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Unschuldig schuldig

Politisch-philosophisches Theatererlebnis: Benjamin Brittens »Billy Budd« an der Deutschen Oper Berlin

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 4 Min.

Es hat bis in die dreißiger Jahre gedauert, dass der US-Amerikaner Herman Melville (1819-1891) als einer der Großen der Weltliteratur entdeckt und gewürdigt wurde - »Moby Dick«, sein monumentales Hauptwerk, stand noch lange in den Bibliotheken als Sachbuch über den Walfang. Seine letzte posthum publizierte Erzählung »Billy Budd« wurde noch viel später erst als Höhepunkt seines Schaffens entdeckt, gewürdigt und von Hannah Arendt als Parabel des Politischen im Spannungsfeld zwischen Recht und Gerechtigkeit in Zeiten revolutionärer Umbrüche erkannt.

Ende der 50er Jahre entstand daraus ein Opernlibretto, das Benjamin Britten vertonte und 1951 zur Uraufführung in London brachte. Die Deutsche Oper Berlin präsentierte - in Zusammenarbeit mit der English National Opera und dem Bolschoi-Theater - soeben eine revidierte Neufassung von 1960. Der Publikumserfolg war einhellig und stark, nicht zuletzt dank der wunderbar differenzierten Leistung des Orchesters unter der Leitung von Donald Runnicles. Warum stark? Warum einhellig? Man konnte, zumindest beim Premierenpublikum, eine intensive Hörhaltung spüren wie selten. Ganz zu Recht nennt ein Programmheft-Beitrag die Partitur »geradezu hörerfreundlich«, und gleiches ließe sich auch über das das Dirigat sagen.

Die außergewöhnliche Musiksprache dürfte auch und nicht zuletzt der Geschichte gelten, die hier erzählt wird von einem Zwischenfall auf einem englischen Kriegsschiff während des Seekriegs gegen das revolutionäre Frankreich. In der atmosphärischen Luft lag nicht nur dieser Krieg, sondern auch die mögliche Wiederholung von Meutereien der von den Offizieren brutal behandelten, meist gepressten Matrosen. In dieser Situation kommt ein neuer Matrose an Bord, dem sofort die Herzen der geschundenen Mannschaft zufliegen, weil er von einer geradezu übernatürlichen Güte, Freundlichkeit und Ehrlichkeit ist, wie man sie zumindest dort nie erlebt hatte. Aber der engelsgleich Neue trifft sogleich auf einen Gegenspieler, einen nicht nur moralisch verkommenen, sondern abgrundtief bösen Waffenmeister, der die von jenem Billy Budd ausstrahlende Güte nicht ertragen kann und alles tut, diesen mit falschen Anschuldigungen zu vernichten - was ihm auch gelingt; allerdings um den Preis seines eigenen Lebens. Denn der sprachbehinderte Billy erschlägt ihn während eines Verhörs aus Hilflosigkeit angesichts der Lügen seines Verderbers. Billy wird zum Mörder und muss laut Militärgesetz hingerichtet werden. Eine dritte Figur in diesem Konfliktszenario ist der Kapitän. Der fühlt und weiß instinktiv, dass Billy unschuldig ist, aber das Gesetz verlangt nun einmal für Insubordination die Todesstrafe.

Die Intensität, mit der das Publikum sich der in allen Klangfarben und mit Paukenschlägen vibrierenden Musik hingab, die dann auch wieder mit geradezu himmlisch ausgedehnten Pianissimi zurückruderte - diese Intensität entsteht durch das spürbare Engagement und die Anteilnahme an diesem Konflikt und durch unsere Sympathie für den unschuldig schuldig gewordenen Billy. Das Gesetz gibt dem Kapitän, wie er sich einredet, keine Alternative. Billy hingegen akzeptiert das Dilemma des »guten Kapitäns« und nimmt seinen Tod nicht nur ergeben an, sondern am Ende ist er es, der für die Seele das Kapitäns betet: »Lang lebe Kapitän Vere!«

Darf das (staatliche) Gesetz im Konflikt mit der (moralischen) Gerechtigkeit suspendiert und aus taktischen Gründen gebrochen werden - hat Gerechtigkeit Vorrang vor dem Gesetz? Oder: Untergräbt ein pragmatisch gerechtfertigter Gesetzesbruch nicht die Grundfesten des Politischen? Melville gibt keine Lösung des Konflikts - und Benjamin Britten hat wohl gerade darin die Herausforderung für sein Welt- und Gesellschaftsverständnis gesehen. Im Programmheft wird der Komponist zitiert: »Ich beginne eine Oper immer mit den Figuren selbst und den Konflikten, die mich sehr beschäftigen und über die möchte ich mit musikalischen Mitteln etwas sagen.«

Das dürfte ihm und dem Regisseur David Alden hier gelungen sein: Man kann sich den philosophisch-politischen Fragen, die diese Oper aufwirft, nicht leicht entziehen. Man wird gezwungen - und darum auch das Besondere dieser Oper und ihrer Inszenierung - nachzudenken, statt einfach zur Tagesordnung zurückzukehren.

Nächste Vorstellung: 3.6.

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