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Opium fürs Volk

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

Es geht um alles oder nichts, ein Tor würde die herbeigesehnte Entscheidung, die Erlösung nach fast 90 Minuten Glauben, Beten, Fluchen bringen. Nur einmal muss der Ball irgendwie hinter die weiße Linie zwischen die Aluminiumrohre rollen. Dann passiert es, der Jubel ist grenzenlos. Das Adrenalin sprüht aus den Akteuren auf dem Grün, die Zuschauer sind beseelt von diesem entscheidenden Moment. Der Torschütze ist nicht nur der Held des Spiels, er wird binnen Sekunden an diesem Abend zum Messias.

Nur wenige Minuten später ist alles vorbei. Beglückt auf der einen Seite, niedergeschlagen, vielleicht auch wütend am anderen Ende des Fußballtempels treten die Zehntausenden den Heimweg an - im Wissen, wiederkommen zu wollen, entweder, um auf Revanche zu sinnen oder den Rausch des Erfolgs noch einmal zu durchleben. Manche von ihnen nehmen ohnehin an jedem Wochenende an einem solchen Gottesdienst Teil. Sie sind die Orthodoxen unter den Fußballjüngern.

Es hat so viel und zugleich so wenig mit dem Fußballsport an sich zu tun, wenn Menschenmengen für eineinhalb Stunden um den Heiligen Rasen zusammenkommen und mehr oder weniger ausrasten. Anders als bei anderen Religionen ist es den Gläubigen fast komplett freigestellt, wie sie ihren Fundamentalismus zur Schau stellen. Außer bei dieser WM. Da werden Banner und Choreografien verboten. Vielleicht auch nur, weil sie die Reinheit des Fußballbekenntnisses durch nationale Mythen beschädigen.

Diese derzeitige, sich allabendlich Bahn brechende Massenhysterie - die keinesfalls so genannt werden darf - wiederholt sich alle zwei Jahre, bei einer WM ist sie jedoch besonders ausgeprägt. Die Pilger treten ihre Reise in das mit der Austragung des Sportturniers gelobte Land an, der Rest der Welt schafft sich kirchenähnliche Räume - im Freien, in der verweihrauchten Kneipe oder in Form eines Privataltars. In jedem Fall geht es um das gemeinschaftliche Erleben - wenn möglich mit Chorgesang und dem Genuss der flüssigen Hostie. Anders als in der orthodoxen Liturgie wird die nicht am Ende der Veranstaltung verzehrt, sondern immer wieder im Laufe des Gottesdienstes zur Stärkung gereicht. Der Gerstensaft ist trotz mancher Verschwendung etwa beim Torjubel aber nicht weniger himmlisch.

Doch nicht alle lassen sich in diesen Wochen mitreißen. Einigen wenigen ist dieses gemeinschaftliche Erleben suspekt. Mehr noch, sie lehnen die Verbrüderung am Grün grundsätzlich ab. Sie sind die Atheisten im WM-Publikum. Sie nennen das Ereignis Opium fürs Volk.

Ganz unrecht haben sie damit nicht. Es lässt sich nicht mit irdischem Verstand erklären, dass auf einmal Menschen, die sich sonst nie für das Schöne Spiel interessieren, plötzlich so selbstverständlich darüber reden wie über Sonne und Regen und ihre Blicke immer wieder auf die allerorten verfügbaren Heiligenbilder richten.

Und auch wenn das in diesen Tagen niemensch hören will, aber doch alle wissen: Wir müssen den Kritikern zuhören. Denn so unterirdische Entscheidungen wie derzeit zu Mindestlohn, Handelsabkommen und in Postengeschacher gehen selbst an manchen Mächtigen vorbei oder haben Ergebnisse, die mit der Lehre vom folgerichtigen Denken nicht erklärbar sind. Die Menschen brauchen offenbar den Glauben, auch an den Fußballgott.

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