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Keine Finger nirgendwohin!

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

Ich möchte nicht Joachim Löw sein. Das Konto voller Piepen, die schönen glänzenden Haare und all das, schön und gut. Aber dieser Druck!

Wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, bin ich ja schon zuhause auf dem Sofa aufgeregt. Ich kann die Flanken aus der Tiefe des Raumes bestaunen, Pässe, Tiki-Taka, Abseits. Aber eigentlich bin ich nur gespannt, ob Löw es wieder tut.

Ihm wandert manchmal der Finger nasenwärts, und da kratzt er dezent oder rutscht kurz mal rein.

Er ist ein nervöser Borkenentferner. Ein Krustenzupfer und Schneckenzieher ist er. Ein Rindenpuhler mit dem Hang zum Einspeisen des Hervorgeholten in den eigenen Energiekreislauf.

Im Internet kursieren Aufnahmen von diesen Tätigkeiten des German Coach. Es gibt ein Video, in dem zu sehen ist, wie Löw popelt und dann Cristiano Ronaldo die Hand gibt. Es gibt ein Video, das zeigt, wie Löw popelt und sein Erpopeltes isst.

Ich gehe nicht mehr zum Public Viewing, zumindest nicht, wenn Deutschland spielt, denn ich mache zwar die richtigen Fußballgeräusche, aber an der falschen Stelle. Beim vorletzten Spiel war ich bei einer Freundin, und als Löw mit dem Finger in die Nähe der Nase kam, habe ich laut gerufen: »Ohhhhhhh« und »Nein! Nein! Nein!«

Natürlich haben die anderen mich seltsam angesehen. Dann haben sie gelacht. Gottseidank bin ich ja Komikerin neben meinem Hauptberuf als Schriftstellerin. Da kann ich mich schon immer mal komisch verhalten. Die denken dann, ich arbeite gerade.

Löw ist der Nationaltrainer und seine Mannschaft nimmt an wichtigen Spielen teil. Wer wäre da nicht angespannt? Das ist doch klar, dass er sich da nicht voll unter Kontrolle hat.

Noch dazu hat sein Berater vor dem Spiel zu ihm gesagt: »Jogi, egal was du tust... BITTE, BITTE popel nicht. Du weißt doch, die ganzen Kameras sind auch auf dich gerichtet.«

Löw hat vielleicht gesagt: »Ja, aber auf den Klinsmann auch.«

Und sein Berater hat dann vielleicht gesagt: »Ja, der Klinsmann popelt aber auch nicht. Versuch dich einfach zu konzentrieren, Jogi. Keine Finger nirgendwohin! Die warten bloß darauf. Sie nennen dich «Jogi - The Finger», «Digging Löw» sagen sie. Du spielst Facesoccer, sagen sie. Und dass du mit kleinen gelben Bällen spielst. Und sie sagen, dass du bald aus deinen Popeln einen Pokal kneten kannst. Weißt du, was sie noch sagen? Jogi Löw, nice guy, very nice guy. BUT DON’T SHAKE HIS HAND!«

All das hat der Berater vor dem Spiel gesagt.

Und nun ist Löw nervös. Klar. Also sitzt er auf der Trainerbank und denkt: »Was für ein ödes Spiel, öde, öde - nicht popeln, mehr Druck links machen ... - nicht popeln - , ich könnte Lukas auswechseln - nicht popeln - , Lukas raus und Miroslav rein - nicht popeln - , er ist zwar uralt und fällt bei seiner Luftrolle auf den Po, aber ein Tor schafft er bestimmt. Nicht popeln! Sogar Rihanna findet Miroslav ja toll - ich hoffe, er bricht sich nichts. Nicht popeln. Miroslav, spiel doch mal zu Popel. Thomas, Thomas, Thomas, schieß den Popel... Ich darf das nicht laut rufen. Oh, Gott! Ich muss mich konzentrieren.«

Während ich das Spiel ansehe, tut er mir so leid. Ich sitze zuhause, und was mache ich?

Ich zupfe mir ein bisschen an der Nase herum.

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