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Eine runde Sache?

Mit Pilotprojekten in fünf Ländern des Südens will die GIZ zeigen, dass Fußball ein positiver Entwicklungsfaktor sein kann

  • Von Roland Bunzenthal, 
Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 3 Min.
Fußball und Entwicklung: Geht das eine zwingend auf Kosten des anderen oder lässt sich daraus ein stimmiges Gesamtkonzept entwerfen? Eine Frage von entwicklungspolitischer Relevanz.

Die Bilder gehen um die ganze Welt: Proteste gegen die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, die ihren vorläufigen Höhepunkt vor einem Jahr beim Confed-Cup hatten. Ein Protest gegen die Allianz von ausländischen und inländischen Sportfunktionären, einheimischen Bau-Boom-Profiteuren und korrupten Politikern.

Schon vor vier Jahren in Südafrika hatte sich vereinzelt Kritik an den verausgabten WM-Milliarden geregt, wo das Land doch so viel Nachholbedarf im öffentlichen Sektor hat. Selbst die erst 2022 anstehende WM in Katar wirft bereits dunkle Schatten voraus: die Arbeitsbedingungen an den Stadion-Bauwerken verstoßen gegen fundamentale Menschenrechte.

Die Entscheidung für den ölschweren Wüstenstaat als nächsten Austragungsort sei ein Fehler gewesen, übt der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Rainer Koch, etwas Selbstkritik. Katar sei «einfach mit der Aufgabe überfordert».

Auf einer Podiumsdiskussion in Frankfurt am Main mit dem Titel «Fußball und Entwicklung» sieht sich Koch zwei Praktikern der hohen Fußballkunst gegenüber. Nia Künzer Ex-Nationalspielerin, ist jetzt bei der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) für ein Pilotprogramm der Fußballförderung in Entwicklungsländern zuständig. Dritter im Bunde ist Hans Adu Sarpei, Ex-Nationalspieler Ghanas und langjähriger Bundesliga-Profi. «Die brasilianische Bevölkerung habe nicht das Gefühl, an der WM wirklich teilzunehmen», meint Künzer. «Die Gewinne aus der WM streicht die FIFA ein», ergänzt Sarpei. Koch verteidigt gleichzeitig den internationalen Fußballverband: Er leite einen Teil der Mittel durch zu den ärmeren Mitgliedsverbänden.

Mit den fünf Pilotprojekten in Namibia, Mosambik, Kolumbien, Brasilien und Afghanistan soll ein neues entwicklungspolitisches Konzept getestet werden: Fußball als sozialpädagogisches Hilfsmittel. Angesichts von geschätzten 80 Millionen Fußball spielenden Jugendlichen allein in Afrika sei die Einladung zum gemeinsamen Fußballtraining zugleich ein Tor für die Alphabetisierung, die Gesundheitsförderung (zum Beispiel Aids-Prävention) sowie den Abbau von Gewalt.

Auch schon früher hat der DFB punktuell die aufstrebenden Spieler aus dem globalen Süden unterstützt - mit seiner Suche nach neuen Talenten, verschenkten Werbetrikots oder beim Bau von Sportplätzen. Meist initiiert und getragen von einzelnen Aktivisten. Umgekehrt gehört es zunehmend zum Geschäft der großen Vereine, günstiges «Spielermaterial in den armen Ländern einzukaufen - ein moderner Sklavenhandel, wie Kritiker bemerken. Dahingegen will Künzer die breite Masse der Jugendlichen erreichen. Allerdings sind die Stars ein wichtiger Faktor bei der Mobilisierung der jungen Spieler - so hat Hans Sarpei bei Facebook rund 500 000 Follower.

»Drei Hoffnungen verbinden sich mit dem Entwicklungsfaktor Fußball«, schreibt der Aachener Politologe Colin Kraft in seinem Buch »Ist Fußball ein Mittel der Entwicklungspolitik?« Erstens die Erwartung, durch die zusätzlich notwendigen Investitionen in die Infrastruktur das Wirtschaftswachstum im Land anzuschieben. Das hänge aber stark von der Art der Finanzierung ab. Zweitens der Glaube an die Konflikt mindernde und integrierende Wirkung des Fußballs - die gerne als »eine gemeinsame Sprache der Völker« hochstilisiert wird. Und zuletzt die Hoffnung von Millionen Jugendlichen auf eine Karriere als hochbezahlter Profispieler. »Diese Hoffnungen erfüllten sich jedoch nur selten«, meint Kraft.

Die sieben Millionen Euro für das gemeinsame Programm von GIZ, Entwicklungsministerium und DFB verteilt über drei Jahre, sind allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Angesichts der Gelder, die im Profifußball fließen, wäre die anderswo funktionierende Public-Private-Partnership ein Ansatz für eine breitere Strategie der Bewusstseinsbildung von Jugendlichen in den Entwicklungsländern, aber auch für Antirassismus und Anti-Gewalt-Erziehung von jungen Fans in Deutschland.

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