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Bobby Brown am Pferdezaun

Bad Doberan huldigt im Juli zum 25. Mal dem Rockrebellen Frank Zappa

  • Von Ekkehart Eichler
  • Lesedauer: 6 Min.

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Am Rande des Doberaner Alexandrinenplatzes steht eine kleine Büste. Ein Mann mit markanter Hakennase im hageren Gesicht. Mit wirrem, zum Pferdeschwanz gebundenen Strubbelschopf. Mit spöttischem Blick und ironischem Lächeln um den vom Zwirbelbart gerahmten Mund. Manchmal stecken ihm Witzbolde eine brennende Zigarette zwischen die Lippen. Das hätte ihm gefallen - er hat zeitlebens geraucht wie ein Schlot.

Für viele ist der US-amerikanische Musiker und Komponist Frank Zappa (1940-1993) das größte Genie der Rockgeschichte. Charismatisch. Begnadet. Durchgeknallt. Autor grotesker Rocksongs und wüster Underground-Oratorien. Gitarrengott und Anarcho-Cowboy, Bürgerschreck und Provokateur. Doch wie zum Teufel - fragt sich der verblüffte Passant - kommt ein Denkmal für diesen Mann ausgerechnet nach Mecklenburg-Vorpommern? In einen 10 000-Seelen-Ort an der Ostsee, das vom Rock-Olymp so weit weg ist wie Florian Silbereisen von Jimi Hendrix?

Wolfhard Kutz heißt der Mann, dem Bad Doberan nicht nur den Bronzekopf vom frechen Frank verdankt, sondern sogar ein Festival zu seinen Ehren. 1971 beginnt diese Geschichte. Kutz ist damals 16 und erwirbt für 120 Mark seine erste Zappa-Platte auf dem Schwarzmarkt. Ist ob des Gehörten komplett von den Socken und kreist seither unbeirrt auf seiner zappatriotischen Umlaufbahn. Weil die DDR Zappa für »systemgefährdend« hält, gerät Kutz als »Verderber der Jugend« auch ins Fadenkreuz der Stasi, die ihm die »revolutionäre Wachsamkeit« von gut einem Dutzend IMs angedeihen lässt.

Mit der Wende beschließt Kutz als Häuptling eines kleinen Haufens ähnlich Besessener, ein Festival ins Leben zu rufen, bei dem ausschließlich Live-Musik aus der Feder Zappas oder angelehnt an seine musikalischen Wurzeln zu hören sein soll. Auf einem Treckeranhänger und vor 50 Fans steigt 1990 die Zappanale-Premiere. Richtig in Fahrt kommt der Zappanale-Zug ab 1993, als die Arf-Society gegründet wird, der weltweit erste organisierte Zappa-Fanclub. 2002 folgt dann der ganz große Coup: Kutz gelingt es mit norddeutscher Sturheit und unermüdlichem Engagement, ein Frank-Zappa-Denkmal mitten in Doberans Zentrum zu installieren. 15 000 Euro kostet die bronzene Büste, zu deren angemessen flippiger Einweihung auch elf Ex-»Mothers of Invention« anreisen sowie Zappas Geschwister Candy und Bob.

Seither sorgt die musikalische Creme-de-la-Creme des Zappa-Universums für konstante Glücksgefühle unter den Zappatrioten aus aller Herren Länder. Mal bringen die Teufels-Teens der Paul Green School of Rock das Publikum zum Toben, deren spektakulärer Erfolg auf diesem Festival Paramounts Filmemacher zum Film »School of Rock« mit Komiker Jack Black in der Hauptrolle inspirierte. Dann wieder brillieren die hinreißenden »Sex without nails Bros« aus Österreich mit der Weltpremiere von Zappas Musical »Joe's Garage«. Und immer wieder kamen und kommen Legenden wie Keyboard-Kobold Don Preston, der inzwischen verstorbene Trommler Jimmy Carl Black oder Bassist Roy Estrada, die ab 1965 in Zappas schriller Band »Mothers of Invention« als »musikalische Müll-Skulpturen« schockierten, seit vielen Jahren als »Grandmothers of Invention« erfolgreich durch die Welt touren und auf der Zappanale immer wieder Konzerte der Extraklasse hinlegen, die selbst hartgesottenen Fans Tränen der Rührung in die ergrauten Zottelbärte treiben.

Das Festival ist so bunt wie der Kosmos des anarchischen Frank, der mit hässlichen Akkorden und obszönen Texten brave Bürger und Establishment bis ins Mark schockte. Aus stapelweise Bewerbungsvideos mixt das Auswahlkomitee jedes Mal einen sorgsam ausbalancierten Programmcocktail mit Bands, die Zappasongs mal original covern, mal höchst eigenständig interpretieren oder gar gänzlich neu arrangieren. »Auf der anderen Flanke haben wir Gruppen, deren Sound und Show so originell und verrückt sind, dass sie prima ins zappaeske Raster passen«, so Wolfhard Kutz.

Und so geben sich auf der Zappanale mal abgedrehte Franzosen die Ehre, mal schräge Schweden, psychedelische Japaner und esoterische Russen, feinsinnige Italiener und undergroundige Polen - um nur einige zu nennen. Auch die deutsche Fraktion schlägt sich jedes Mal wacker; innovative und kreative junge Bands gibt es hierzulande scheinbar zuhauf. Die Begeisterung der Musiker für das Festival jedenfalls ist so groß, dass manche Bands sogar ohne Honorar spielen oder die Anreisekosten selbst übernehmen. Dabei sein ist alles. Was sie eint, ist die Seelenverwandtschaft, die Einstellung zum Leben und die Liebe zu schriller Musik, gern auch gewürzt mit derbem Humor. Die Mammutparty jedenfalls ist inzwischen so populär, dass Bad Doberan zum Mekka der weltweiten Zappa-Gemeinde avancierte; nirgendwo sonst wird Zappas reichhaltiges Erbe intensiver gepflegt als auf und mit diesem dreitägigen Musik-Marathon mit umfangreichem Rahmenprogramm.

Auf dieser besten Gedenkfeier, die sich ein intelligenter Musiker nur wünschen kann und die zudem annähernd kommerzfrei von Fans für Fans organisiert wird, geht es friedlich zu und familiär. Mit Kind und mitunter auch Kegel. Bei Bier und Bratwurst. Das Publikum, darunter etliche Zappa-Doppelgänger und Zappa-Tattoo-Träger, besteht zu 70 Prozent aus Stammgästen und ist ungemein sachkundig: »Hier kannst du dir keinen Fehler erlauben«, grinst Zappanale-Dauerbrenner Napoleon Murphy Brock, der als Sänger und Saxofonist an mehreren Zappa-Tourneen und -Platten beteiligt war: »Die Fans kennen jeden Ton, jeden Takt und jede Liedzeile ganz genau. Das ist unglaublich.«

Und so darf man vom 17. bis 20. Juli wieder erhebende Konzert-Momente erwarten auf der idyllisch zwischen Bad Doberan und Heiligendamm gelegenen Pferderennbahn, der ältesten ihrer Art hierzulande übrigens. Mehr als 20 Gruppen aus Deutschland, Europa und Amerika werden den Geist von Frank Zappa wieder heraufbeschwören mit vielen seiner rhythmisch vertrackten, komplexen und komplizierten Nummern, deren unfallfreie Beherrschung als musikalischer Ritterschlag gilt. Ganz sicher wird dabei bei manchem Gig wieder ein magischer Zauber durch die Massen wehen.

Wer will, kann mit dem Molli zur Zappanale fahren. Alle Stunde dampft, zischt, faucht und klingelt die nostalgische Schmalspurbahn zunächst im Schritttempo durch Doberans Innenstadt, dann entlang einer prächtigen Lindenallee nach Heiligendamm und schließlich ins größte deutsche Ostseebad Kühlungsborn mit seinem fabelhaften kilometerlangen Sandstrand. 1886 wurde die 15,4 Kilometer lange Strecke eröffnet, um Badegäste ins erste deutsche Seebad Heiligendamm zu bringen.

Schon die mecklenburgischen Herzöge wussten Bad Doberan zu schätzen und erkoren den Ort zu ihrer Sommerresidenz. Aus dieser Zeit stammt eine Reihe klassizistischer Bauten rund um den Kamp - eine mit chinesischen Pavillons bebaute grüne Oase im Zentrum. Auch hier werden zur Zappanale diverse Bands auftreten, im Kamp-Kino Lesungen und Filmvorführungen stattfinden.

Infos:

Das 25. Zappanale findet vom 17. bis 20. Juli in Bad Doberan statt.
www.zappanale.de

Festivalticket:
165 Euro, Tagesticket 69 Euro (jeweils im Vorverkauf), Spezialpreise für Schüler, Studenten, Sozialhilfeempfänger. In allen Ticketpreisen sind die Camping- und Parkgebühren enthalten.

Touristische Infos:
www.bad-doberan.de

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