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Quo vadis, Rat der Künste?

Gespräch über Kulturszene

In der ehemaligen Kantine der BVG in Wedding standen am Mittwochabend bunt zusammengewürfelt Stühle und Sofas in kreisförmiger Anordnung. Wein, Bier und Knabbereien wurden auf hölzernen Couchtischen zum freien Verzehr angeboten. Der Raum glich einem etwas zu groß geratenen Wohnzimmer, eingerichtet für ein Zusammenkommen guter Freunde, um bei einem Glas zu plauschen.

Grund für den Dekor war das zweite Kantinengespräch des »Rats der Künste« des Jahres 2014, bei dem neben Akteuren der Kulturszene vor allem neu gewählte Mitglieder des Rats repräsentativ Rede und Antwort standen zum Thema »Quo vadis, Berlin?«. Über mehrere Stunden hinweg schilderten die Beteiligten in dem anmoderierten Gespräch ihre Arbeitsweise, gaben einen Einblick in die neue Personenkonstellation und formulierten die eigenen Ziele. Als Hauptaufgabe des Rats steht seit jeher die Repräsentation von Kunst, Kultur und deren Produzenten in allen wichtigen politischen Ebenen auf dem Plan.

Dr. Dorothea Kolland, die über 30 Jahre Leiterin des Neuköllner Kulturamtes war und darüber hinaus Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft ist, gab als alter Hase im Geschäft während des Gesprächs den Ton an. Sie beschrieb die Entwicklung des Rats ausführlich.

Dieser ging aus dem Berliner Kulturrat hervor, der seit den 60ern als Zusammenschluss von Kulturverbänden Bestand hatte. Doch ist es diese verbandsorientierte Struktur, die rückblickend als lahmes Funktionärswesen Schuld hatte an der mangelnden Durchschlagskraft in kulturpolitischen Gremien, die den Berliner Kulturrat lange verfolgte. Gerade zu Zeiten der Wende, als mehr finanzielle Mittel denn je für die Zusammenlegung kulturpolitischer Institutionen von Ost und West gebraucht wurden, »brach vieles zusammen«. Dabei geht man auch mit »der Politik« hart ins Gericht, die in dieser Zeit die Förderung fast komplett abschaffte.

Finanzielle Unterstützung von Bund und Ländern fällt aber generell viel zu gering aus. Da der Rat von staatlichen Kulturinstitutionen wie den Berliner Opern über Bezirkskampagnen bis hin zur freien Kunstszene alle Gruppierungen vertritt, muss er die verschiedensten Bedürfnisse zusammentragen und an kulturpolitische Ebenen vermitteln - und dabei um jeden Cent betteln, so dass niemand zu kurz kommt.

Begründet wird die Forderung nach mehr Unterstützung mit der eigenen Definition von Kultur(politik). Diese sieht man als Teil gesellschaftspolitischer Infrastruktur. Der Rat ist demnach eine Art NGO, Dachorganisation und Sammelbecken für alle Kulturbereiche zugleich, deren finanzielle Förderung im Vordergrund steht.

So ist der Rat der Künste ein eminent wichtiger Mittler zwischen Kultur und Politik. Dennoch, die hauseigenen Probleme liegen auf der Hand. Als Institution solcher Größe und Vielfalt muss der Rat seine eigene rote Linie über fundierte Reflexion und Diskussion erst noch finden. Man scheint vor diesem Hintergrund zwangsweise zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um den hohen Ansprüchen gerecht zu werden.

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