Mit Losglück nach Deutschland

Das »Zentrum für politische Schönheit« vermittelt syrische Flüchtlingskinder an Familien - zumindest scheinbar

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Laut UNICEF sind im syrischen Bürgerkrieg derzeit über fünf Millionen Kinder akut bedroht. Familienministerin Schwesig will nun 55 000 davon nach Deutschland holen. Oder doch nicht?

»Schönheit ist Ästhetik, und Ästhetik ist Kunst. Kunst ist etwas Gemachtes, genauso wie Politik!« So beschreibt ein Helfer das Konzept der Künstlervereinigung »Zentrum für politische Schönheit«. Er ist wie alle anderen Organisatoren schwarz bekleidet und hat sich mit Kohle Wangen und Stirn gefärbt. »Ein Zeichen der Trauer und des Mitgefühls mit den Opfern des blutigen Bürgerkrieges in Syrien« solle damit gesetzt werden - im Rahmen einer fiktiven Kampagne »Kindertransporthilfe des Bundes«. Deren Ziel sei es, die Leiden des syrischen Bürgerkriegs ins Bewusstsein und die Herzen der Deutschen zu bringen.

Über 100 Menschen hatten sich am Mittwochabend auf dem Dorothea-Schlegel-Platz in Berlin versammelt, der vom »Zentrum« kurzerhand in »Flüchtlingszulassungsstelle« umgetauft wurde. Den Mittelpunkt des Schauplatzes bilden zwei blaue, übereinander gestapelte Container. Ein Flachbildschirm behängt den oberen und zeigt Privatvideos aus den syrischen Kriegsgebieten. Im unteren Container wurde eine begehbare Trauerkapelle eingerichtet. Rote Kerzen brennen auf dem Boden, während Bilder von syrischen Kindern an die Innenwand geworfen werden. Ein jeder ist eingeladen, eine Kerze zu zünden, eine Schweigeminute einzulegen. An den Außenwänden der Container sind unzählige Bilder angebracht, die verletzte, weinende, verzweifelte Kinder zeigen - unschuldige Opfer des syrischen Bürgerkrieges. Ihre Namen wurden durch zynische Nummern ersetzt.

Daneben steht ein Zelt des Roten Kreuzes. Frauen und Männer aus Syrien tummeln sich dort zwischen den Veranstaltern, sogar ein syrischer Arzt ist anwesend. Nur für den Fall, dass der eine oder andere Zuschauer die Bilder nicht verkraftet und medizinisch notversorgt werden muss.

Die nächsten fünf Tage wird hier umfangreiches Bild- und Informationsmaterial zum Flüchtlingsdrama in Syrien ausgestellt. Der Höhepunkt der Veranstaltung ist aber die inszenierte Lotterieshow. Mit deren Hilfe soll ein einziges syrisches Kind nach Deutschland gelost werden. Zur Auswahl stehen die Kinder auf den Fotos, die die Container beschmücken. Zuschauer sollen auf eine Nummer setzen wie beim Roulette. Am Sonntag wird dann der »Sieger« bekannt gegeben.

Die Veranstaltung ist der nächste Akt einer Kampagne, die in der letzten Woche in der Hauptstadt Aufsehen erregt hat. Scheinbar im Namen von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) und ihres Ministeriums wurde ein Programm entwickelt, mit dem »eines von 100« syrischen Kindern aus den Kriegsgebieten geholt und an deutsche Gastfamilien vermittelt werden soll. Fünfeinhalb Millionen Kinder sind laut UNICEF in Syrien derzeit in bedrohlichen Lagen. 55 000 sollen an deutsche Gasteltern vermittelt werden. Ein Bewerbungsformular für freiwillige Familien ist auf der Homepage des Familienministeriums zu finden. Gesetzliche Regelungen und finanzielle Unterstützung vom Bund - alles ist erklärt und organisiert.

Doch so seriös die Aufmachung der deutschen »Kindertransporthilfe« erscheint: die Ministerin hat mit der Aktion nichts zu tun. Entwickelt von rund 70 Künstlern und Helfern, wurde der »Rettungsplan« innerhalb von sieben Monaten inszeniert. Die Möglichkeit, aktiv bei der Rettung von Menschenleben zu helfen, fand schon in den ersten zehn Tagen großen Anklang. Über 600 Familien haben tatsächlich angerufen. Die meisten waren sich des Schwindels gar nicht bewusst, sondern tatsächlich überzeugt, ein syrisches Pflegekind zu bekommen.

»Das gibt Grund zur Hoffnung«, sagt die Pressesprecherin des »Zentrums«, Susána Abdulmajid. Wenn deutsche Familien freiwillig bereitseien, syrische Kinder aufzunehmen, könne sich die Politik nicht länger verschließen: Je mehr dem Beispiel folgen, um so mehr politischer Druck entsteht.

Welches Kind die Lotterie tatsächlich gewinnt, zählt also am Ende nicht. Es geht um öffentliches Interesse, mit dem die Politik zum Handeln verpflichtet werden soll.

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