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Die große Angstmacherei

Klaus Müller über eine mögliche Deflation, linke Ökonomen auf dem Holzweg und eine Preispolitik, die Menschen mit geringem Einkommen zugutekommen könnte

Eine Sprachdozentin fragte mich kürzlich, ob wir Deutsche eine Deflation fürchten müssen. »Warum fürchten? Käme sie, könnten wir uns freuen«, antwortete ich. Sie war überrascht. Denn ein Gespenst geht um in der Finanzwelt: die Deflation. Schlimmer als sein Gegenteil, die Inflation, bedrohe ein Preisverfall auf breiter Front das Leben der Menschen, heißt es Land auf, Land ab. Was soll werden, wenn die Preise fallen? Bürgerliche Ökonomen sind sich sicher: Konsumenten, die in Erwartung sinkender Preise nicht kaufen, und Unternehmer, die in Erwartung ausbleibender Käufer nicht produzieren, nicht investieren und Arbeitsplätze vernichten. Eine Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, Kaufzurückhaltung und Investitionsstau - das ist Deflation. Eine Wirtschaft im Stillstand.

Alternative und linke Wirtschaftswissenschaftler helfen kräftig mit bei der Angstmacherei. So verteidigt die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank. »Diese Geldpolitik lässt sich mit dem Hinweis auf eine erfolgreiche Verhinderung einer Deflation bis hin zu einer tiefen Wirtschaftskrise rechtfertigen«, schreiben die Autoren in ihrem diesjährigen »Memorandum«. Bürger sind erschrocken bis verwirrt. Alle kreischen, als würde ein nackter Mann durch ein katholisches Mädcheninternat schleichen: Hilfe, eine Deflation! Leute, geht’s noch?

Menschen, die nicht essen, nur weil das Brot bald billiger sein könnte? Beschäftigte, die nicht zur Arbeit fahren, weil der Benzinpreis um zwei Cent pro Liter fallen soll? Das defekte Dach, durch das Regenwasser in den Frühstückskaffee tropft, bleibt durchlässig, weil die Schindelpreise nächsten Monat sinken werden? Ökonomieprofessoren tun so, als ängstigten sie sich, dass die Menschen darben und entsagen könnten, beseelt von der Hoffnung, künftig das gratis zu erhalten, worauf sie heute verzichten.

Die Verwirrung ist gewollt: Die Leute sollen Furcht bekommen vor Preissenkungen. Sie sollen sich lieber eine Inflation wünschen - von der seit jeher die reichen Schuldner und Sachvermögensbesitzer auf Kosten der einfachen Bürger profitieren. Nur in Dreiteufelsnamen keine Preissenkung! »Das alte Entsagungslied, Das Eiapopeia vom Himmel, Womit man einlullt, wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel.« Nichts hat sich geändert seit Heinrich Heines »Wintermärchen«!

Dabei ist das Argument von den angeblichen Gefahren einer Deflation genauso schwachsinnig wie der Versuch, es mit der Weltwirtschaftskrise empirisch zu »beweisen«. In Überproduktionskrisen sinken Preise und Löhne, die Arbeitslosigkeit steigt. Betriebe machen bankrott, die Produktion bricht ein. Wer dies feststellt, muss noch nicht unbedingt etwas von Ökonomie verstanden haben. Denn auf die Kausalität kommt es an: Der Rückgang der Preise in einer Krise ist stets die Wirkung der Überproduktion und des Überangebots, nie deren Ursache. Mit der Kausalität haben sich bürgerliche Theoretiker schon immer schwer getan. Das hat bereits der US-amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce gemerkt: »Wirkung ist die zweite von zwei Erscheinungen, die immer in derselben Aufeinanderfolge vorkommen. Von der ersten, Ursache genannt, sagt man, sie bringt die zweite hervor - was nicht vernünftiger ist, als würde jemand ein Kaninchen für die Ursache eines Hundes halten, nur weil er noch nie einen Hund anders als bei der Verfolgung eines Kaninchens gesehen hatte.«

Könnte es nicht sein, dass niedrige Preise armen Leuten ermöglichen, sich satt zu essen und ein Auto zu kaufen? Können sich die Leute jetzt nicht Dinge leisten, auf die sie wegen der zu hohen Preise bisher verzichten mussten? Durch niedrige Preise können Familien wieder ab und zu ins Kino oder Theater gehen, eine Urlaubsreise machen oder das Eigenheim instand setzen lassen. Niedrige Preise, wie sie sich gegen Ende einer Krise einstellen, könnten - wenn die Bedingungen insgesamt dazu reif sind - helfen, die Wirtschaft wieder zu beleben und Investitionen auslösen, die aus der Misere herausführen.

Dabei müssen die Menschen aus einem ganz anderen Grund keine Angst vor einer Deflation haben: Nicht nur in der Bundesrepublik teilen sich wenige Großkonzerne die Märkte untereinander auf. Diese Monopole und Oligopole werden die Preise tendenziell eher erhöhen - und nicht etwa senken.

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