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Schirrmachers Erbe

Kathrin Zinkant über die Einzigartigkeit menschlicher Kommunikation - und einen großen Publizisten

  • Von Kathrin Zinkant
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Phänomen der Kommunikation ist ein großes Rätsel. Viele Menschen empfinden das mit Blick auf sich allerdings als sehr positiv, als faszinierendes Element ihrer Einzigartigkeit sozusagen. Was sogar verständlich ist: Kein anderes der heute bekannten Lebewesen ist in der Lage, sich in derart komplexer Weise über Wissen, Gefühle, Wünsche und Projektionen auszutauschen wie wir Menschen. Wir können Märchen erzählen, über Erlebnisse sprechen, Informationen übermitteln, Ideen oder Bedürfnisse kundtun. Wir können Debatten anzetteln, wir können diskutieren - und müssen uns für all das nicht einmal gegenüberstehen. Die Menschen haben Medien erfunden, mit deren Hilfe sie ihren geistigen Reichtum austauschen. Es ist ihnen sogar möglich, über das Faszinosum ihrer eigenen Kommunikation zu kommunizieren und sich dabei sehr besonders zu fühlen.

Wogegen nicht zwingend was zu sagen wäre. In der Realität aber ist gerade die letztgenannte Form der Kommunikation auch zum Sinnbild der Verkümmerung geworden, die sich dann zum Beispiel »Storify« nennt. Für alle, die darüber noch nie gestolpert sind: Storifys sind aus Twitter-, Youtube- oder Flickr-Schnippseln »kuratierte« - also zusammengefummelte - Kommunikationsbeiträge, die sich auf digitalen Portalen einbinden lassen und die offenbar fortschrittlich sowie innovativ wirken sollen. Wobei das in den Medien natürlich immer noch Journalismus ist, weshalb zwischen den Schnippseln meistens auch ein bisschen Text steht, bei dem es sich um sinnfreie Überleitungen oder aber um die Wiedergabe der Tweets mit eigenen Worten handelt, aus denen niemand schlauer wird als aus den Schnippseln selbst.

Was dabei offenkundig überflüssig wird, ist Inhalt. Das Thema eines solchen Kommunikations-Patchwork ist egal - Reaktionen auf die vorübergehende WM-Gesangs-Absage von Jennifer Lopez, Reaktionen auf die WM-Eröffnung, die dann doch mit »J Lo« stattfand, Heute-Moderator Claus Kleber auf dem Weg zu einem Interview, wehe, wer noch Relevanz, Debatte, Zusammenhänge, überhaupt nur Informationen zu wichtigen Ereignissen und Fragen der Gegenwart erwartet.

Besonders traurig stimmt das in einer Woche, in der ein Mann gestorben ist, dem der Inhalt, die Substanz, das Geistreiche immer wichtiger war als neumedialer Schnickschnack. Nach dem plötzlichen, frühen Tod Frank Schirrmachers am Donnerstag war in allen großen Zeitungen zu lesen, wie verdient sich der FAZ-Herausgeber um die Debattenkultur gemacht hat. Nirgends fehlte zudem der Hinweis darauf, dass Schirrmacher die Bedeutung technologischer Entwicklungen und wissenschaftlichen Fortschritts für die Gesellschaft mehr als die meisten anderen erkannt hatte, und dass er diese Themen auch zum Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit machte. Bemerkenswert an dieser posthumen Anerkennung ist aber weniger, dass sie zutrifft, sondern dass das beschriebene Interesse in dieser Intensität ein Alleinstellungsmerkmal des Publizisten blieb.

Schirrmacher tat dabei nichts Übermenschliches. Er nutzte ein Medium, die tägliche Zeitung, um über die Wissensgesellschaft zu kommunizieren. Man muss dabei sicher nicht alle Auffassungen teilen, die er über das digitale Zeitalter, über Genetik und Menschmaschinen in seine Feuilletonaufmacher hineinschrieb, oder die seine Autoren und Autorinnen auf viel Raum und vielen Seiten ausbreiten konnten. In Schirrmachers Texten gab es viel Dystopie, viel Technologiekritik, bisweilen schwer nachvollziehbare Thesen zur Zukunft des Menschen.

Trotzdem stand er der Wissenschaft sehr nahe und brachte einigen Köpfen wie dem Genom-Pionier Craig Venter und dem Computer-Visionär David Gelernter tiefste Bewunderung entgegen. Zugleich verzweifelte er an der Beschränktheit der meisten anderen Menschen. Als vor zwei Jahren der erste Mensch starb, der den Mond betreten hatte, schrieb Schirrmacher den denkwürdigen Satz: »Die Mondlandung als Paradigma einer Reise und einer Eroberung ist Geschichte, und ihr folgt eine traurige Phase von Visionsarmut und Verzagtheit.«

Er wird Recht damit behalten, wenn seinem Beispiel niemand folgt. Wenn zentrale Gesellschaftsthemen wie die Wissenschaft dann wieder zunehmend sich selbst überlassen bleiben. Anstatt sie weiter, wieder zu einem selbstverständlichen Gegenstand der Kommunikation zu machen - und damit auch der Einzigartigkeit des Menschen selbst.

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