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Per Umschulung zur WM

Joachim Löw streicht drei Spieler aus dem Kader, Erik Durm nimmt er mit nach Brasilien

  • Von Klaus Bergmann und Jens Mende, Mönchengladbach
  • Lesedauer: 3 Min.
Drei Spieler strich Joachim Löw am Montag von seiner WM-Liste. Erik Durm war nicht dabei. Der Länderspielneuling von Borussia Dortmund kämpft plötzlich sogar um einen Platz in der WM-Startelf.

Von drei auf eins! Für Senkrechtstarter Erik Durm ist mit der WM-Teilnahme ein »kleines Märchen« wahr geworden - und in Brasilien könnte es noch viel besser kommen. Denn nach dem tiefen Fall seines Dortmunder Vereinskollegen Marcel Schmelzer, der im Trainingscamp in Südtirol wegen Knieproblemen kaum belastbar war, steht der 22 Jahre alte Durm zwei Wochen vor dem Ernstfall gegen Portugal plötzlich als größter deutscher WM-Gewinner da.

Am Tag nach seinem beachtlichen Länderspieldebüt beim 2:2 gegen Kamerun beförderte Joachim Löw den umgeschulten Offensivspieler Durm sogar zum heißen Kandidaten auf den linken Außenverteidigerposten in der WM-Startelf. Der ungleich erfahrenere Schmelzer, der mit sechs Einsätzen noch Linksverteidiger Nummer eins in der WM-Qualifikation gewesen war und in der abgelaufenen Saison auch beim BVB in der Hierarchie vor Durm stand, stürzte dagegen umgekehrt von eins auf drei ab. »Auf der linken Seite sehe ich Erik Durm, der gegen Kamerun auch ein gutes Spiel gemacht hat. Und Benny Höwedes kann da spielen«, sagte der Bundestrainer am Montag zur Doppelbesetzung der linken Abwehrseite im WM-Kader. Eine Rückkehr von Philipp Lahm auf die linke Seite hatte Löw schon am Vorabend in Mönchengladbach »definitiv« ausgeschlossen. »Es kann nicht sein, dass er alle zwei Jahre bei einem Turnier von einem Tag auf den anderen von der einen Seite auf die andere wechselt. Er spielt entweder im defensiven Mittelfeld oder rechts«, sagte Löw zu seinen WM-Plänen mit dem 30-jährigen Kapitän.

Das WM-Aus für den 16-maligen Nationalspieler Schmelzer war die bemerkenswerte Ansage von Löw bei der Reduzierung des WM-Kaders von 26 auf 23 Akteure. Auch den Hoffenheimer Angreifer Kevin Volland und Innenverteidiger Shkodran Mustafi von Sampdoria Genau erwischte es. »Natürlich sind Shkodran, Marcel und Kevin nun sehr enttäuscht. Ich verstehe das«, sagte Löw und sprach dem Trio Mut für die Zukunft zu: »Sie haben noch die Möglichkeit, einige große Turniere zu spielen.«

Jubeln durften vor dem Start in den Kurzurlaub andere, zum Beispiel der Mittelfeldspieler Christoph Kramer von Borussia Mönchengladbach. Oder eben Durm. Noch bei der Nominierung des erweiterten WM-Aufgebotes von 30 Spielern am 8. Mai war der bei Borussia Dortmund von Trainer Jürgen Klopp vom Stürmer zum Verteidiger umgeschulte Durm nur die Nummer drei hinter Schmelzer und dem turniererfahrenen Marcell Jansen gewesen. Vor dem WM-Trainingslager strich Löw den Profi vom Hamburger SV aus Fitnessgründen, am Montag folgte nun Schmelzer. Durm hat seine Chance genutzt. Gegen Kamerun wartete er mit einem ansprechenden 84-Minuten-Debüt im Nationaltrikot auf. »Seine Aufgabe hat er gut gelöst, er hat mitgespielt, er war sehr aufmerksam«, lobte Löw. Der vielseitig verwendbare Höwedes ist nun Durms Konkurrent. Durm könnte davon profitieren, dass bei der WM in Mats Hummels neben ihm in der Abwehr und in Marco Reus vor ihm auf dem linken Flügel zwei BVB-Kollegen auflaufen könnten, mit denen er eingespielt ist.

Schon im BVB-Dress konnte der neue Hoffnungsträger gerade im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid mit erstaunlicher Abgeklärtheit auch Tribünengast Löw beeindrucken. »Real war ein Highlight, aber das heute hat noch einmal einen höheren Stellenwert«, sagte Durm überglücklich nach seiner Länderspielpremiere gegen Kamerun. Ein »Kindheitstraum« sei in Erfüllung gegangen, offenbarte er. Jetzt geht der Traum in Brasilien weiter. Fußballmärchen gab es bei großen Turnieren immer wieder. Thomas Müller debütierte vor vier Jahren auch erst kurz vor dem WM-Turnier im Nationalteam und wurde dann in Südafrika sensationell Torschützenkönig. Und der junge Sami Khedira füllte bei der Endrunde 2010 couragiert die riesige Lücke im Mittelfeld, die der verletzte Kapitän Michael Ballack hinterlassen hatte. dpa

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