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Auf beiden Seiten regiert die Angst

Zarte Erholung von Gazas Wirtschaft zunichte gemacht / Israels Bevölkerung enttäuscht

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.
Israels Luftangriffe auf Gaza sind am Mittwoch fortgesetzt worden; umgekehrt sind jetzt auch wenige Kilometer südlich von Haifa palästinensische Raketen eingeschlagen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Israel ist an Krieg gewöhnt, sollte man meinen, für die Menschen in Jerusalem und Tel Aviv ist es dennoch ungewohnt: Urplötzlich heult die Sirene auf. Und kaum jemand weiß, was zu tun ist. Verblasst sind die Schriftzüge, die auf die Luftschutzräume hinweisen, modrig, dreckig ihr Inneres. Viele Jahre lang wurden sie nicht gebraucht: Der Krieg war immer woanders, 2006 im Norden, 2012 im Süden. Jetzt ist er hier.

Nicht oft, aber immer mal wieder ist seit Dienstagabend in den beiden israelischen Metropolen der Alarmton zu hören, fängt das Raketenabwehrsystem »Eiserne Kuppel«, das aus sehr teuren, sehr komplexen Geschützen besteht, Raketen ab. Man solle sich nicht allzu große Sorgen machen, versucht der Heimatschutz zu besänftigen: Im Gaza-Streifen dürfte es nicht viele Raketen geben, die so weit reichen.

Brenzliger ist die Lage im und um den Gaza-Streifen herum: Mehr als 220 Luftangriffe mussten die Menschen in dem dicht bevölkerten Landstrich dort seit Montag ertragen; mindestens 40 Todesopfer gab es seitdem bis zum Mittwochnachmittag. In keine Statistik geht die Zahl derjenigen ein, die durch das Leben mit dem ständigen Krieg psychische Traumata erleiden: »Die Folgen solcher Traumata werden durch die Bank weg unterschätzt«, heißt es in einer an der Hebräischen Universität Jerusalem angefertigten Studie: »Sie setzen die Betroffenen nicht nur unter einen lebenslangen Leidensdruck, sondern definieren auch das Denken ganzer Generationen.«

Auf beiden Seiten: Jenseits der Grenze, in Israel, versinkt nun wieder einer der ärmsten Landesteile in einen Stillstand. Gerade erst hatte die ohnehin schon schwache Wirtschaft hier damit begonnen, sich zu erholen; es hatten sich sogar einige neue Unternehmen angesiedelt. Denn der Waffenstillstand, der im Herbst 2012 den letzten Gaza-Krieg beendete, hatte gehalten, bis jetzt. Zwar waren immer mal wieder Raketen auf Israel abgefeuert worden, doch in Israel war man sich bewusst, dass dafür kleine militante Gruppen verantwortlich waren, die damit die Hamas-Regierung unter Druck setzen wollten.

Nun herrscht auf beiden Seiten wieder Stillstand, wieder Angst. Und wieder Wut. Auf der israelischen Seite wird den Menschen in diesen Tagen urplötzlich bewusst, wie wenig hinter den Versprechungen steckte, die die Regierung in Jerusalem, das Verteidigungsministerium in Tel Aviv nach 2012 gemacht hatten: Selbst in vielen Schulen wurden nach wie vor keine Luftschutzräume eingerichtet; die öffentlichen Bunker sind vielfach runtergekommen und teilweise gar nicht nutzbar. Man solle sich nicht weiter als 15 Sekunden, also die Zeit, die man brauche, um ein Glas Wasser zu trinken, oder sich die Schnürsenkel zuzubinden, von einem Bunker entfernen, mahnt der Heimatschutz. Meist reicht es mangels Schutzräumen nur dazu, sich hinter irgendwas auf den Boden zu werfen.

In Gaza steigen derweil die Aggressionen nicht nur auf Israel, sondern auch auf die Hamas und noch viel mehr auf die Kampfgruppen: »Wir sind der Spielball dieser Leute; sie machen, was sie wollen, und wir sollen dabei mitmachen«, schreibt ein Kontakt in Gaza per E-Mail. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen: In der verschlossenen Welt der palästinensischen Kampfgruppen sei jeder ein Verräter, der anderer Meinung ist. Bislang hatte die Hamas diese Gruppen durch ein kompliziertes System aus Geben und Nehmen einigermaßen unter Kontrolle.

Doch seit Israels Luftwaffe vor allem hochrangige Offiziere des Ezzedin-al-Kassam-Brigaden angreift, stehen die Zeichen für diese ausschließlich auf Krieg. Am Dienstagabend hatte die politische Hamas-Führung Israels Regierung eine Neuauflage des Waffenstillstandes angeboten, im Gegenzug für die Freilassung der Gefangenen, die einst im Gegenzug für den in Gaza fest gehaltenen Soldaten Gilad Schalit freigelassen und im Juni vom israelischen Militär wieder festgesetzt worden waren. Israel verweigerte das, und die Reaktion der Brigaden kam umgehend: Ein Waffenstillstand sei ausgeschlossen, teilten sie mit. Verhandlungen laufen bereits seit der vergangenen Woche; die ägyptischen Vermittler sagen aber, sie hätten nur noch wenig Hoffnung, dass daraus in absehbarer Zeit etwas werden wird.

Die Entscheidung, ob auf die Luftangriffe eine Bodenoffensive folgt, steht nun kurz bevor: Die Zahl der Ziele, die noch aus der Luft angegriffen werden könnten, sinkt mit jedem Kampfeinsatz. Die Reservisten, die in den vergangenen Tagen mobilisiert worden waren, sind mittlerweile zu einem großen Teil an der Grenze zum Gaza-Streifen eingetroffen.

Doch während die Menschen auf beiden Seiten darauf warten, wie es weiter geht, wird auch immer wieder die Frage nach der Zukunft gestellt: Was wird passieren, wenn die Hamas tatsächlich handlungsunfähig wird? Wie soll der Gaza-Streifen dann regiert werden? Sowohl Israels Regierung als auch die Führung in Ramallah weichen der Frage aus - sie hat sich bislang nicht gestellt.

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