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Der konnte träumen

Der Dichter Kuba wäre 100 Jahre alt

  • Von Erhard Scherner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Geboren am 8. Juni 1914 - sein Leben reicht in jenen Krieg zurück, der dem Jahrhundert die Richtung vorgibt. Der Junge wird fragen und ohne Antwort bleiben, wie ein Offiziersbursche in Lille seinen Vater, den Eisenbahner und Kriegsgegner Bruno Walter Barthel, erschießen kann, ohne dass eine Untersuchung erfolgt. »Auf dem Bilde da, das war dein Vater, mein Kind« - ist 1934 Ursprung eines frühen Gedichts. Bis ans Ende seines Lebens - ein kurzes, verzehrendes Leben - wird Kuba Feind des Militarismus und des Krieges sein.

Als Malergeselle bei Meister Fröhnert in Chemnitz, Kurt Barthel kommt vom Bodensatz der bürgerlichen Gesellschaft. Von unten her sieht er ihre Gebrechen. Schon im März 1933 muss er nach Böhmen emigrieren. Angeregt von der tschechischen Volkspoesie entstehen Gedichte von großer Schönheit: »Wenn es Frühling wird auf Erden,/ wenn die süchtgen Wunden heilen -/ wird es für die alten, feilen/ Herren langsam Winter werden.// Kragen hochgeschlagen, Bruder,/ Hände in die Hosentaschen./ Tausend Büttel wolln dich haschen./ Viele Wege gibt es, Bruder.« Er schreibt Gedichte wie das »Judenliedchen«, »Böhmischer Frühling«, »Gruß an die Tschechen«.

Nach neuerlicher Flucht, in Großbritannien, heiratet Kuba die jüdische Emigrantin Ruth Berlowitz. Dort erlebt er den Hitlerkrieg, wird erst einmal als Enemy Alien interniert: »08 - das ist ein Stacheldrahtkarree/ somewhere in England,/ somewhere im Heidekraut./ Hier tut die Sonne weh -/ Hier macht kein Morgen froh,/ hier weht der Wind so laut,/ Lager im Heidekraut,/ keiner weiß wo.« Freigekommen, ist er Bauarbeiter im bombardierten London. Nachts arbeitet er an seinem »Gedicht vom Menschen«, Poem von der Menschwerdung des Menschen. Das wird, im Oktober 1946 heimgekehrt ins zerschlagene Berlin, sein großer Erfolg.

Ein Lied, das wir in der antifaschistischen Jugend gern sangen, war ihm vorausgeeilt: »Es rosten die starken Maschinen,/ gelähmt liegt das fruchtbare Land,/ und möchte doch blühen und dienen …« (»Musik: D. Schostakowitsch. Dichter unbekannt.«) Es war wie für uns geschrieben und meinte doch die alte Tschechoslowakei in Agonie.

Mit einem Mal ist Kuba einfach da. Ich erlebe ihn in der Volkshochschule, ein schmaler Mann mit Sommersprossen und Rotschopf, keine Schönheit. Kuba liest und erzählt, rückt die Hornbrille, sein Gesicht blüht auf, er zieht den Saal in seinen Bann. Im zerstörten, hungernden Berlin spricht ein Mann vom Leben, von Schuld und von einer besseren Zukunft - dieses im Heute das Morgen Sehen: ein Wesensmal seiner Poetik. Was gab es Besseres, als den Zweifelnden oder Verzweifelten in Nachkriegsdeutschland Mut zu machen.

In Hohen Neuendorf ab ’48 sind wir vom Arbeiterstudentenheim quasi Nachbarn. Eher beiläufig gibt Kuba seine Geschichte preis. Ich höre von Dichtern, und er bietet die Gedichte dazu, auswendig: von Omar, dem Zeltemacher aus dem alten Persien bis zu Walt Whitman, Jiri Wolker, Majakowski und Brecht. Kubas unkonventionelles spontanes Wesen, seine den Jüngeren zugewandte Offenheit, sprach uns an. Der konnte träumen. War kein Maulredner. Glaubte, was er sagte. Das gilt ebenso für seine Texte, auch für die »Kantate auf Stalin« von 1949 (Musik Jean Kurt Forest).

Als Leiter der Kulturarbeit in der Maxhütte, als Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes und als Zentralratsmitglied der Freien Deutschen Jugend stürzt sich Kuba in die Arbeit. Er erfährt hohe gesellschaftliche Anerkennung, auch harsche Kritik, so für die »Karl-Marx-Kantate« (ebenfalls mit Forest) 1953 oder, 1960, für sein Theaterstück »Bauernkantate« durch die SED-Parteiführung, der er als ZK-Mitglied angehört.

Das alles ist nun mehr als 60 Jahre her, und was für Zeiten. Im Kalten Krieg bleibt kein gutes Haar am Osten und an seinen Dichtern. In dem Maße, wie Kubas Gedichte und Lieder (»Brot und Wein«, »Zimmermannstanz«, »Lied vom glücklichen jungen Kapitän« u. a. m.) populär werden, erfolgt die schroffe Abweisung. Kuba wird bedenkenlos zur Unperson stilisiert oder einfach totgeschwiegen.

Das »Französische Partisanenlied« (M. Druon) im »Liederbuch der Nationalen Volksarmee« (1957), ebenso dort das »Jüdische Partisanenlied« (Hirsch Glick), überträgt Kuba für eine deutsche Armee, die in keinen Krieg, in keinen Auslandseinsatz ziehen wird.

Veränderungen in der Gesellschaft wollen literarisch bewältigt sein. Nun reicht die Sicht von unten nicht aus, ein gutes Gedicht zu schreiben, Texte gelingen, Texte misslingen ihm. Kuba spürt die Krise und merkt: »Es dichtet nicht.«

Er schreibt Filmszenarien für »Hexen« (Regisseur: Helmut Spieß), für Filme, die unter Kurt Mätzigs Regie entstehen: »Vergesst mir meine Traudel nicht« und das zweiteilige Werk »Schlösser und Katen«. Die Gestalt des »Krummen Anton« (Reimund Schelcher), der in widerspruchsvollem Ringen seine Unterwürfigkeit verliert, hat es ihm angetan.

Rügen blüht auf mit der Naturbühne in Ralswiek: Kubas »Dramatische Ballade vom Klaus Störtebeker« (Musik Günter Kochan), gespielt von Schauspielern des Volkstheaters Rostock und Laien aus hundert Zirkeln, bieten Sommer um Sommer für hunderttausend Besucher ein poetisches Spektakel.

Ein ungewöhnlicher Mann hat seine Arbeit getan. Am 12. November 1967, stirbt, 53-jährig, ein Dichter, ein Freund. Was man über unsre Tage sagen wird, bleibt offen.

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