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»Wendewut« und »Nichtgelebtes«

Literatur auf ideologisch besetztem Terrain

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 8 Min.

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»Wendewut« hieß 1990 eine Erzählung von Günter Gaus. Im »Spiegel« wurde sie sofort lustvoll mit Hohn übergossen. Dass er die »gewöhnlichen Menschen« behütet sehen will vor »jeder ideellen und materiellen Überforderung«, zeige wohl des Autors »schöne Seele«. Nun fühle er sich »von der Weltgeschichte hintergangen: Die DDR wollte einfach nicht die ihr von Gaus zugedachte ›Entwicklung ohne Sprünge und Brüche‹ nehmen, sie ging einfach zu Bruch.« - Das mediale Frohlocken über das Fiasko hält bis heute an.

Gewiss verrät Gaus’ Ausflug in die Prosa immer noch den Journalisten, doch hat er damals literarisches Neuland betreten. Aus seiner Sicht - allerdings in dritter Person - beschrieb er eine Frau aus dem DDR-Kulturapparat, die sich im Herbst 1989 abrupt von ihrer SED-Mitgliedschaft abkehrte und sich von nun an unduldsam gegen alle »Zweifler und Skeptiker« wandte, was die veränderten Verhältnisse betraf. Dieser »Damm zu ihrem Schutz«, bekommt nach Gaus’ Beobachtung allerdings Risse, als der Frau schwant, dass es eine »Ungleichheit von Mitläufern« gibt (je nachdem aus welcher Partei). Heutige Anpassung wird ihr berufliche Ausgrenzung nicht ersparen.

Sie muss zu jener Nüchternheit finden, die der Beobachter aus dem Westen schon hat. »Früher hat das Regime euer Leben eingeengt. Ihr hattet euch eingerichtet«, sagt er der Frau. »Jetzt wird eure Erinnerung an euer Leben in Zweifel gezogen, widerlegt, ausgetauscht. Wer sich korrekt erinnert, der irrt: Ihr habt nicht so gelebt, wie ihr empfunden habt zu leben. Wir belegen euch jetzt, was euer Leben war: eine einzige Qual.«

Zynismus? Nein, Klarsicht. Wenn Feuilletonisten den sogenannten »Wenderoman« abwechselnd vermissen und dann wieder entdecken, ist genau das gemeint: die farbig eindrucksvolle, emotional bewegende Bestätigung einer Sicht, über die man vor der Lektüre theoretisch bereits verfügte. Eine Etikettierung von Literatur, wie sie unsereins zur Genüge kennt - ob es das »Epos des Großen Vaterländischen Krieges« ist oder »die realistische Gestaltung der neuen sozialistischen Wirklichkeit«, es handelt sich um ideologische Forderungen, die heute umso schwerer als solche erkennbar sind, weil sie an Journalisten nicht von außen herangetragen werden, sondern aus deren Überzeugung zu kommen scheinen.

In seinem Buch »Zone des Übergangs. Vom Ende des Postkommunismus« analysiert der kroatische Philosoph Boris Buden die Bilder vom Fall der Berliner Mauer. »Womit haben sich die passiven Beobachter im Westen eigentlich identifiziert?«, fragt er. Es wäre ihnen doch nie in den Sinn gekommen, die eigenen Verhältnisse, die sie oft durchaus kritisch sahen, umzustürzen, wie es im Osten geschah. »Weit entfernt, sich für das System, in dem sie leben, zu begeistern, haben sie zu ihm ein eher nüchternes Verhältnis, nehmen oft eine ironische oder sogar zynische Haltung ein.« Da habe der Fall der Mauer als Entlastung gewirkt. Boris Buden: »Was die Menschen im Westen so begeistert hat, war eine unterstellte vorbehaltlose Faszination der osteuropäischen Akteure von der westlichen Demokratie, ihr naiver sozusagen blinder Glaube an sie.«

Aber: »Kaum ist das Gespenst des Kommunismus aus dem Haus, tanzt die Bourgeoisie auf dem Tisch«, schreibt Daniela Dahn in ihrem Buch »Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen«. »Weshalb hat das vom Westen jahrzehntelang erstrebte Absterben von Diktaturen von Politbürokraten nicht wie erhofft zu einem anhaltenden Aufblühen der Demokratie geführt? Warum wird, wo die östliche Unfreiheit besiegt ist, die eigene Freiheit abgebaut? Weshalb hat der sang- und klanglose Abgang des hochgerüsteten Militärbündnisses Warschauer Pakt, einst Hauptfeind der NATO, uns nicht eine traumhafte Friedensordnung beschert?« Ihr Buch besticht durch glänzende Polemik, aber vor allem lebt es von genauesten Recherchen. Man wird konfrontiert mit Fakten - Gekanntem, Vergessenem, auch Noch-Nicht-Gewusstem.

Dennoch, zum Verlauf des Umbruchs, der früher als 1989/90 begann, lagern wohl noch manche heiße Eisen in der historischen Glut. Es gibt viele Zeitzeugenberichte, aber für ein stimmiges Gesamtbild müsste zugänglich sein, was jetzt unter Verschluss liegt und manche Akteure womöglich mit ins Grab nehmen. Als »friedliche Revolution« - wie viel Schindluder wurde seitdem mit dem Begriff »Revolution« getrieben - wird das Ende der DDR bis jetzt meist isoliert betrachtet. Dabei ist es um einen Kalten Krieg der Großmächte gegangen, in dem die DDR, so selbstbewusst sie sich auch gerierte, immer nur Faustpfand war.

»Wenderoman« - der Begriff impliziert eine mehr oder weniger deutliche Abrechnung mit der Vergangenheit. In Menschenschicksalen wird nachvollziehbar, warum und wie jenes System, das sich im Eingeständnis des nicht erreichten Ziels eben nicht Kommunismus, sondern »real existierender Sozialismus« nannte, brüchig wurde und zusammenbrach. Sozialismuskritik im Nachhinein wird »Ankunftsliteratur«. Auch wenn die Verfasser Selbstauseinandersetzung suchten.

Die Rede ist hier nicht von Mittelmaß, gar von ideologischem Kitsch, den es überall und zu allen Zeiten gibt, sondern von künstlerischen Spitzenleistungen. Mit »Der Turm« ist Uwe Tellkamp ein endzeitliches Panorama der DDR gelungen. Er nennt es »Geschichte aus einem versunkenen Land«, er betont die Distanz, die es damals schon für ihn gab. Bürgerliche Enklaven hat es in der DDR nicht nur im Dresdner Villenviertel gegeben. Auch viele Künstler strebten ihnen insgeheim zu.

Als Verabschiedung von bleibendem Wert ist auch »In Zeiten des abnehmenden Lichts« von Eugen Ruge: eine mehrere Generationen umfassende Familiensaga. Deutlich wird, wie die kommunistische Idee vom Großvater bis zum Enkel immer mehr an Ausstrahlung verlor; den Urenkel interessiert es schon gar nicht mehr.

Das eine ist, was die Autoren geschrieben haben, das andere, wie die Öffentlichkeit damit umgeht. Es ist im Sinne neoliberaler Ideologie, mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems nun jeglichen Gedanken an eine andere Gesellschaft zu verwerfen und manches, was bis dahin im Westen selbstverständlich war, gleich mit. Noch rigoroser in Osteuropa: »Man wurde den ganzen Wohlfahrtsstaat so unbekümmert los, als ginge es um ein paar zerrissene Socken und nicht um die Errungenschaft von mehr als einem Jahrhundert sozialer Kämpfe«, schreibt Boris Buden. Er nennt es eine »Art sozialer Amnesie«. Ohne »eine grundsätzliche Unempfindlichkeit den sozialen Fragen gegenüber« wäre die Umwandlung dieser Gesellschaften gar nicht möglich gewesen, beginnend schon mit der radikalen Veränderung der Eigentumsverhältnisse und dem Verzicht auf soziale Rechte.

Eine Machtübernahme zum Zwecke neoliberaler Politik: Der Begriff »Wende« dafür ist irreführend, ist jenen gestohlen, die einen Umbau (Perestroika eben) der sozialistischen Gesellschaft wollten. Eine Entwicklung hin zu mehr Demokratie, Freiheit und sozialökonomischer Prosperität - diese Idee schien seit 1985 in Gorbatschows UdSSR einen Rückhalt gefunden zu haben. Das mag von vornherein utopisch gewesen sein, weil die (geo)politischen und ökonomischen Voraussetzungen fehlten. Endgültig zerplatzt ist der Traum, als die Macht in der UdSSR sich geschlagen gab. Schon nach dem Begräbnis Tschernenkos im März 1985 hat Gorbatschow (nach eigener Darstellung) den Führern der Warschauer-Pakt-Staaten zu verstehen gegeben, dass jeder nun für seinen eigenen Weg verantwortlich sei. Freiheit - wie schön! Dass damit der Zerfall des ganzen Imperiums eingeläutet war, hat er damals wohl selber nicht gewusst.

Hätte, wäre … Wahrscheinlich stimmt der Befund des Historikers Götz Aly unlängst in der »Berliner Zeitung«: »Die im 20. Jahrhundert revolutionär erzwungenen kollektivistischen Gegenentwürfe sind gescheitert, weil sie sich, um es unterkühlt zu sagen, angesichts des schnellen technischen und gesellschaftlichen Wandels als zu wenig elastisch erwiesen haben.« Ein System hat über das andere gesiegt. Punktum.

»Zu viel, zu schnell, zu lautlos«, klagt die Frau bei Günter Gaus. »Aber wie anders sollte sich denn vollziehen, was den Menschen in der DDR in diesen Monaten bereitet wurde - es sei denn mit unverhüllter Gewalt?«, sinniert der Erzähler. »Bereitet wurde«? - man konnte es überlesen. Wie viel »Organisationskunst« von verschiedensten Seiten war dahinter? Wenn Literatur zum Thema 1989/90 nicht auch die »Königsebene« erklimmt, die für uns alle noch im Nebel liegt (und es gab wohl sogar verschiedene »Ebenen«, wo bezüglich »Wende« oder Umsturz an Fäden gezogen wurde), offeriert sie nur einen Teil der Wahrheit.

Unter den vielen, vielen Werken, die beschreiben, was nach dem Beitritt der DDR zur BRD geschah, sei hier eines von Volker Braun hervorgehoben. »Die vier Werkzeugmacher«: eine Parabel, die in sich den Stoff eines großen Romans verdichtet. Von Meistern ihres Fachs ist die Rede, die es sich in ihrer Bedeutung bequem gemacht hatten. »Sie versäumten also, auf die Straße zu gehen, kühn genug, der Geschichte freie Hand zu lassen. - Worauf die Geschichte, scheint es, sich mit ihnen einen Scherz erlaubte.« Die sich wichtig dünkten, wurden zu Wichten, konnten noch froh sein, ihren eigenen Betrieb ausräumen zu dürfen. »Die Welt würde sich wundern und zu lachen haben für Jahrhunderte auf ihre Kosten ...«

Weil sie ihre Macht nicht gebraucht und leichtfertig verspielt hatten? »Es ist uns nicht ernst gewesen. Wir hatten Zeit genug.« So heißt es in einem anderen Text von Volker Braun: »Das Nichterlebte«. »Wir werden es nie wissen. Es geschieht uns recht. Nun müssen wir damit leben, in diesem Universum des Nichterlebten.« Der Band, in dem diese und andere Texte Volker Brauns enthalten sind, heißt »Wie es gekommen ist«. Das konnten sich manche vielleicht sofort erklären, andere werden das Grübeln noch immer nicht los.

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