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Nomaden zu Gast in den Steppen Berlins

Das Festival »Crossing Identities« im Radialsystem V

Zuweilen wird man erst durch Gäste von weither auf bislang unbekannte Aspekte des eigenen Lebensumfelds aufmerksam gemacht. Im Rahmen des Festivals »Crossing Identities - Beginners, Experts, Hybrids« (13.-15. Juni) stellen mongolische Künstler - Sänger, Musiker, Tänzer und bildende Künstler - nicht nur eigene Arbeiten in traditionellen und modernen Techniken vor. Sie erkunden auch die Umgebung des Festivalzentrums Radialsystem und klopfen sie dabei auf Steppencharakteristika ab. Zugleich inspirieren sie Berliner Künstler zu ähnlichen Unternehmungen. »Crossing Identities« stellt dank der Gegenseitigkeit der Erkundungsrichtungen ein faszinierendes Beispiel der Kulturbegegnung dar.

Ein erster Teil, der »Parcours Dream Cities oder: The Waste Land« machte auf Steppenlandschaften inmitten Berlins, nördlich und südlich der Spree auf Höhe des Radialsystems, aufmerksam. Auf unbebautem, verstepptem Land haben sich nomadische Besiedlungsformen wie etwa das »Teepee Land« am Kreuzberger Ufer herausgebildet. Osteuropäische EU-Migranten und Berlin-Dauerurlauber aus aller Welt haben hier eine Zeltstadt errichtet, bei der sie sich auch der traditionellen Jurtentechnik mongolischer Nomaden bedienen.

Das »Teepee Land« wirkt wie eine Miniversion der Jurtenstädte, die sich rings um die mongolische Hauptstadt Ulan-Bator ziehen. Entstanden sind sie in Folge der Privatisierung von Staatseigentum, erläutern Mitglieder einer Projektgruppe von Achitektur- und Urban-Design-Studenten der TU Berlin standesgemäß in einer neben dem Radialsystem aufgebauten Jurte. Mittlerweile leben mehr als die Hälfte der etwa 1,3 Millionen Einwohner Ulan-Bators auf jeweils 700 Quadratmeter großen Parzellen. Auf ihnen stehen neben der klassischen Jurte häufig Einfamilienhäuser, die ein hybrides Wohnen ermöglichen. Bei Temperaturdifferenzen zwischen bis zu 40 Grad im Sommer und bis zu minus 50 Grad im Winter hat die traditionelle Bauweise aus Tierhäuten und Textilien sogar Vorteile. Eine Synthese aus beiden Bauweisen entwickelte die Studentengruppe: Einfamilienhäuser, die statt aus Stein und Zement aus variablen Bausteinen errichtet werden, die selbst nichts anderes sind, als mit Tierhäuten und Textilien bespannte Holzrahmen.

Während hier eine Berliner Initiative einen Trendwechsel in der Mongolei einleiten könnte, sorgt die Tänzerin und Choreografin Enkhgerel Dash-Yaichil für eine überraschende Berliner Versöhnung. Im Rahmen ihrer Performance-Serie »Alga Bolokh« (Vom Verschwinden), mit der sie in Ulan-Bator der einstigen Größe des von Bebauungsvorhaben minimierten Nationalparks nachspürte, ist sie in Berlin dem Röhrensystem des Abwassers gefolgt, das einst vom Radialsystem auf die Rieselfelder am Stadtrand geleitet wurde. Die alten Felder hat sie als Biotope für neue Pflanzen- und Tierarten entdeckt. »Berlin hat hier der Natur wieder etwas zurückgegeben«, sagt sie. Auf dem Gelände in Falkenberg führt sie eine Variante des Tsamtanzes auf, eines Volkstanzes, der aus rituellen Tänzen tibetanischer und indischer Mönche entstanden ist. Dash-Yaichil verknüpft dabei in der Figur des weisen Mannes spirituelle und reale Welten miteinander. Per Video gelangt diese tänzerische Versöhnung von den äußeren Enden des Radialsystems in die innerstädtische Zentrale zurück.

Musikalischer Höhepunkt des Festivals verspricht das Konzert des Obertonsängers Hosoo mit seiner Begleitband Transmongolia - u.a. mit Pferdekopfgeige und Obertonflöte - zu werden. Im »Noise«-Projekt kooperieren sie zudem mit Berliner Protagonisten der Neuen Musik.

Das Festival verweist auch auf Probleme wie etwa die zunehmende Ausbeutung des Bodens durch globale Bergwerksunternehmens. Der gefürchtete Dschingis Khan wäre übrigens gegen die kommerziellen Maulwürfe, erfährt man. In seiner Jassa-Gesetzgebung bestrafte er diejenigen, die tiefe Löcher in die Erde gruben, mit dem Tode. Gleiches Schicksal ereilte jene, die in Seen und Flüsse urinierten. Dschinghis Khan als Naturschützer ist ein völlig neuer Aspekt. Den Berliner Badegewässern würde eine abgeschwächte Jassa-Gesetzgebung förderlich sein.

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