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Rock’n Roll-Tanz auf Krücken

In Bonn wird ein Tanztheaterstück zum »Bonner Loch« uraufgeführt

  • Von Anja Krüger, Bonn
  • Lesedauer: 4 Min.

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Beim Tanztheaterstück »Bonnkrott - eine Stadt tanzt« wirken neben professionellen Tänzern auch ehemalige Drogenkonsumenten mit.

Der junge Mann steht mitten im Raum. »Ich heiße Sascha, ich bin 27 Jahre alt«, sagt er. »Die Hälfte meines Lebens bin ich in der Szene aktiv.« Er zeigt mit dem Finger auf eine imaginäre Stelle. »Da habe ich früher geschlafen«, sagt er und streckt den Arm in eine andere Richtung: »Hier habe ich immer meine Transaktionen gemacht. An- und Verkauf.«

Sascha ist obdachlos. Früher hat er im »Bonner Loch« gewohnt. Das ist der Platz nach der Unterführung, die vom Bahnhof in die Fußgängerzone der ehemaligen Hauptstadt der BRD führt. Offiziell heißt dieser Abschnitt »Klanggrund«, weil hier eine Installation des Klangkünstlers Sam Auinger aufgebaut ist. Lange traf sich hier die Drogenszene der Umgebung, bis sie vertrieben wurde und zum nahegelegenen Busbahnhof umzog. Hier war auch lange Saschas Zuhause, er wohnt nun unter einer Eisenbahnbrücke. Jetzt steht er in einem großen Ballettsaal und probt mit anderen Ex-Junkies und mit professionellen Tänzern für das Stück »Bonnkrott - eine Stadt tanzt«. Choreografin Yoshiko Waki gibt Anweisungen. »Jetzt gehen alle dahin, wo der Sascha steht«, ruft sie in den Ballettsaal. Elf Leute bewegen sich auf den jungen Mann zu, der auf einem Hocker sitzt.

Die Tanztheater-Compagnie »bodytalk« von Yoshiko Waki und Rolf Baumgart wird »Bonnkrott« am 3. Juli im »Klanggrund« uraufführen. Das Konzept für das Projekt stammt von Baumgart, Waki ist die Regisseurin. Finanziert wird es unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes mit Mitteln des Sondertopfes »Kultur im öffentlichen Raum«. Neben professionellen Tänzern wirken Suchtkranke mit, die einen Teil ihres Lebens im »Bonner Loch« verbracht haben. Sie erzählen ihre Geschichte. »Das Bonner Loch ist für einige der Weg zum Zug, für andere der Weg vom Zug und unsere Leute sind da manchmal auf Entzug«, erklärt Baumgart.

Sascha ist seit acht Jahren auf der Straße. Kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes hat seine Freundin ihn hinausgeworfen. Er rutschte in die Drogenszene, kam auf Heroin. Seine Gesundheit ist ruiniert, er hat Hepatitis C, der Rücken ist kaputt. Lange war das »Bonner Loch« sein Wohnzimmer. »Ich habe eigentlich alles hier, bis auf eine Küche«, sagt er in dem Stück. »Das ist komisch, wo ich doch Koch gelernt habe.« Seit einiger Zeit ist er in einem Substitutionsprogramm, er nimmt Medikamente statt Heroin. Weil er keinen Suchtdruck hat, muss er nicht täglich Geld für Drogen besorgen. Die Proben machen im Spaß. »Ich habe ja jetzt Zeit«, sagt er. Sascha sitzt auf dem Barhocker, den Waki in den Ballettsaal gestellt hat. Mitspieler zerren an ihm, manche massieren ihn. Jeder hat einen Vorschlag. »Du musst das rational angehen«, sagt einer. Sascha hat von all den gut gemeinten Ratschlägen genug - im Leben wie im Stück. »Immer nur dieses Negative, ich will auch mal was Lustiges sehen«, ruft er.

Baumgart und Waki haben Sascha und die anderen Laien-Darsteller in einem Café für Junkies und ehemalige Drogenkonsumenten für das Projekt gewinnen können. Die professionellen Tänzer kommen unter anderem von der Berliner Volksbühne oder von der Deutschen Oper Berlin. Zu den eindrucksvollen Choreografien gehört ein Rock’n Roll-Tanz auf Krücken, mit dem das Ensemble in atemberaubender Geschwindigkeit den Raum füllt.

Für die 53-jährige Petra ist das Stück Teil eines Neuanfangs. »Tanzen ist meine Leidenschaft«, sagt sie. Auch Petra ist im Substitutionsprogramm. Sieben Jahre war sie clean, dann hatte sie einen Rückfall. Während sie ihre Geschichte erzählt, tanzt und schreit im Hintergrund der Tänzer Mack Kubicki. Nicht alle beteiligten Ex-Junkies wollen ihre Geschichte präsentieren. Judith, die eigentlich anders heißt, möchte ihre Erfahrungen nicht in aller Öffentlichkeit ausbreiten. Seit acht Jahren lebt sie ohne Drogen und wird substituiert. »Nur meine engsten Freude wissen davon«, sagt die 40-jährige.

Baumgart und Waki haben »bodytalk« 2008 gegründet, und seitdem eine ganze Reihe von Produktionen in öffentlichen Räumen realisiert. »Uns geht es um die Frage, was passiert, wenn Tanz und Realität aufeinandertreffen«, sagt Baumgart. Für die Produktion »Zig Leiber/Oi Division« über Neonazis im angeblich rechtsfreien Raum bekamen sie 2011 den Leipziger Bewegungskunstpreis. Wenn das Bonner Projekt abgeschlossen ist, werden die beiden mit dem Polnischen Tanztheater in Posen ein Stück entwickeln.

Tanztheater »Bonnkrott - Eine Stadt tanzt«, Premiere am 3. Juli 20 Uhr im »Klanggrund« Bonn am Hauptbahnhof, weitere Aufführungen v. 4. bis 6. Juli 20 Uhr; am 6. Juli auch 18 Uhr. Eintritt frei.

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