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Ganz und gar nicht mehr geheim

Kolumbien trifft im Viertelfinale auf Brasilien. Die »Cafeteros« sind - wie die Belgier - mit offensivem Fußball zu Favoriten der WM geworden

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Die torreichen Spiele zu WM-Beginn haben viele als neuen Offensivtrend verkannt. Wirklich auf Angriff spielen nur Kolumbien und Belgien - und sind deshalb erfolgreich.

Selbst Experten lassen sich manchmal anstecken. Nach 136 Toren in den 48 Vorrundenspielen wollte der Franzose Gerard Houllier, Mitglied der Technischen Studiengruppe (TSG) der FIFA, bei dieser Weltmeisterschaft einen neuen Trend erkannt haben: Offensivfußball. »Das ist eine Tendenz, die schon jetzt absehbar ist«, sagte er. Acht Spiele später hat sich Houllier korrigiert und spricht nur noch von einer »Generation überragender Offensivspieler«. Damit liegt er zweifelsfrei richtig. Nach den Achtelfinalspielen sank die Torquote deutlich - es fielen durchschnittlich nur noch 2,12 Treffer pro Spiel, in der Vorrunde waren es noch umjubelte 2,83.

Eine Erkenntnis, die die TSG nach der WM 2010 in Südafrika gewonnen hatte, trifft hingegen immer noch zu. »Die erfolgreichen Teams spielen von einem Strafraum zum anderen als Einheit«, bilanzierten die Chefanalysten des Weltverbands damals. Dieses Wissen hätte Houllier eigentlich sofort stutzig machen müssen. Denn beispielsweise die am Anfang dieses Turniers von ihm für ihren Offensivfußball hochgelobten Niederländer bieten eben das nicht. Vor einer defensiven Fünferkette stehen drei Mittelfeldspieler, von denen zwei hauptsächlich auf die Abwehrarbeit konzentriert sind - meist mit dem sonst so kreativen Aufbauspieler Wesley Sneijder sogar alle drei.

Viele Angriffe bringen die Niederländer oft nur mit zwei Spielern zu Ende. Es sei denn, sie geraten ob ihrer eigenen Harmlosigkeit so in Not, dass Trainer Louis van Gaal wie im Achtelfinale gegen Mexiko mit Wechseln die Offensive stärken muss. Generell sind Arjen Robben und Robin van Persie im 5-3-2-System im Sturm aber auf sich allein gestellt. Es ist also kein Wunder, dass die Niederlande mit bisher 54 Torschüssen die drittwenigsten aller Viertelfinalteilnehmer aufweist. Hingegen sind Robben, van Persie und Co. sehr treffsicher: Mit 28 Prozent liegen sie in der Statistik der Chancenverwertung auf Platz zwei.

Dies bestätigt Houlliers späte Erkenntnis der überragenden Offensivspieler. Das trifft gleichermaßen auf den selbst ernannten WM-Favoriten Brasilien zu, der ohne Superstar Neymar wohl nicht mehr im Turnier wäre. Abgesehen von Außenbahnspieler Hulk, der sich im Achtelfinale gegen Chile steigern konnte und ein paar gute Momente in der Offensive hatte, spielt die Seleção in ihrer Heimat unansehnlichen Sicherheitsfußball: Absoluten Seltenheitswert hat das schnelle Spiel in die Spitze, stattdessen gibt es langweiliges Quergeschiebe. Damit die Brasilianer ihr Team überhaupt bejubeln können, feiern sie eben die Rettungsaktionen von Torwart Julio Cesar und den restlichen Defensivspielern. Weil Brasiliens Mannschaft selbst keinen Druck auf den Gegner erzeugt, gerät sie selbst so oft in Bedrängnis.

Man könnte natürlich einwenden, dass der Erfolg die Mittel heilige. Aber all die großen Namen des Weltfußballs, die man im Viertelfinale findet, sind dorthin sehr glücklich und aufgrund der enorm hohen Qualität ihrer Einzelspieler gelangt: Brasilien erst im Elfmeterschießen, die Niederländer gegen eine bessere mexikanische Mannschaft durch ein Tor in der Nachspielzeit. Die DFB-Elf kam erst in der Verlängerung gegen Algerien eine Runde weiter - auch weil Joachim Löw von seiner offensiven Spielweise abgerückt ist. Das 4-3-3-System mag zwar nach Angriffsfußball klingen. Aber da eben nicht die ganze Mannschaft von Strafraum zu Strafraum als Einheit spielt, wird sie nicht wirklich gefährlich. Denn da in der Viererkette in der Abwehr auch auf den Außenposition Innenverteidiger spielen, entwickelt sich über die Außenbahnen kein druckvolles Spiel nach vorn.

Das bisher beste, und auch schönste, Spiel der WM war die Achtelfinalpartie zwischen Belgien und den USA. Beide Mannschaften spielten im 4-2-3-1-System, das viele nach dem frühen Ausscheiden der Spanier schon als antiquiert ansehen. Die Belgier agierten druckvoller, zwangen US-Torwart Tim Howard zu unglaublichen 16 Parden und gewannen verdient. Weil sie mehr für das Spiel getan hatten. Weil sie auf Angriff spielen: Mit mindestens vier Offensivspielern, die meistens auch noch von den Außenverteidigern unterstützt werden. Mit bisher 83 Torschüssen sind die »Roten Teufel« auch statistisch das gefährlichste Team.

Das ganz spezielle spanische Tiki-Taka-Kurzpassspiel mag tatsächlich für eine Weile verschwinden. Denn dafür braucht man auch ganz spezielle Spieler. Die Protagonisten vom FC Barcelona, die auch das Gerüst der spanischen Nationalmannschaft bildeten, sind mittlerweile einfach zu alt.

Offensivfußball bedeutet nicht nur, torgefährlich zu sein, sondern auch ein offensives Pressing: den Gegner früh gemeinschaftlich zu attackieren, sich als Team ständig dorthin zu verschieben, wo der Ball ist und dadurch die Räume für Lauf- und Passwege zu verengen. Und Offensivfußball lebt auch vom schnellen Passspiel bei eigenem Ballbesitz. All das sind Elemente, die Spanien zur dominierenden Mannschaft gemacht hatten.

Diese Art, Fußball zu spielen, ist weiterhin modern, ebenso wie die dazu passenden Spielsysteme. Das beweisen Belgien - und Kolumbien. Auch die »Cafeteros« spielen im 4-2-3-1-System, manchmal noch offensiver mit zwei Stürmern im 4-2-2-2. Mit dem 2:0 gegen die Defensivspezialisten aus Uruguay setzten sie sich am deutlichsten im Achtelfinale durch. Mit bislang elf Turniertreffern haben sie die zweitmeisten. Und Mut zum Risiko bedeutet nicht, in der Abwehr anfällig zu sein: Sowohl Kolumbien als auch Belgien haben in vier Spielen erst je zwei Gegentore kassiert. Weil nicht nur die ganze Mannschaft stürmt, sondern auch verteidigt.

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