Werbung

Alle lieben Maja

Kathrin Zinkant über das Verhältnis von Mensch, Biene und Hummel - und die Frage, ob Insektengifte an allem Schuld sind

  • Von Kathrin Zinkant
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn man Karel Gott heute sieht, möchte man über das Altwerden und Kinderkriegen mit 70 sinnieren. Es fällt einem dann aber doch wieder das Lied ein, das mit »diese Biene, die ich meine«. Sie heißt Maja. Eine Kindheitserinnerung. Keine ganz unschuldige, wie man später erfuhr, das ursprüngliche Märchen von Waldemar Bonsels hatte nationalistische und rassistische Tendenzen, aber die Verdrängung solcher Gesinnungen hatte in der Bundesrepublik immer Tradition, auch anderswo sah man drüber hinweg. In den Siebzigern landete das ZDF mit der Trickfilmadaption seinen Quotenerfolg. Politisch entschärft, aber weiter naturverbunden summte die »kleine, freche, schlaue Biene Maja« über die Wiesen, pflegte Kameradschaften und definierte Feindbilder - hier: Wespen und Hornissen, die den Bienen zwar ähneln, aber ja keine echten Bienen sind.

Am Bienenbild der heute Vierzigjährigen ist das nicht spurlos vorübergegangen. Die verbreitet tiefe Sympathie für ein pelziges, mit Stacheln bewehrtes Insekt, das sich zu einem militärischen System der Ausbeutung organisiert, ist ohne die Biene Maja jedenfalls schwer zu erklären. Noch rätselhafter ist eigentlich nur die Rührung, die viele beim Anblick von Hummeln empfinden. Die engen Verwandten der Honigbiene verfügen - wie alle Lebewesen - über interessante Eigenschaften. So sind sie ausdauernd, viel wetterfester als Honigbienen und die effektiveren Bestäuber. Einige Arten haben sich aufs Schmarotzen spezialisiert. Warum aber finden Menschen Hummeln »süß«? Ist es die pummelige Form, das im Flug tief hängende Hinterteil, das so gemütlich wirkt, obwohl diese Tiere 20 Kilometer pro Stunde schnell werden können?

Was immer es sein mag: Viele lieben Hummeln. Alle lieben Maja. In Berlin gibt es mittlerweile urbane Imkereien, die Kurse für den städtischen Nachwuchs sollen stets ausgebucht sein, wie die Legehenne erfreut sich die Honigbiene der menschlichen Annäherung. Bienen dürfen deshalb nicht sterben, niemals. Und wer Bienen etwas antut, gehört bestraft.

Dieser im Kern ja ganz ehrenhafte Ansatz sorgt nur immer wieder für emotionale Wallungen, weil die Bienen eben doch krepieren, völkerweise sogar, und niemand sagen kann, wer Schuld an diesem sogenannten Colony Collapse Disorder, also Bienensterben ist. Vieles wird da erforscht und diskutiert. Viren, Milben. Klimawandel. Mittlerweile sind sich Wissenschaftler ziemlich sicher, dass es sich um ein komplexes Geschehen handelt, was einleuchtet, denn obwohl Honigbienen als Wildtiere gelten, werden sie genutzt, bewegen sie sich meist in künstlichen Stöcken und stehen unter menschlicher Aufsicht, die unter diesen Umständen auch nötig ist.

Eine Task Force der International Union for Conservation of Nature (IUCN) hat am Mittwoch nun aber eine Studie über Pestizide angekündigt. Genau genommen geht es um eine Meta-Analyse von mehreren Hundert Studien, die sich mit vielen möglichen Folgen der Schädlingsbekämpfung durch »Neonics« befasst, systemische Pestizide, die in großen Mengen fast überall auf der Welt auf den Feldern landen und selbstverständlich besser gar nicht oder zumindest nicht in diesen Mengen auf den Feldern landen sollten.

Was das jetzt mit Biene Maja zu tun hat? Eigentlich nichts. Die Analyse ist noch gar nicht verfügbar, es gibt nur eine Pressemitteilung und die Schlussfolgerungen, in denen keine Wirkung auf Bienenvölker offenbart wird, sondern allein die bereits bekannten Folgen für einzelne Bienen. In den Nachrichten über den Bericht werden trotzdem tote Bienen gezeigt oder aber prominent erwähnt, zum Beispiel in der aktuellen »Zeit«, die da schreibt »Insektengifte verursachen Bienensterben«. Schön. Dann hat ja alles seine Ordnung: Konzerne sind schuld. Politiker müssen handeln. Weitermachen.

Oder doch lieber nicht? Weltweit karren industrielle Imker ihre Bienenstöcke über Tausende Kilometer durch die Gegend. Das tut den Viechern bestimmt gut. So wie die ganzjährige Honigernte, deretwegen die Tiere im Winter Zuckerlösung bekommen statt des eigenen Honigs. Bienen sind vom Menschen im- und exportiert worden, haben Krankheiten verschleppt und eingeschleppt. Pestizide also? Sind vielleicht ein Zünglein an der Waage. Die Waagschale ist aber schon voll.

Aber Hauptsache Biene Maja. Im Herbst kommt sie übrigens als Film zurück, in die Kinos, in 3D. Den Titelsong singt dieses Mal Helene Fischer.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung