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Wackersdorf ist überall

Aufstand in der bayerischen Provinz

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Zu Pfingsten 1986 kommt es bei der Baustelle einer Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Kernbrennstäbe in Wackersdorf zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Die Auseinandersetzungen ziehen sich bis in den Sommer des Jahres hin, erschüttern die Bundesrepublik und haben ein politisches wie juristisches Nachspiel.

Die Anti-AKW-Bewegung hat ihren Zenit bereits überschritten, als sich am Osterwochenende 1986 mehrere zehntausend Menschen im oberpfälzischen Wackersdorf versammeln, um gegen die dort geplante Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Kernbrennstäbe (WAA) zu demonstrieren. Nach inoffiziellen Schätzungen finden sich am 30. und 31. März 1986 zwischen 50 000 und 100 000 Protestierende zu einer der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen der 1980er Jahre ein. Neben Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und linken Gruppierungen mobilisiert auch die Friedensbewegung ihre Ostermarschierer nach Wackersdorf. Nach vereinzelten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, endet die Großveranstaltung in Schlagstockeinsatz und Tränengasnebel. Ein Demonstrant kommt ums Leben.

Knapp vier Wochen später ereignet sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Wurden der Anti-AKW-Bewegung Mitte der 1980er Jahre noch Mobilisierungsprobleme im Gegensatz zu den 1970ern nachgesagt, ändert sich dies im Lauf des Jahres 1986 drastisch.

1979 hatte Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht noch erklärt, der Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben, wäre »politisch nicht durchsetzbar«. Solche Sorgen macht sich Franz Josef Strauß nicht. Die sogenannte WAA sei so gefährlich »wie eine Fahrradspeichenfabrik«, so der damalige bayerische Ministerpräsident. In der strukturschwachen Oberpfalz rechnet die Münchner Staatskanzlei ohnehin nicht mit Gegenwehr. Wegen der dortigen Braunkohlevorkommen hatte man die Bevölkerung der 5000-Seelengemeinde Wackersdorf im 19. Jahrhundert schon mehrfach umgesiedelt. In der abgelegenen Region würde sich auch kaum ein Protestszenario wie in Brokdorf entwickeln. Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich bald herausstellt.

Als im Dezember 1985 die Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst beginnen und hunderte Hektar Wald der Baustelle weichen müssen, wird von AKW-Gegnern ein Hüttendorf errichtet, das die Polizei eine Woche vor Weihnachten brachial räumt. Schon hier wird die harte Gangart der bayerischen Staatsregierung deutlich. 900 Personen werden im Zuge der zumeist friedlichen Blockaden festgenommen. Es ist die bis dahin größte Massenverhaftung in der Geschichte der Bundesrepublik. Als kurze Zeit später ein zweites Hüttendorf errichtet wird, sind sogar Kräfte der Anti-Terror-Einheit GSG 9 während der Räumung vor Ort, sie werden jedoch nicht eingesetzt.

Als am Osterwochenende 1986 an die 100 000 Menschen zur Baustelle in die Oberpfalz kommen, ist diese mittlerweile mit einem meterhohen Stahlzaun und Stacheldraht zur Festung ausgebaut. Das Protestspektrum reicht vom SPD-Landrat über kirchliche Gruppen und Anti-Atomkraft-Bürgerinitiativen bis hin zu Autonomen. Zwischen letzteren und der Polizei kommt es vereinzelt zu militanten Auseinandersetzungen.

Wenn die Großdemonstration in erster Linie auch friedlich bleibt, verschießt die Polizei zum ersten Mal CS-Kampfgas - über Stunden hinweg. Auch viele friedliche Teilnehmer erleiden Augenverletzungen und Schleimhautverätzungen. Betroffene klagen noch Tage später über Kopfschmerzen und Hautausschlag. Mit Wasser gefüllte Flaschen zum Ausspülen der Augen werden bald fester Bestandteil der medialen Bilder zu Wackersdorf, egal ob im Fernsehen oder mit sachkundiger Anleitung auf Flugblättern. CS-Gas führt auch zu Verkrampfungen der Lungenmuskulatur. Die Folge sind Panikattacken. Und so erstickt an diesem Osterwochenende ein an Asthma leidender 38-jähriger Mann. Nunmehr gehen breitere Bevölkerungsschichten gegen Atomkraft auf die Straße, gleichzeitig radikalisiert sich der Protest in der Oberpfalz.

Am Pfingstwochenende 1986 erlebt Wackersdorf dann die schwersten Ausschreitungen seiner Protestgeschichte. Waren zu Ostern noch 5000 Polizeibeamte gegen zumeist friedliche Demonstranten eingesetzt worden, so stehen an diesem verlängerten Wochenende nur 1000 Polizisten dem gegenüber, was »Der Spiegel« als »nahezu das gesamte mobile Randale-Potential der Bundesrepublik« bezeichnet - nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden sind es vor allem Autonome aus Frankfurt, Berlin und Hamburg. Steine, Molotowcocktails und mit Zwillen abgeschossene Stahlkugeln prasseln auf die Beamten nieder. Ein Strommast wird gefällt, nachts klauen Autonome einen Bagger und fahren damit gegen das Tor des Bauzauns an.

Nach dem Wochenende gibt es ein halbes Dutzend metergroße Löcher im Stahlzaun. Die mit einem Tuch vermummte Anti-AKW-Sonne mit einer Säge in der Hand wird in der Folge eines der zentralen Logos der Bewegung. »Feuer und Flamme für diesen Staat« und »Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland« verkünden am Bauzaun und im Wald angebrachte Slogans, als Polizisten und Demonstranten mit Wucht aufeinandertreffen.

Auch zahlreiche Bewohner aus Wackersdorf beteiligen sich an den gewalttätigen Ausschreitungen, nachdem Beamte Bauernhöfe in der Gegend durchsucht hatten. Heiße Getränke und belegte Brote werden von Bauern nicht selten ausschließlich an schwarz gekleidete Protestteilnehmer gereicht. Alte Frauen holen Steine aus dem Gleisbett der nahe gelegenen Bahnlinie, schleppen sie zum Bauzaun und verteilen sie dort an die Vermummten.

Am Pfingstmontag schickt das bayerische Innenministerium einen Hilferuf an die Innenbehörden der Bundesländer. Die rot-grüne Landesregierung Hessens schickt zwei Wasserwerfer, obwohl die Grünen damals deren Einsatz eigentlich grundsätzlich ablehnen. Ein Wasserwerfer aus Berlin-West wird am Kontrollpunkt Drewitz von den Grenzbehörden der DDR nicht durchgelassen. Am Ende sind 41 Wasserwerfer in Wackersdorf im Dauereinsatz. Um sie ausreichend zu befüllen, wird der Bevölkerung das Wasser abgedreht. Es gibt Hunderte Verletzte auf beiden Seiten, aber nur 22 Personen nimmt die Polizei fest. Wieder werden viele friedliche Demonstranten durch Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstockeinsatz in Mitleidenschaft gezogen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler sieht im massiven Wasserwerfereinsatz »Ansätze von Staatsterrorismus«. Der Protest in Wackersdorf wird plötzlich zum Kampf um Bürgerechte.

Für die bayerische Staatsregierung ist die »Pfingstschlacht«, wie sie die Presse nennt, ein Fiasko. Über 100 Beamte scheiden im Anschluss aus dem Polizeidienst aus. In der Sendung »Aktenzeichen XY« sucht Eduard Zimmermann mit Videoaufnahmen der Polizei gewalttätige Demonstranten. 10 000 DM Belohnung soll es für Hinweise geben. Der mediale Fahndungspranger erweist sich als wirkungsvoll, ein Vorgeführter stellt sich der Polizei, nachdem er von Nachbarn und Verwandten erkannt wird. In der Folge wird über den Einsatz von Gummigeschossen, aber auch von Schusswaffen diskutiert.

Die öffentliche Debatte erlebt eine massive Polarisierung. Dabei sind die Demonstrationen zu Ostern und Pfingsten 1986 in der Oberpfalz wie eine Klammer rund um die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zu einem Zeitpunkt, als eine Haltung gegen Atomenergie nicht einmal ansatzweise mehrheitsfähig ist - weder in der Bevölkerung noch in der Politik. Die Atomkraftgegner haben noch den Nimbus einer systemkritischen Bewegung. Es geht um die Frage, inwieweit die Demokratie durch diese Auseinandersetzungen bedroht ist. Das Schlagwort vom Polizeistaat macht die Runde.

Schon 1977 hatte Robert Jungk in seinem Sachbuchbestseller »Der Atomstaat« einen massiven Abbau demokratischer Grundrechte durch die Atompolitik vorausgesagt. Seine Kernthese »Atomindustrie - das bedeutet permanenten Notstand unter Berufung auf permanente Bedrohung. Sie ›erlaubt‹ scharfe Gesetze zum ›Schutz der Bürger‹« findet in den Ereignissen rund um Wackersdorf ihre direkteste Entsprechung. So erlebt die Bundesrepublik vier Wochen nach der Reaktorkatastrophe auch noch eine bizarre Episode medialer Zensur.

Am 22. Mai schaltet sich der bayerische Rundfunk aus dem ARD-Programm aus, weil in der politischen Satiresendung »Scheibenwischer« ein atomkraftkritischer Sketch den Intendanten des BR auf den Plan ruft. SPD-Ortsverbände zeigen die Folge später auf Video, unter anderem in den Münchner Kammerspielen.

In den folgenden Jahren flaut der Protest langsam ab. Im April 1989 kommt der Baustopp. Die Wiederaufarbeitung der Brennelemente wird nach Le Hague und Sellafield ausgelagert - aus Kostengründen wie die Betreiber betonen. Ob die Proteste dafür mit ausschlaggebend waren, weiß bis heute niemand genau.

Dennoch war und blieb der Widerstand rund um Wackersdorf eine der wichtigsten Episoden der bundesrepublikanischen Anti-AKW-Bewegung.

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