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Marcel Kittel siegt im Massensprint

Der Erfurter fährt auch bei der Tour de France 2014 nach dem Auftaktsieg einen Tag lang im Gelben Trikot

  • Von Tom Mustroph, Sheffield
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Ausflug nach Großbritannien wird zum Erfolg für die Tour de France und Marcel Kittel. Doch der Liebling der Fans scheidet aus.

Vergesst Wimbledon, vergesst die Fußball-WM. Radsport ist die neue Liebe der Briten! Selbst der Herzog und die Herzogin von York ließen das Frauenfinale im Tennis aus, um dem Grand Depart der Tour de France nah zu sein. Die Königin war nur wegen des Stapellaufs von Großbritanniens größtem Kriegsschiff verhindert, einem Flugzeugträger namens »Queen Elizabeth«. Die Begeisterung auf der Insel konnte nicht einmal das Sturzpech des Lokalmatadoren Mark Cavendish ernsthaft dämpfen.

»Es ist enorm, was hier passiert. Die Anfeuerung übertrifft alle Erwartungen«, konstatierte der Erfurter Marcel Kittel, der Sieger der ersten Etappe. In Zehnerreihen standen die Zuschauer am Samstag auf dem Weg von Leeds nach Harrogate am Straßenrand, ebenso am Sonntag in York und Sheffield. Mit großer Geduld bildeten die britischen Radsportfreunde Hunderte Meter lange Schlangen vor den Bahnhöfen, um zur Strecke und wieder zurück zu gelangen. Lokale Medien titelten von einer »Tour de Yorkshire«. In einer nd-Spontanumfrage unter Zuschauern sprachen sich viele dafür aus, dass die Tour jedes Jahr in ihrer Heimat beginnen möge.

»Radsport ist bei uns ein Massensport geworden«, konstatierte der dopingkritische Radsportenthusiast David Walsh in der »Sunday Times«. Skys Teamchef Dave Brailsford zeigte sich beglückt, dass in manchem Kinderzimmer mittlerweile neben den Postern von Fußballstars auch solche von Radsportlern aufgehängt sind. Selbst die negativen Aspekte des Booms sind schon ein Thema. Der »Guardian« beschrieb auf eineinhalb Seiten das Phänomen des »Kampfradler« in Londons City und zitierte Olympiasieger Sir Chris Hoy als Kritiker der Zweirad-Rücksichtslosigkeit.

Warnende Worte verloren auch die besungenen Helden der Tour. Mehrfach brachten Zuschauer das Peloton zum Stehen. »Es war sehr eng, und die Fans gingen erst im letzten Moment zurück. Es gab einen gefährlichen Moment, als alle zurückwichen und in der Mitte der Straße ein Rollstuhlfahrer übrig blieb«, sagte Kittel.

Auf seinen Etappensieg in einem unübersichtlichen Finale übten die verengten Straßen aber keinen Einfluss aus. Und auch an Cavendishs Crash hatten sie keinen Anteil. »Es war meine Schuld. Ich habe eine Lücke gesucht, wo keine war«, teilte der an der Schulter verletzte britische Sprinter mit. Er entschuldigte sich beim Australier Simon Gerrans, den er mit zu Boden gerissen hatte. Gerrans konnte weiterfahren, Cavendish musste aussteigen. »Unser Team gleicht jetzt einem gestählten Körper ohne Kopf«, zog Omega-Sportdirektor Rolf Aldag ein trauriges Fazit. Jetzt müssen Zeitfahrweltmeister Tony Martin, Cavendishs Anfahrer Matteo Trentin (Italien) und Paris-Roubaix-Gewinner Niki Terpstra (Niederlande) in die Bresche springen.

Im Sprint scheint der Weg nun noch freier für das deutsche Trio Kittel, John Degenkolb (Giant Shimano) und André Greipel (Lotto). Kittel hat sich mit seinem Sieg endgültig als Nachfolger von Sprintgroßmeister Cavendish etabliert. »Ein zweites Mal den Tourstart zu gewinnen ist noch schwerer, als es beim ersten Mal zu schaffen. Ich bin überglücklich«, meinte Kittel, nachdem er das gelbe und das grüne Trikot aus den Händen des Thronfolgerpaares erhalten hatte. Am Montag hat er in Londons Innenstadt eine nächste Chance.

Seine Tour de Yorkshire hatte auch der Berliner Jens Voigt. 16 Jahre nach seinem ersten Bergtrikot bei der berüchtigten Dopingtour 1998 holte er sich dank eines beherzten Ausreißversuchs erneut das gepunktete Trikot und machte das Dauerbad in der Menge mitverantwortlich für seinen bemerkenswerten Ritt. Am Sonntag wurde er das gepunktete Leibchen freilich schnell wieder los. Und auch Kittel gab das gelbe an den Etappensieger von York, Vincenzo Nibali, ab.

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