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Schönheit zieht an

Mit dem neuen Herzoglichen Museum hat Gotha einen wichtigen Impuls bekommen

  • Von Danuta Schmidt, Gotha
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Herzogliche Museum Gotha ist mit seiner dauerhaften Kunstsammlung der Gothaer Herzöge zum größten Thüringer Kunstmuseum geworden. Und es entwickelt sich zu einem Besuchermagneten.

«Den Besucheransturm am 19. Oktober habe ich noch sehr genau in Erinnerung. Ich war selbst sehr überrascht» erinnert sich Stiftungsdirektor Martin Eberle an die Eröffnung der Herzoglichen Museums Gotha. 10 000 Leute waren gekommen: «Das waren nicht nur Kunstkenner. Ich hatte das Gefühl, jeder ist gekommen. Auch Leute mit Plastiktüten, also nicht die typischen Kunstmuseums-Besucher. Alle waren sehr geduldig, obwohl es lange Schlangen gab.»

Eberle hat sich an diesem Tag unter die Leute gemischt, sich in die Mitte des Raumes gestellt und die Menschen beobachtet. «Das waren ja spontane Reaktionen. Das war natürlich. Ich wollte wissen, wie und wo die Leute länger stehen bleiben, wie sie schauen. Die Schönheit des Ortes wirkte.»

An den Gesichtern habe er viel ablesen können, Überraschung, Erstaunen, Freude, erzählt der Stiftungsdirektor. Das kann kein Gästebucheintrag vermitteln. «Trotzdem nehme ich seit Anfang an die Besucherstimmen im Gästebuch sehr ernst. Besonders die kritischen. Nicht alles ist umsetzbar, aber wir arbeiten immer an der Verbesserung.»

Viele Gothaer waren schon da, manche auch mit zwiespältigen Gefühlen. Einige vermissen ihr Naturmuseum, das aus dem frühbarocken Bau raus musste, um den Kunstsammlungen aus dem 19. Jahrhundert Platz zu machen. Aus Thüringen und ganz Deutschland kommen die Besucher seither, aber auch aus den Niederlanden, Italien, England. Zwischen Januar und April 2014 kamen bereits 20 000 Menschen mehr in den Gothaer Museumskomplex, zu dem das Herzogliche Museum gehört, als im Vorjahr zur gleichen Zeit. Die Ausstellungen auf und um Schloss Friedensstein wurden zuletzt von rund 105 000 Besuchern jährlich besichtigt.

«Das ist schon was für so eine kleine Stadt wie Gotha», sagt Eberle. «Der Hamburger reist ja nicht extra wegen unseres Museums an. Das ist ja mit der Museumslandschaft in Berlin oder München nicht vergleichbar.» Die Leute kämen in erster Linie nach Thüringen, um sich die Städte anzuschauen, die Kultur und die Natur. «Ich hoffe, dass wir in diesem Jahr die 200 000er-Marke knacken.»

Schon im 19. Jahrhundert hat man sich Sorgen um die Besucherzahlen gemacht. Die Stiftungsmitarbeiter haben in den Akten einen Eintrag dazu gefunden: «Wir brauchen dringend wieder mehr Schulklassen.» Heute kämen durchaus wieder viele Schulklassen, berichtet Eberle. «Allerdings sei das Museumskonzept ja eher ein altmodisches, denn es gehe ganz klassisch um das Sehen. Ziel sei es, das Auge zu schulen, wieder genau hinzusehen. Einige Besucher vermissten die Interaktionen wie man sie aus skandinavischen Museen kennt, in denen man sich verkleiden oder sich an Ausgrabungen oder Wissenstests beteiligen kann. »Das war nicht unser Ansatz«, erklärt der Stiftungsdirektor. »Wir wollten auch nicht alles zeigen. Weniger ist mehr.« Die Ausstellung ist auf das ausgewählte Objekt ausgerichtet, ob das die Farbigkeit betrifft, die auch eine hohe Dramaturgie schafft oder das Licht, das beispielsweise die antiken Vasen so gut ausleuchtet, dass jedes kleinste Detail in Form und Farbe zu sehen ist.

»Der Besucher muss es erst einmal optisch spannend finden, dann nähert er sich dem Objekt und dann liest er die dazugehörige Erläuterung«, so Eberle. Dafür sei in der Ausstellung die technische Finesse sehr innovativ. »Wir müssen ja in diesen Zeiten nicht mehr komplette Säle klimatisieren.« So hat man nach Lösungen gesucht, um Klimatechnik möglichst unsichtbar direkt am Objekt anzubringen.

Um das sehr individuelle Museumskonzept, das im 21. Jahrhundert erklärt, wie und was im 19. Jahrhundert gesammelt wurde, zu begutachten, kommen auch viele Experten aus ganz Deutschland, sogar aus Russland. Im März war die Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums zu Gast, um sich Anregungen für einen Umbau zu holen.

Das Gästebuch ist voller Einträge. Tadel gibt es nur wegen der Ausstellungsschilder, die zu klein beschriftet und nicht immer beleuchtet seien. Sonst sind die Besucher überschwänglich in ihrem Lob. Besonders gut gefiel dem Stiftungsdirektor der Eintrag eines Weimarer Ehepaares, dem das Museum sehr gefallen hat: »Hiermit erklären wir die Teilung von 1640 für ungültig.« Damals wurde das Herzogtum Sachsen-Gotha vom Herzogtum Sachsen-Weimar abgeteilt.

Derzeit ist im Herzoglichen Museum eine Sonderausstellung mit historischen Kunstwerken aus den Kaiserhäusern in China und Japan zu sehen. Die Sammlung ist täglich geöffnet, auch am Montag.

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