Werbung

Türkei: Polizei schießt auf Oppositionelle - ein Toter

In Istanbul erneut Proteste wegen Grubenunglücks in Soma / Unbeteiligter wird in den Kopf getroffen und getötet / Sitzstreik vor dem Krankenhaus: »Der Mörderstaat hat ein weiteres Leben genommen«

Berlin. Die türkische Polizei ist erneut gewaltsam gegen Oppositionelle vorgegangen, die unter anderem wegen der politischen Verantwortung der Regierung für das verheerenden Grubenunglücks auf die Straße gegangen waren. In Istanbul wurde dabei ein Mann getötet - Polizisten hatten offenbar mit scharfer Munition geschossen. Laut der privaten Nachrichtenagentur Dogan feuerten die Polizisten Warnschüsse in die Luft. Ein Augenzeuge sagte dagegen der Agentur AFP, es sei mit scharfer Munition in die Menschenmenge geschossen worden. Offenbar wurde dabei der Teilnehmer einer in der Nähe stattfindenden Trauerfeier von einer Kugel getroffen. Dogan veröffentlichte das Foto eines Mannes in Okmeydani, dessen Kopf in einer Blutlache liegt. Im Internet ist auf einem Video einer Sicherheitskamera zu sehen, wie der Mann getroffen wird. Der Vorsitzende der kleinen Oppositionspartei ÖDP, Alper Tas, sagte dagegen nach einem Bericht des Internetportals T24, das Opfer sei am Kopf getroffen worden und gestorben. Am Abend bestätigten sich diese Berichte.

Das Grubenunglück von Soma ist vor allem
ein Ergebnis des neoliberalen Umbaus der türkischen Wirtschaft
Von Murat Çakır - hier

Übereinstimmenden Berichten zufolge hatte eine kleine Gruppe von Demonstranten im Stadtteil Okmeydani ihren Unmut über das Grubenunglück von Soma sowie den Tod eines jugendlichen Demonstranten bei den Gezi-Unruhen des vergangenen Jahres kundgetan. Laut dem Dogan-Bericht trieben die Sicherheitskräfte die Protestierenden mit Tränengas und Wasserwerfern auseinander. Die Demonstranten schleuderten demnach Steine auf die Polizei, auch von Molotowcocktails war die Rede. Auch sei ein Einsatzfahrzeug angezündet worden. Später zogen rund 400 aufgebrachte Demonstranten vor das Krankenhaus, in das der Verletzte gebracht worden war. Dort organisierten sie einen Sitzstreik und skandierten »Der Mörderstaat hat ein weiteres Leben genommen.« In Ankara versammelten sich Dutzende Menschen zu einer sponatenen Protestkundgebung.

Auch in Berlin war am Abend zu Protesten im Stadtteil Kreuzberg aufgerufen worden. Linksfraktionschef Gregor Gysi sagte im Sozialen Netzwerk Facebook, er »halte das unvermindert harte Vorgehen der türkischen Polizei für völlig unangemessen«. Mit Blick auf den für Samstag geplanten Deutschlandauftritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte er, dieser müsse »selbst für sich entscheiden, welchen Nutzen die trauernde türkische Bevölkerung aus seiner geplanten PR-Rede in Köln gerade derzeit zieht«. Agenturen/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln