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Die Botschaft der Bilder

Ost-West-Kunst in Berlin-Hellersdorf

  • Von Burga Kalinowski
  • Lesedauer: 4 Min.

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Viel Zeit bleibt nicht. Am 5. Juli ist Schluss. Wer es bis dahin nicht in die Ausstellung »Innenansichten - Weltbetrachtungen« im Ausstellungszentrum Pyramide in Berlin-Hellersdorf geschafft hat, verpasst ein ungewöhnliches Ereignis: gegenständliche Kunst aus Ost und West in gleichberechtigter Präsenz. Bilder als Zeugen der Zeit. Hängung ohne Hohn und Häme. Nachdenken über die jeweils anderen Wege, Wahrnehmungen und Wahrheiten. Über gemeinsame Wurzeln und Werte. Ohne Selbstgerechtigkeit. Frei vor allem von Denunziation der unterschiedlichen, auch auseinanderstrebenden künstlerischen, politischen und regionalen Herkünfte. Nein, selbstverständlich ist das nach wie vor nicht seit der in der DDR entstandene Kunst diffamierenden Ausstellung »Aufstieg und Fall der Moderne« 1993 in Weimar.

Das Selbstverständliche einfach nur machen, kam und kommt selten genug vor. Dann passiert es und ist ein Glücksfall für die Hauptstadt: Das Zentrum für Kultur- und Zeitgeschichte und das Ausstellungszentrum Pyramide realisierten das Projekt mit Fördermitteln des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf. Ein Vorhaben, das ohne das Konzept, die Kontakte und die kuratorische Leidenschaft des Kunstwissenschaftlers Kuno Schumacher nicht denkbar gewesen wäre.

Mit der Ausstellung »Innenansichten - Weltbetrachtungen. Gegenständliche Kunst in Deutschland« ist am östlichen Rand der Stadt etwas gelungen, was nicht alltäglich ist: der gegenständlichen Kunst aus Deutschland - Malern und Bildhauern aus Ost und West - in einer gemeinsamen Ausstellung einen ihrem Rang entsprechenden Diskussionsraum in der Gesellschaft zu schaffen. Gegen den Zeitgeist, frei von Verdikten und Interessen des Kunstmarktes und von denen der politischen Instrumentalisierung, was oft zwei Seiten einer Medaille sind.

Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Ausstellungen des Künstlersonderbundes 1993/1996 zählen dazu sowie Einzelschauen und Retrospektiven zum Beispiel für Harald Metzkes, Johannes Grützke, Werner Tübke, Heidrun Hegewald, Rita Preuss. Ronald Paris und Matthias Koeppel (aktuell im Ephraim-Palais, Berlin). Diese Maler gehören zu den insgesamt 50 Künstlern, die mit ihren Werken dieser ersten umfassenden Realismusausstellung seit 1990 einen besonderen Glanz geben. Bekannte Künstler aus zehn Bundesländern stellten insgesamt 112 Arbeiten für die Schau zur Verfügung. Drei Künstlergenerationen präsentieren ihre Bilanz der großen und kleinen Themen. Betrachten ihre Jahre und unser Jahrhundert. Erinnern an begrabene und wieder keimende Hoffnungen. Zeigen Menschen - ihre Maskeraden und ihre Wirklichkeiten. Der Besucher erlebt die titelgebenden Innenansichten und Weltbetrachtungen aus der Berliner Schule der Neuen Prächtigkeit und des Sensualismus, er trifft auf Phantastische Realisten aus Süddeutschland, auf norddeutsche Pleinairmaler, begegnet den analytischen und neusachlichen Werken Leipziger und Dresdner Künstler.

»Das sehen Sie so nie wieder. Wann hat man schon Heidrun Hegewald, Wolfgang Mattheuer, Clemens Gröszer, Willi Sitte, Neo Rauch zusammen gesehen - mit Johannes Grützke, Klaus Fußmann, Rita Preuss?« Karoline Müller von der Berliner Ladengalerie in Alt-Tempelhof ist voller Anerkennung und wertet es als Relikt des Kalten Krieges, dass die sogenannte Kunstwelt plus Hauptstadtpresse diese »einmalige und hochrangige Kunstschau des Realismus und seiner Strömungen ignoriert«. Müller, erste - und lange Zeit einzige - Galeristin für gegenständliche Kunst in Westberlin, erinnert daran, dass Maler und Bildhauer »dieser anderen Seite der Moderne die Schmuddelkinder der westdeutschen Nachkriegskunst« waren, ungeliebt und abgelehnt vom künstlerischen und politischen Establishment. Lange her und unvergessen, dass der Bildhauer und Zeichner Gustav Seitz an der Westberliner Hochschule für bildende Künste Hausverbot erhielt und suspendiert wurde - weil er den Nationalpreis der DDR entgegennahm und Mitglied der Akademie der Künste (Ost) wurde. Dem Maler Heinrich Ehmsen erging es ähnlich. Und der große Realist und Kommunist Otto Nagel, den Müller 1966 in ihrer Ladengalerie ausstellte, wurde in die West-Akademie nicht aufgenommen, weil er Mitglied der DDR-Volkskammer war.

1973 gründeten vier junge Wilde der gegenständlich-figurativen Malerei in Westberlin die Schule der Neuen Prächtigkeit. Eine Provokation. Natürlich. Kein tobendes Kampfprogramm, sondern ein selbstbewusstes Kunstprogramm gegen das Dogma der Abstraktion. Ein Damm gegen die »Fluten der Kläglichkeit« in der damaligen Bundesrepublik, initiiert von den Malern Manfred Bluth, Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler. Die Schule der Neuen Prächtigkeit: Schrill und gesellschaftskritisch, verrückt und nachdenklich. Sie pfiffen auf den Zeitgeist. Dafür kriegten sie ihr Fett weg, wurden unter den Teppich gekehrt. Andere wären mutlos geworden. Sie nicht. Manche nennen sie Klassiker. Ihre Werke sind (mit Ausnahme von Zieglers Arbeiten) in der Ausstellung zu sehen.

Ausstellungszentrum Pyramide Berlin-Hellersdorf, Riesaer Str. 94, 12627 Berlin: Innenansichten - Weltbetrachtungen. Gegenständliche Kunst in Deutschland: bis 5. 7., Mo-Sa 10-20 Uhr

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