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Von Leipzig nach La Ceiba

Der aus der DDR stammende Mediziner Siegfried Seibt genießt in Honduras hohes Ansehen

Sein medizinisches Handwerk lernte Siegfried Seibt in der DDR. 1979 wanderte er in das Land seiner Ehefrau aus: Honduras. Die von ihm 1980 aufgebaute Privatklinik hat einen exzellenten Ruf.

Die Luft ist drückend heiß in der karibischen Hafenstadt La Ceiba im Norden von Honduras. Kein Windchen, keine Abkühlung in Sicht. Selbst das Meer scheint sich dieser Hitze angepasst zu haben, beinahe bewegungslos streckt sich die Karibik wie ein großes, langgezogenes seidendünnes Tuch türkisblau von der Küste Richtung Horizont. Dr. Siegfried Seibt steht am Fenster. Er liebt diesen Blick, liebt die Karibik. Vor Jahrzehnten hat sie ihn schon gefesselt und ihn in ihren Bann gezogen, ihm geholfen sich an diesem Ort fernab der Heimat nieder zu lassen. Damals 1979, als er mit seiner honduranischen Ehefrau Tesla und ihren beiden Töchtern Anaite und Silvia mit ihrem Hab und Gut, den Containern voller medizinischer Instrumente und mit 13 Dollar Zehrgeld in der Tasche in Honduras ankam. Das Zehrgeld hatte er von seinem Staat, der damals noch existierenden DDR fürs Auswandern ausgehändigt bekommen. 13 Dollar für die Reise nach Übersee. Von Leipzig nach La Ceiba.

Fünf Jahre lagen zwischen der Antragsstellung und der Ausreise. 1977 durfte er schon mal mit amtlicher Erlaubnis eine »Besichtigungsreise« nach Honduras machen, durfte sich für einen Monat das Heimatland seiner Frau anschauen. Allein versteht sich. Frau und Kinder mussten in der DDR bleiben, durften nicht mit, waren das Pfand dafür, dass er sich nicht absetzen würde. Wieder verstrichen Jahre. Doch dann kam 1979 die Ausreisegenehmigung. Sie konnten die Koffer packen und die Container füllen. Mit dem wichtigsten aus dem bisherigen Leben. Dazu gehörten auch gynäkologische Apparate und Instrumente für das künftige Leben an der Karibik.

Kennen gelernt hatte Siegfried Seibt seine honduranische Frau in Rostock. Später lebten sie in Leipzig. Sie studierte Tropenlandwirtschaft und er arbeitete zunächst als Assistenz- später als Facharzt an der dortigen städtischen Frauenklinik. In Honduras fand der Gynäkologe sofort Arbeitsmöglichkeiten, wenn auch in für ihn sehr ungewohntem Umfeld und zunächst ohne Bezahlung während des Praktischen Jahrs im staatlichen Krankenhaus von La Ceiba, in dem es an allem fehlte und dessen Notaufnahme während der Regenzeit schon auch mal unter Wasser stand. Den Lebensunterhalt verdiente sich Dr. Seibt mit Behandlungen in einer kleinen provisorischen Privatklinik. Doch schon 1980 wurde ihm eine inländische Approbation bewilligt. Im gleichen Jahr tauschte er die DDR-Staatsbürgerschaft gegen die honduranische ein. »Als DDR Bürger hätte ich doch überhaupt nicht in andere Länder reisen können.«

Heute im Jahr 2014 leitet der 72- Jährige noch immer die von ihm 1980 aufgebaute Privatklinik Eurohonduras, die im ganzen Land bekannt ist. Um dort behandelt zu werden, nehmen manche Patientinnen und Patienten Tagesreisen in Kauf. Ein zweigeschossiges Gebäude direkt am Ufer der Karibik, mit einem Kreis- und zwei OP-Sälen, mehreren Kranken- und Untersuchungszimmern. Nach dem Mauerfall erfuhr er von der Auflösung des Krankenhauses in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Schnell entschlossen erwarb er aus dessen Inventar günstig Apparate, Geräte, Instrumente und Einrichtungsgegenstände, die alle heute noch im Einsatz sind, wie der ergraute Direktor stolz bei der Führung durch sein Krankenhaus erwähnt. Egal ob in den OP- und Behandlungsräumen oder den Krankenzimmern, kleine Schilder mit »Made in GDR« weisen auf die Herkunft einiger Geräte hin. Die Operationslampe oder das fahrbare Röntgengerät oder einige der Kinderbetten, sie stammen aus jenem Inventar.

Durch seine Statur und sein helleres Äußeres ist den Besuchern, den Patientinnen und ihren Angehörigen schnell klar, das der »Alemán«, der Deutsche, also Dr. Seibt vor ihnen steht. Doch für mögliche Zweifler oder Unwissende steht es auch deutlich in handgestickter Aufschrift auf seinem weißen Ärztekittel.

»16 000 Kinder hab ich hier in den Jahren von 1979 bis 2013 zur Welt gebracht«, erzählt er freundlich lächelnd, »und Eurohonduras ist nun mit 22 Betten ausgestattet.« Normalerweise bezahlen die Patientinnen das Arzthonorar und die Krankenhausleistung. »Doch wir machen auch drei bis fünf Operationen gratis pro Monat. Mal sind es mittellose Frauen, die gebären oder eben dringend operiert werden müssen.« Auch Bedürftige zu behandeln, gehört zum Berufsethos des ehemaligen DDR- Staatsbürgers, der nie bereute, »diese Staatsbürgerschaft einzutauschen.« Als die DDR 1990 als Staat ihre Geschichte zu Ende geschrieben hatte, nahm er das wohlwollend zur Kenntnis. Persönlich hatte er ja bereits schon viel früher abgeschlossen. »Ich war schon Ende der Siebziger Jahre der Meinung, dass die DDR wirtschaftlich nicht überlebensfähig wäre und ich hatte keine Lust, den Untergang selbst mit zu erleben. Daher war der Weggang für mich recht einfach«, erinnert sich Siegfried Seibt an seine Gedanken von damals.

Nicht einfach war das Ankommen in Honduras Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Es war die bleierne Zeit, die Zeit als die Militärs das Sagen hatten und ihnen nicht genehme Menschen verschwanden, getötet aufgefunden wurden oder nach Folterungen gebrochen zurück kehrten, als Unzählige das Land verließen, in den Nachbarländern Exil suchten. Politische Verfolgungen, die auch Dr. Seibt damals zu schaffen machten, auch wenn er selbst davon nicht betroffen war, »obwohl ich aus der DDR kam«, einem sozialistischen Land und damit eben aus jener Gesellschaftsform, die die Militärs mit brutalster Repression in ihrem Land bekämpften. Irgendwie musste er sich in diesen Anfangsjahren in Honduras zurecht finden, musste sich einfädeln ins gesellschaftliche Leben und sich ein ärztliches Renommee als Arbeitsgrundlage aufbauen.

»Durch mein unermüdliches Schaffen verbunden mit typisch deutscher Disziplin, besonders aber durch meinen Einsatz für die Ärmsten der Armen konnte ich sowohl bei Armen wie Reichen eine große Anerkennung für meine Arbeit bekommen.«

Mit der Klinik Eurohonduras wurde aus seinem Beruf seine Berufung.

Auch heute nach 35 Jahren in diesem mittelamerikanischen Land bewegt sich Dr. Seibt die meiste Zeit in seiner Klinik, obwohl er sich schon längst zur Ruhe setzen könnte. Vom Schreibtisch im Obergeschoss leitet er die Geschäfte, verhandelt mit anderen Ärzten, mit Familienangehörigen, mit Angestellten der staatlichen Gesundheitsbehörde. Immer wieder schweift sein Blick nach draußen, verfängt sich in der Oberfläche der ruhig vor sich hin plätschernden Karibik, auf der er gerne und leidenschaftlich surfte. Beim Betrachten suggeriert sie Gedanken von einer gewissen Leichtigkeit des Lebens, wie es dort sein könnte in La Ceiba, wenn die Verhältnisse andere wären. Wenn die in Honduras vorhandene Korruption nicht jegliche wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung abwürgen würde, sich die Politiker in den jeweiligen vier Jahren ihrer Amtszeit nicht dermaßen schamlos bereichern würden. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht, auch der völlige Ausverkauf an Grundrechten der Bürger für sogenannte wirtschaftliche oder touristisch zu entwickelnde Modellzonen.

Das Telefon klingelt, laut und eindringlich. Dr. Seibts ärztlicher Rat ist gefragt und er nimmt sich die notwendige Zeit für seine Erläuterungen. Dafür lebt er und darüber redet er viel lieber, als über irgendwelche politischen Prozesse in seinem Land, zu denen ihm immer wieder einfällt, dass eben »die Korruption der Grund aller Übel« sei.

Er hat nicht direkt Angst um sein Leben in diesem Land mit der weltweit höchsten Pro-Kopf Mordrate. »Nein, du bist ja irgendwann abgehärtet, weil immer wieder Unglaubliches passiert. Wenn geputscht wird, oder der Magistrat abgesetzt wird. Aber die Verbrechen kommen näher. Früher hörte man, dass da und dort jemand überfallen oder umgebracht wurde. Heute kennt man schon einige der Opfer, auch aus dem Bekanntenkreis.« La Ceiba war lange eine lebendige Stadt, eine offene Stadt. Das ist vorbei. Heute gehört sie zu den Städten mit den höchsten Mordraten im Land. Das liegt an vielem, liegt an ihrer geografischen Lage innerhalb des Drogenkorridors von den Erzeuger - in die Verbraucherländer, liegt an der im Land vorhandenen Straffreiheit, die Morde und andere Verbrechen nicht verfolgt und in die auch immer wieder staatliche Sicherheitskräfte involviert sind. Und es liegt auch an der Korruption der Politiker und Wirtschaftsmächtigen, daran, dass die Gesellschaft aufgrund dieser Faktoren aus den Fugen geraten ist.

Siegfried Seibt hofft auf Verbesserung. »Es sieht so aus, als ob der neue Präsident die Korruption und Kriminalität bekämpfen will.« Mit diesen hoffnungsvollen Worten ordnet Dr. Seibt ein paar der Maßnahmen des seit Januar 2014 amtierenden Präsidenten Juan Orlando Hernández ein. Programme, die vorgeben, die soziale Ungerechtigkeit vermindern zu wollen.

Menschenrechtsaktivisten im Land sehen wenig Grundlage für diese Hoffnung, weder für die Reduzierung der Armut und die Schaffung von Einkommensperspektiven im Land, noch für die Eindämmung der Kultur des Tötens. Sie kritisieren vielmehr die im Namen der Inneren Sicherheit praktizierte Militarisierung des öffentliches Raumes zum Beispiel durch den Einsatz der Militärpolizei. Alarmierend sind die Mitte April veröffentlichten Zahlen der Kinderschutzorganisation Casa Alianza, wonach in den ersten drei Monaten der Hernández Regierungszeit allein 270 junge Menschen unter 23 Jahren ermordet wurden. Im Mai erschütterten Nachrichten über mehrere Massaker an Kindern und Jugendlichen die Öffentlichkeit.

1979 verließ Siegfried Seibt als 37- Jähriger unter anderem die DDR, weil er den Untergang dieses Staates nicht miterleben wollte. Sein Leben lag da noch vor ihm, beruflich und persönlich. Heute sitzt der 72-Jährige inmitten seines Lebenswerkes, das er aufbauen konnte mit Produkten aus einem untergegangenen Staat, sitzt in dieser Leben spendenden Burg, umgeben von einem gesellschaftlichen Leben, das durch die herrschende korrupte und skrupellose Oligarchie von der Kultur des Todes infiziert ist und dessen Staatsgefüge an der Kippe des Untergangs steht.

»Ich habe den Untergang eines sozialistischem Systems gesehen und kenne nun auch den brutalen und herzlosen Kapitalismus. Aber trotz all der Probleme, konnte ich hier etwas aufbauen, daher fühle ich mich nach so vielen Jahren diesem Land gegenüber verpflichtet.«

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