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Kurras war die Ausnahme

Das MfS wusste viel über Westberliner Polizisten, die Zahl der IMs indes war überschaubar

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehr als 16 000 Polizisten in Westberlin waren im Visier der Stasi. Das entspricht einer Quote von 80 Prozent. Von dem Anschlag auf die Diskothek »La Belle« hatte das MfS eine Woche vorher Kenntnis.

Im Mai 2009 sorgte eine Nachricht für große Aufregung: Karl-Heinz Kurras, jener Westberliner Polizist, der am 2. Juni mit seinem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg für die Radikalisierung der Studentenproteste sorgte, - er war IM der Stasi und SED-Mitglied. Es folgten erregte Diskussionen über die Ermordung Ohnesorgs und zur Bewertung der 68er-Bewegung. Ein Ergebnis: Kurras handelte bei seiner Tat nicht auf Geheiß der Stasi; diese zeigte sich vielmehr überrascht.

Für die Berliner Polizei indes war der Fund Anlass, den Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihre Organisation wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Das Gesamtergebnis dieser von dem »Forschungsverbund SED-Staat« der Freien Universität durchgeführten Studie liegt nun gedruckt vor. Vorgestellt wurde das Buch »Feindwärts der Mauer« am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Bereits 2011 war für den Zeitabschnitt 1950-1972 ein Zwischenergebnis der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Demzufolge habe das MfS in den 1950er und 1960er Jahren über zehn bis 20 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in bzw. im näheren Umfeld der Westberliner Polizei gehabt. Bis 1972 seien zudem in einer Personalkartei Angaben über 7 209 Polizeibeamte gesammelt worden. »Nach der Einführung der EDV-Erfassung und der Ausweitung der Zuständigkeit für die Westberliner Polizei auf mehrere MfS-Diensteinheiten gelang dem MfS bis Ende der 80er Jahre die Registrierung von etwa 80 Prozent der über 20 000 Beschäftigten im Westberliner Polizeidienst«, fasst Klaus Schroeder ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zusammen. Und Jochen Staadt, wie Schroeder Mitarbeiter des »Forschungsverbundes SED-Staat« und Herausgeber des Buches ergänzt: »Die Stasi wusste vieles über deren finanzielle Situation, Privatadressen und Telefonanschlüsse, ja sogar vielfach auch über ihr privates Umfeld.«

Gleichwohl: Eine Unterwanderung der Polizei Westberlins sei dem MfS nicht gelungen, sagt Polizeipräsident Klaus Kandt. Ab 1972 habe es zwar unzählige Anwerbungsversuche seitens der Stasi gegeben. Doch nur elf ließen sich als IM anheuern. Grund hierfür: Durch den Mauerbau seien zahlreiche persönliche Kontakte abgerissen worden und es habe sich eine andere Alltagskultur entwickelt. Zudem habe es keine Überzeugungstäter mehr gegeben. Die wenigen Spione ließen sich bezahlen oder wurden durch die Stasi erpresst.

Insgesamt habe es in dem gesamten Untersuchungszeitraum von 1950 bis 1989 den MfS-Überlieferungen zufolge über 200 Inoffizielle Mitarbeiter gegeben, »die zur Informationsgewinnung im Umfeld der Westberliner Polizei und ihres Personals zum Einsatz kamen«, heißt es resümierend in der Einleitung des Buches. Die Zahl von 200 kommt dadurch zustande, weil die Agenten nicht ständig im Einsatz waren, sondern etwa nach politischen Ereignissen wie der militärischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands wieder absprangen - und neue dazukamen. Die Platzierung von Karl-Heinz Kurras sei somit ein herausragender Ausnahmeerfolg für das MfS gewesen.

Mit Aufkommen des westdeutschen Terrorismus änderte sich die Tätigkeit der Stasi. Zunächst war sie noch davon ausgegangen, dass die Westberliner Polizei eine militärische Rolle bei einem etwaigen Angriff von westalliierten Streitkräften auf die DDR spielen könnte. Durch die eigene Arbeit kam man indes darin über ein, dass an dieser These nicht so viel dran sei. »Sie ist stillschweigend aus dem einschlägigen Schrifttum verschwunden«, sagt Schroeder. Nunmehr bemühte sich die Stasi, Mitglieder der RAF zu überwachen und vor dem Zugriff westlicher Sicherheitsbehörden zu schützen. Ihr gelang es sogar, in das Fahndungssystem der Landespolizei INPOL einzudringen und dort eigene Abfragen einzuspeisen. Dennoch betrachtete das MfS die Polizei Westberlins weiterhin als »eine bewaffnete gegnerische Kraft« und sammelte nicht nur über Personal, sondern auch über Gebäude und Ausrüstung Informationen, »falls Westberlin in die Verfügungsgewalt der Sowjetunion und der DDR geraten würde«. Besatzungspläne wurden zusammen mit der NVA und der Volkspolizei bis in die späten 80er Jahre aktualisiert.

Eine weitere neue Erkenntnis: Das MfS hatte durch einen IM mit dem Decknamen »Alba« eine Woche vorher Kenntnis von dem Bombenanschlag auf die Diskothek »La Belle« Anfang April 1986 in Schöneberg, bei dem drei Menschen umkamen.

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