Die Frau, die gleich nach Putin kam

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
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Die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach hört auf. Freiwillig. Aus ihrem Amt vertrieben wurde sie nicht. Und genau dieser Umstand, nie vertrieben worden zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr politisches Leben. Hoffentlich tritt mir ihr der BdV-Revanchismus ab.

Die Präsidentin des »Bund der Vertriebenen« ist ein Kriegskind. Mit allem was dazu gehört. Also auch einem Lebenslauf, der die Wirren des Krieges nachzeichnet. Geboren wurde sie im kurzlebigen Reichsgau Danzig-Westpreußen als Tochter eines Hessen, der erst nach der Eroberung Polens als Feldwebel der Luftwaffe dorthin kam. Wo einige Jahre zuvor noch Polen heimatliche Gefühle hatten, lag nun die Heimat jener Deutschen, die im Tross der Wehrmacht ins Land strömten. Sie blieben nur kurz, das Kriegsglück wendete sich. Alteingesessene und »neu Hinzugezogene« mussten das Land verlassen.

Ihr kurzes erstes Leben in Polen war für klein Erika wahrscheinlich sehr prägend. Es wurde eine Triebfeder ihres politischen Wirkens – und die verlorene Heimat. Als Bundestagsabgeordnete lehnte sie die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ab, denn »man kann nicht für einen Vertrag stimmen, der einen Teil unserer Heimat abtrennt.« Zwei, drei Jahre haben genügt, um Erika und Familie zu integrieren. Mensch, heutige Migranten sollten sich echt ein Beispiel am Integrationswillen deutscher Besatzungssoldaten nehmen. Noch Generationen später wirft man Türken vor, sich immer noch nicht richtig eingelebt zu haben. Und die hockten schon nach acht Tagen wie verwurzelt auf ihrer neuen Scholle.

Aus Polen kam oft der Vorwurf, dass diese Frau, die nicht mal die Grenzen des aktuellen Deutschland akzeptiere, eigentlich nicht mal eine richtige Vertriebene sei. Mit Blick auf ihre Familiengeschichte trifft das natürlich zu. Steinbach antwortete darauf, dass man kein Wal sein müsse, um für den Artenschutz zu sein.

Das stimmt natürlich auch. Nur hat sie in ihrer Zeit als Präsidentin des BdV viel getan, um wie ein gegenüber der Menschheit rachsüchtiger Wal auszusehen. Ohne Metapher gesprochen: Sie tat viel dafür, als jemand zu gelten, der Grund und Boden beansprucht, der in einem Angriffskrieg von den Angreifern enteignet wurde. Letzteres bezweifelte sie dann auch immer wieder stark. So erklärte sie einst, dass Polen schon Monate vor Hitler mobilmachte. War der Überfall Polens also nur in etwa das, was man heute als »präventive Intervention« bezeichnen würde?

Das war die programmatische Relativierung, um diesen dumpfen Revanchismus irgendwie erklärbar zu machen. Den Polen fiel es natürlich immer schwer, mit einer Person konfrontiert zu werden, die als Tochter der Besatzer ins Land kam und nicht die Einsicht aufbrachte, dass sie dort eben nicht zufällig zur Welt gebracht wurde, sondern durch die Gunst einer gewaltsamen Weltmachtpolitik. Sie lebte womöglich in einem Haus, das vorher einem Polen oder Juden gehörte und das nicht freiwillig aufgegeben oder verkauft wurde und tat trotzdem so, als sei das völlig unbedeutend gewesen. Diese geschichtsvergessene Haltung weckte Befürchtungen. Zeitweise jagte den Polen nur Vladimir Putin mehr Angst ein. Dies ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2009.

Sie hätte als erste Person auf dem Posten des BdV-Präsidenten, die nicht mehr der »Erlebnisgeneration« angehörte, den Bund vom revanchistischen Glatteis führen können. Stattdessen stand da die kleine Erika, die so tat, als sei ihre Geburt in Danzig-Westpreußen in der Folge eines ganz alltäglichen Ortswechsels geschehen. Und dieses Auftreten befremdete viel mehr als all das der Präsidenten vorher, die aus alteingesessenen Familien im Osten stammten und selbst auch noch dort gelebt hatten. Deren revanchistische Relativierung konnte man ja wenigstens noch nachvollziehen. Sie hatten ja wirklich den Ort ihres »ersten Lebens« oder wenigstens ihrer Kindheit verloren.

Steinbach hätte von der Vita her das Zeug gehabt, den Bund als »Gedächtniszentrale« ohne politischen Einfluss zu führen. Sie hätte ideologisch nur auf »ihre Heimat« verzichten müssen. Doch sie ist gescheitert. Hoffentlich bekommt jetzt jemand die Stelle, der seine eigentliche Heimat nicht irgendwo im Osten »bei seinen Ahnen« sieht.

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