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Teebeutel in Eigenregie

Arbeiter übernehmen Ex-Unilever-Werk

  • Von Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nach einem vierjährigen Kampf können die Arbeiter des Teebeutelwerkes Fralib im südfranzösischen Gémenos die Produktion nun als Kooperative fortführen.

Als der CGT-Betriebsratsvorsitzende Gérard Cazorla in der Betriebsversammlung das Ergebnis der geheimen Abstimmung bekanntgab, jubelten die Anwesenden und stimmten die Internationale an. Einstimmig hatten sich die derzeit noch 76 Mitarbeiter der Teebeutelfabrik Fralib in Gémenos bei Marseille für das Übereinkommen mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber, dem US-Konzern Unilever, ausgesprochen. Der fand sich nach langen Streitigkeiten letztlich bereit, den Fralib-Arbeitern die Fabrik zu überlassen, damit sie ihre geplante Mitarbeiterkooperative starten können. Die Maschinen, deren Wert auf sieben Millionen Euro geschätzt wird, gehen für einen symbolischen Betrag von einem Euro an die Belegschaft. Zudem zahlt Unilever 19,2 Millionen Euro - davon pro Kopf 100 000 Euro Abfindung - als Anschubfinanzierung für die Kooperative.

»1330 Tage haben wir dafür gekämpft und letztlich gesiegt«, erklärt Cazorla, »doch das wäre nicht möglich gewesen ohne die Solidarität so vieler Menschen.« Tatsächlich hat es über diese dreieinhalb Jahre immer wieder öffentliche Solidaritätsadressen von Belegschaften anderer Betriebe, von Gewerkschaftern und Politikern verschiedenster Parteien, aber auch von Künstlern gegeben, die bei »Tagen der offenen Tür« im Fralib-Werk aufgetreten sind. Nicht ohne Wirkung auf den Konzern waren zweifellos auch die Boykottaufrufe von Attac, die vor Supermärkten in Marseille und Umgebung oder über die Medien vom Kauf von Unilever-Produkten abrieten.

Der Kampf der Fralib-Arbeiter um ihre Arbeitsplätze hatte begonnen, als die Unilever-Zentrale in den USA im Herbst 2010 ihre Entscheidung übermittelte, das unrentable Werk in Gémenos zu schließen und seine 182 Mitarbeiter zu entlassen. Die Maschinen sollten an eine andere Unilever-Filiale nach Polen gehen, die die Produktion übernehmen sollte. »Das haben wir uns nicht gefallen lassen«, betont das CGT-Betriebsratsmitglied Olivier Leberquier. »Wir haben den Betrieb besetzt und abwechselnd rund um die Uhr bewacht, um zu verhindern, dass die Maschinen abgeholt werden.« Der Betriebsrat hat die in solchen Fällen erfahrene Anwältin Amine Ghénime engagiert, die vor dem Arbeitsgericht und den verschiedenen Instanzen der Zivilgerichte gegen die wirtschaftlich unbegründete Schließung des Werks und die Entlassung der gesamten Belegschaft geklagt hat. In der letzten Phase übte auch das Arbeitsministerium Druck aus und brachte beide Seiten an den Verhandlungstisch, wo sich Unilever nach fast sechs Monaten dazu bereit erklärte, »Geburtshelfer« für die Mitarbeiterkooperative der Fralib-Arbeiter zu werden.

Nicht alle hatten die Geduld, das über diese lange Zeit durchzuhalten. Mehr als die Hälfte der Arbeiter akzeptierte die angebotene Abfindung, ging in den Vorruhestand oder suchte sich einen anderen Job. Die 76 Unentwegten, die an einen Neuanfang glauben, hatten von Unilever auch die Nutzungsrechte für die am Markt bekannten Teebeutelmarken Lipton und Elephant gefordert, aber damit konnten sie sich nicht durchsetzen. Nun werden sie eine eigene Marke schaffen und auf die Suche nach Abnehmern für ihre Teebeutel gehen.

Daneben soll auch für andere gearbeitet werden. Ein Unternehmen in England hat sich schon gemeldet und will in Gémenos pro Jahr 1000 Tonnen seiner Teesorten in Beutel füllen lassen. Außerdem ist daran gedacht, die Leistungspalette zu erweitern und auch Kräuter oder Gewürze abzufüllen. »Ob wir es auf Dauer schaffen, ist noch nicht sicher, aber wir werden mit aller Kraft dafür arbeiten«, versichert der Lagerarbeiter Omar Dahmani, »schließlich ist das hier jetzt unser eigenes Werk.«

Der Gewerkschafter Olivier Leberquier meint: »Ein Kampf ist erfolgreich abgeschlossen, jetzt beginnt der nächste, denn wir müssen dafür sorgen, dass der Betrieb auf Dauer wirtschaftlich ist. Immerhin haben wir eine Bresche geschlagen und auch Kollegen in anderen gefährdeten Betrieben Hoffnung gemacht, dass man erfolgreich um seinen Arbeitsplatz kämpfen kann. Es gibt keine Fatalität, auch nicht gegenüber einem multinationalen Konzern.«

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