwachsenen). Hinzukommt erneut die Zahl der mitbetroffenen Personen - Kinder, Partner und Eltern.

Insgesamt habe die Summe aller regulierten Schulden im zweiten Halbjahr nahezu eine halbe Milliarde Euro betragen. Im ersten Halbjahr 2013 war es eine ähnlich hohe Summe, sagt Fairlie. Der höchste Betrag entfiel dabei mit 147 Millionen Euro auf die Sparte Kreditverbindlichkeiten. Hervorhebenswert ist: Der Anteil aus Mietrückständen und Energieschulden steigt und betrug im zweiten Halbjahr 2013 18,6 Millionen Euro. Letzteres sei besonders dramatisch, so die Einschätzung der Schuldnerberatung: »So droht bei Mietschulden die Zwangsräumung und damit im schlimmsten Fall sogar die Obdachlosigkeit.« Auch Schulden bei den Energieversorgern führten in letzter Konsequenz zu »gravierenden Einschränkungen«.

Die Gründe für die Verschuldung sind in dieser Reihenfolge Arbeitslosigkeit, Erkrankung und Sucht sowie Trennung, Scheidung oder Tod des Partners. Auch eine »unwirtschaftliche Haushaltsführung« spielt eine erhebliche Rolle. Fairlies Einschätzung: »Ohne Schuldner- und Insolvenzberatung gibt es für immer mehr Berliner keinen Ausweg mehr aus der finanziellen Sackgasse.« Die Beratung helfe dabei gleichzeitig auch den öffentlichen Haushalten und würde diese um weit höhere Beträge entlasten, als sie selbst das Land kosteten, sagt Fairlie.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln