Von Kurt Stenger

Luftverschmutzung fordert Tribut

OECD-Studie: Jährlich 3,5 Millionen Todesopfer / Kosten von 3,5 Billionen Dollar

Der Industrieländerclub OECD hat sich mittlerweile vom reinen Wachstumsdenken gelöst. Eine Studie zu Luftverschmutzung gibt den Skeptikern Recht.

Über 3,5 Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen von Luftverschmutzung. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Mittwochabend auf dem Weltverkehrsforum in Leipzig vorgestellt wurde. »Die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit sind viel größer als bisher gedacht«, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. »Straßenverkehr ist eine Hauptquelle der schädlichen Luftverschmutzung. Wir können und sollten mehr dafür tun, sie zu reduzieren.«

In der Studie werden Zahlen aus den Jahren 2005 und 2010 vergleichen. Demnach ist die Anzahl der Todesfälle durch Feinstaub und Ozonbelastung in den 34 OECD-Mitgliedsländern in diesem Zeitraum um vier Prozent zwar auf unter eine halbe Million zurückgegangen, aber weltweit gibt es einen deutlichen Anstieg. Mit großem Abstand an der Spitze liegt die Volksrepublik China. Hier starben 2010 etwa 1,33 Millionen Menschen an den Folgen von Außenluftverschmutzung (plus fünf Prozent). Es folgt Indien mit 700 000 Toten - die Wachstumsrate ist dort sogar mehr als doppelt so hoch wie in China.

Die Studie ist Beleg eines gewissen Umdenkens in der OECD. Früher beschränkte sich der in Paris ansässige Industrieländerclub auf Konjunkturprognosen und wirtschaftspolitische Empfehlungen, wie die Mitgliedstaaten ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigern können. Doch mittlerweile zweifelt die OECD am BIP als einzigem Gradmesser für Wohlstand. Seit einigen Jahren versuchen sich die Experten an der Messung von Glück oder nehmen die schädlichen Folgen von Wachstum und Industrialisierung unter die Lupe. Dies ist insofern wichtig, weil die Kosten für das Gesundheitssystem in der herkömmlichen BIP-Berechnung unsichtbar sind, auch wenn sie die Wirtschaftsleistung erhöhen und damit positiv gewertet werden.

Ein Ergebnis des Umdenkens ist die neue Studie. In dieser werden auch auf die volkswirtschaftlichen Kosten der weltweit auf Luftverschmutzung zurückzuführenden Folgeerkrankungen wie Krebs, Asthma oder Herzleiden ermittelt. Die OECD beziffert diese auf rund 3,5 Billionen US-Dollar im Jahr 2010. Für die Kalkulation ziehen die Autoren neben den Gesundheitsausgaben auch die im Fall von Krankheit durch den Verlust an Lebensqualität verursachten Kosten heran.

Doch welcher Bereich ist Hauptverursacher der Luftverschmutzung? Wie groß der jeweilige Anteil von Straßenverkehr, Kohleverstromung und Industrie ist, lässt sich laut Studie nicht eindeutig sagen. Für die OECD-Länder schätzen die Autoren den Anteil des Straßenverkehrs an den Kosten auf rund 50 Prozent. Zwar würden weltweit die Emissionsgrenzwerte verschärft. Dennoch steige die Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr, weil auf umweltschädlichere Dieselfahrzeug umgestellt werde sowie ein Ländern wie China und Indien das Verkehrsaufkommen stark zunehme.

Die OECD warnt davor, dass die Kosten weiter steigen werden, sollten die Regierungen nichts unternehmen, um den Ausstoß von Abgasen, vor allem aus Fahrzeugen, zu beschränken. »Der Preis, den wir dafür bezahlen, mit dem Auto unterwegs zu sein, spiegelt nicht die Schäden wider, die wir der Umwelt und unserer Gesundheit zufügen«, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría.

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