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Die Frau, die mir gegenüber sitzt

Platz 2

  • Von Herbert Grigull aus Bitterfeld
  • Lesedauer: 5 Min.
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Die OP am offenen Herzen sollte mein Leben in vielerlei Hinsicht verändern. Ich konzentrierte mich zunächst auf die drei Wochen in der Rehaklinik. Im Abschlussgespräch hatte mir der Oberarzt eingeschärft, nach meinen drei Bypässen es ruhig angehen zu lassen. In der Rehaklinik würden gezielte Maßnahmen durchgeführt, damit ich zu einem normalen Leben zurückfinden kann und damit die lebenswichtigen Funktionen wieder hergestellt werden.

Am ersten Abend bin ich auf dem Weg in den Speisesaal. Abendessen. Tisch Nr. 35 hatte man mir gesagt. Fünf Personen sitzen am Tisch. Ein Stuhl ist frei. Ich begrüße alle mit einem freundlichen »Guten Abend«. »Endlich ist der Platz besetzt«, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. »Jetzt sind wir vollzählig«.

Da es abends ein Buffet gibt, stelle ich mir etwas zusammen: Salat, etwas Wurst und Käse, Vollkornbrot, ein Apfel. »Der junge Mann versteht etwas vom Essen«, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. »Auch ich esse die Wurst gern, die er sich auf den Teller gelegt hat.« Ich lasse mich nicht beirren und beginne zu essen. Um etwas zur Konversation beizutragen, frage ich die Frau gegenüber, wie lange sie schon hier ist. »Vier Wochen«, sagt sie, »und zwei Wochen bleiben wir noch.« Sie weist auf ihren Mann hin, der neben ihr sitzt und bislang kein Wort gesagt hat. Dann schaut sie mich an. »Es macht Freude zuzusehen, wie jemand herzhaft ins Brot beißt. Sie hauen ganz schön rein. Sie haben guten Appetit.« »Eine halbe Schnitte, ein kleines Brötchen und das bisschen Salat, das ist doch nicht viel für einen ausgewachsenen Mann«, sagt meine Nachbarin zur Linken. »Ach so«, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt, »so genau habe ich nicht hingesehen, ich sehe nur, dass er mit großem Appetit isst.«

Auf dem Tisch stehen volle Wasserflaschen. »Kann ich mich da bedienen?«, frage ich in die Runde. »Das ist Ihre Flasche«, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. »Das ist Wasser mit Kohlensäure versetzt. Mein Mann und ich, wir trinken nur stilles Wasser. Wegen unseres Darms.«

Der Happen, den ich gerade zum Mund geführt habe, will mir im Hals stecken bleiben. »Wasser mit Kohlensäure regt meinen Darm unnötig auf. Er muss immer still gehalten werden«, plaudert sie weiter. Ich strenge mich an, nicht hinzuhören. »Bei meinem Mann ist das ganz schlimm. Er hat psychisch bedingte Störungen der Darmtätigkeit. Darmneurosen nennt man das. Mein Mann muss starke und vor allem lang andauernde Aufregungen vermeiden. Das kann zu Darmkrämpfen führen. Ich habe sehr häufig einen Darmkatarrh. Das ist eine meist harmlose Störung der Darmtätigkeit mit Durchfall und Leibschmerzen.« Sie holt Luft und beißt in ein Hühnerbein. »Im schlimmsten Fall kann das zu Verstopfungen führen. Manchmal bekomme ich dann einen Dauereinlauf. Das ist ein Darmbad, bei dem der Dickdarm mit Spülflüssigkeit gereinigt und vom After her entleert wird.«

Ich schiebe meinen Teller weg und lege das Besteck beiseite. Die Frau, die mir gegenüber sitzt, schaut mich an. »Viel haben Sie aber nicht gegessen«, stellt sie fest. Dann schaut sie auf meinen Salat. »Salat kann ich auch nicht essen. Wenn ich Salat esse, muss ich immer pupsen. Das ist mir dann unangenehm, wenn ich in Gesellschaft bin. Meinem Jungen übrigens auch. Wenn er Salat isst, muss er auch pupsen. Er sagt, er pupst öfter im Büro.«

Am nächsten Tag gehe ich zum Mittagessen. Der Speisesaal ist fast leer. Ich gehe mit Absicht etwas später, in der Hoffnung, die Frau, die mir gegenüber sitzt, nicht anzutreffen. Aber sie sitzt mit ihrem Mann bereits am Tisch. »Mahlzeit«, sage ich. »Wir haben schon gegessen«, sagt sie. »Was gibt es denn?«, frage ich. »Sie haben einen Löffel vor sich liegen. Sie bekommen Eintopf. Für uns ist das aber nichts. Das Fleisch ist hart und das kann ich mit meinen dritten Zähnen nicht beißen.« Ich atme tief durch. Die Freude auf das Mittagessen ist verschwunden. »Ich habe oben und unten dritte Zähne«, fährt die Frau fort. »Da geht das nicht. Das Fleisch ist zu zäh. Mein Mann hat nur oben Dritte. Aber er hat auch keine Suppe genommen. Auch er kann das Fleisch nicht beißen. Wir haben Fisch·gegessen. Ein paar Gräten haben sich unter meine Prothese geschoben.« Ich hole tief Luft. Ich versuche, meine Ohren zu schließen. »Haben Sie auch dritte Zähne?« »Nein.« »Dann können Sie ja das Fleisch beißen.«

Lustlos stochere ich in der Suppe herum. Nach einer Weile sagt die Frau: »Ist das Fleisch wirklich so zäh, wie man sagt? Sie haben doch noch Ihre echten Zähne. Sie müssen das doch wissen.« »Nein, das Fleisch ist nicht zu hart.«

Ich stehe hungrig vom Mittagstisch·auf. In reichlich zwei Stunden öffnet die Cafeteria. Ich freue mich schon auf ein Stück Kuchen und eine heiße Schokolade. Hoffentlich ist die Frau, die mir gegenüber sitzt, nicht anwesend.

Der 76-Jährige schreibt schon längere Zeit Geschichten, am nd-Schreibwettbewerb hat er sich jedoch erstmalig beteiligt. »Versuch es einfach, sagte ich mir. Besser hätte mein Einstieg nicht sein können. Ich bin überglücklich«, freut sich der Diplomdolmetscher und Übersetzer.

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