Von Nicolas Šustr

Freie Fahrt für freie Radfahrer

200 000 Radler demonstrierten in Berlin und Brandenburg für Radspuren

Auf dem Umweltfestival wurde zum zweiten Mal auch ein Preis vergeben. Diesjähriger Gewinner: ein Kreuzberger Gewerbetransportkollektiv.

Berliner Autobahnen gehörten am Sonntag den Radfahrern, die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule den Fußgängern. »Gutes Leben dank Umweltschutz« nennen Allgemeiner Deutscher Fahrradclub (ADFC) und die Grüne Liga den alljährlichen Zweiklang aus Fahrradsternfahrt und Umweltfestival.

Das Wetter zeigte sich mit Sonnenschein deutlich freundlicher als letztes Jahr, als die Teilnehmer mit Dauerregen zu kämpfen hatten. Der ADFC dringt mit seiner Demonstration dieses Jahr vor allem auf die Freihaltung von Radspuren. »Auf Schutz- und Radfahrstreifen abgestellte Autos zwingen Radfahrende zum Einordnen in den Fließverkehr. Dies hat regelmäßig Unfälle und Beinaheunfälle zur Folge und stellt generell eine Benachteiligung von Radfahren-den dar«, sagt die Berliner ADFC-Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel. Angesichts der vielen Velotaxen und sonstigen pedalgetriebenen Vehikel, die vor dem Brandenburger Tor auf Touristen warten, gestaltet sich der Übergang zur eigentlichen Ökologie- und Nachhaltigkeitsmeile fast fließend. »Das Besondere beim Umweltfestival ist die Möglichkeit des direkten Kontaktes zu Endverbrauchern, politischen Entscheidungsträgern, Medien und umweltorientierten Verbänden und Unternehmen«, sagt Karen Thormeyer, Geschäftsführerin der Grünen Liga Berlin.

Von der Stadtentwicklungsverwaltung, über BSR, VBB, die Berliner Forsten oder die Wasserbetriebe waren viele kommunale Einrichtungen vertreten. Gerade die Wasserbetriebe hatten mit dem Unverständnis vieler Touristen zu kämpfen, doch die Mehrwegbecher mit dem kostenlos ausgeschenktem Wasser wieder zurückzugeben. Natürlich waren auch Ökostromerzeuger, Parteien, Umweltverbände, Carsharinganbieter, aber auch Anbieter fairer und ökologischer Bekleidung und diverser Leckereien vertreten.

Auf 18 Tafeln zeigte die Initiativgruppe »Klimagerechtigkeit jetzt!« das Leben und Wirtschaften von Regenwaldbewohnern Amazoniens im Einklang mit der Umwelt und die Gefährdung des Regenwalds durch Großprojekte und Eingriffe von außen. Informationen über den Klimawandel, Sensibilisierung für den Klimaschutz und eine Reflexion des Themas sind die Ziele der Ausstellung. Hochkarätig besetzte Streitgespräche auf der Bühne widmeten sich unter anderem den Auswirkungen des Freihandelsabkommens TTIP mit den USA, dem Spannungsfeld zwischen Naturschutz und der Energiewende sowie der Kritik an geplanter Obsoleszenz, also Produkten, die vom Hersteller anscheinend vorsätzlich auf Kurzlebigkeit getrimmt werden.

Der als Ludwigshafener Tatort-Ermittler bekannte Schauspieler An-dreas Hoppe verlieh den zum zweiten Mal vergebenen Großen Preis des Umweltfestivals. Mit ihm werden alltagstaugliche und nachhaltige Produkte gewürdigt. Gewinner ist das Kreuzberger Gewerbetransportkollektiv Velogista. Martin Seißler und seine Mitstreiter bauen mit Elektrodreirädern ein nachhaltiges Transportsystem auf. Zusammen mit dem Hersteller Radkutsche haben sie ein Modell entwickelt, in das eine Europalette hineinpasst.

»Es gibt so etwas beispielsweise schon in Frankreich oder Schweden, es ist aber überall noch im Prototypenstadium«, sagt Seißler. Vor etwa drei Jahren hatte er die Idee. Seit August letzten Jahres arbeitete er Vollzeit an der Realisierung. Seit Februar gibt es das Mobil, ein zweites ist bestellt. »Es ist schön zu sehen, wie es langsam anläuft«, sagt Miriam Gieseking von Velogista. Einige Cafébetreiber ließen sich inzwischen regelmäßig beliefern. »Die freuen sich nicht nur über den ökologischen und nachhaltigen Transport, sondern auch darüber, wie viel Zeit sie sparen, weil sie die Sachen nicht mehr selbst holen müssen«, berichtet sie. Genauso wichtig wie die Ökologie ist Seißler aber auch die soziale Ausrichtung: »Wir sorgen für faire Bezahlung nach Mindestlohn.« Momentan bekämen nur die Fahrer Lohn, für mehr reiche es leider nicht. Um ein richtiges kleines Logistiksystem aufbauen zu können, planen die Genossenschaftler mit mindestens sechs Lastenrädern. »Dafür brauchen wir 100 000 Euro. Wir freuen uns über jeden, der bei uns eintreten will«, sagt Gieseking.

Eine besondere Anerkennung der Jury gab es für Hahn’s mobile Mostquetsche, die in der Saison an festen, wiederkehrenden Standorten in Berlin und Umgebung angeboten wird. »In Berlin sind wir damit die ersten«, sagt Mitarbeiterin Lara. Daneben verkaufen sie auch auf Wochenmärkten von einem Mostmobil, einem umgebauten Elektrolastenfahrrad mit 300-Liter-Tank auf Märkten und bei Veranstaltungen Säfte. Der Probierschluck versüßt das Leben tatsächlich.

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