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Wir sind Menschen, keine Außerirdischen

Queeraktivist Rupert Haag über Erfolge der Lesben- und Schwulenbewegung, was Linkshänder damit zu tun haben und warum schwul trotzdem noch ein Schimpfwort ist

Der Widerstand gegen die Razzien im Stonewall Inn in New York vor 45 Jahren gilt als Wendepunkt im Kampf der Lesben- und Schwulenbewegung für Gleichberechtigung. Rechtlich ist seit 1969 in Deutschland viel passiert, aber angesichts des Aufruhrs in Baden-Württemberg, weil in der Schule Homosexualität behandelt werden soll, oder dem alltäglichen Schimpfwort »schwul« hat man den Eindruck, als würden große Teile der Bevölkerung dieser Entwicklung hinterherhinken.
Es sind zwei paar Schuhe: die gesetzliche Lage und die Stimmung in der Bevölkerung. Rechtlich ist in wenigen Jahrzehnten relativ viel passiert: Angefangen bei der Abschaffung des diskriminierenden Schwulenparagrafen 175 – in der DDR lange vor der Bundesrepublik – bis hin zum Durchbruch 2001 mit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft für homosexuelle Paare. Zugleich sitzen die Vorurteile bei vielen Menschen, vor allem auf dem Land, tief. Aber sie werden weniger und weniger.

Hören Sie an der Schule »schwul« als Schimpfwort?
Aber ja. Die gängigsten Schimpfwörter sind schwul, Opfer und selten auch mal Jude.

Trifft Sie das?
Ich bin eher ein sensibler Mensch – ehrlich gesagt trifft mich das schon manchmal. Aber mit der Zeit lernt man damit umzugehen. Ich habe mir Mechanismen erarbeitet, damit es nicht mehr so verletzt wie früher.

Ist an Ihrer Schule bekannt, dass Sie schwul sind?
Ich lebe mehr oder weniger offen schwul. Ich trage natürlich kein Schild mit mir herum, aber wenn mich ein Kind fragt, sage ich: Ja, ich bin schwul. Man sieht dann regelrecht, wie das Gehirn rattert, weil zumindest die Kleineren das nur als Schimpfwort abgespeichert haben. Vielleicht merken sie in diesem Moment, dass das auch etwas mit Liebe und nicht nur mit Sex zu tun haben kann.

Warum ist das überhaupt ein Schimpfwort?
Das ist schwer zu beantworten. Was anders ist, wird diskriminiert. Was anders ist, wird eben auch als Schimpfwort benutzt. Man tritt auf den vermeintlich Schwächeren ein – Schwule gelten oft als feminin, als schwach. Da kann man noch nach unten treten. Vorurteile werden sich nie ganz ausmerzen lassen. Das steckt in den Menschen drin.

Was bleibt gesetzlich noch zu tun?
In Deutschland müsste dringend die Situation von Transsexuellen und Intersexuellen verbessert werden. Ihre Menschenrechte werden durch die bestehenden Gesetze verletzt. Außerdem muss die eingetragene Lebenspartnerschaft der Hetero-Ehe tatsächlich gleich gestellt werden. Und die Rehabilitierung der Opfer des Schwulenparagrafen darf nicht länger aufgeschoben werden, weil die Betroffenen immer älter werden.

Woran werden Sie merken, dass die vollständige Anerkennung von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen erreicht ist? Wie sieht diese Welt aus?
In dieser Welt gibt es keinerlei diskriminierende oder Homosexuelle verfolgende Gesetzgebung – noch droht in vielen Ländern der Erde Todesstrafe oder Gefängnis. Ich benutze ungern das Wort »normal«, aber am Ziel sind wir, wenn es nicht mehr der Rede wert ist. Wenn Schwule genauso akzeptiert werden wie Linkshänder.

Gibt es ein Land, das dem näher ist als Deutschland?
Die skandinavischen Länder sind in vielem noch ein bisschen weiter. So hat Dänemark als erstes Land die gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Ehe eingeführt und vor wenigen Wochen das bislang fortschrittlichste Transsexuellengesetz.

Und wo herrschen Zustände wie 1969 in New York, wo Razzien in Schwulenkneipen an der Tagesordnung waren?
Das gibt es in vielen Ländern noch. Gerade in Afrika, südlich der Sahara, hat die Verfolgung sogar zugenommen. Nicht nur durch die Polizei, sondern durch Hetzkampagnen und Boulevard-Zeitungen, die Todeslisten veröffentlichen oder für extreme Gesetzesverschärfungen eintreten. Auch in Osteuropa oder im südlichen Kaukasus finden solche Razzien leider noch statt.

Zugleich demonstrieren dort jedes Jahr Menschen für Homo-Rechte. Am Sonntag beispielsweise in Kiew mit einem Gay Pride.
Die Gesellschaft in der Ukraine, im Baltikum oder Moldawien befindet sich im Wandel. Es gibt dort viele aufgeschlossene Menschen, die Unterstützung brauchen. Deshalb engagiert sich Amnesty International in diesen osteuropäischen Ländern besonders. Noch vor zehn Jahren haben wir intensiv zu Polen gearbeitet. Dort hat sich die Lage inzwischen deutlich verbessert. Wir sind regelmäßig mit Delegierten beim Gay Pride vor Ort. Diese Demonstrationen sind wichtig. Sie sind ein Zeichen nach außen beziehungsweise in die Gesellschaften hinein. Eine Partnerorganisation in Vilnus hat es so formuliert: Die sollen endlich sehen, dass wir Menschen sind und keine Außerirdischen.

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