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Das Geduldsspiel

Erkenntnisse der Fußball-WM: Flatterhafte Fachmänner, Gesetzesbrecher und lernende Lehrer

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Fußball wird nicht bei einem vierwöchigen Turnier verändert, sondern durch langfristige Arbeit. Auch deshalb spielt die DFB-Elf mit Joachim Löw so erfolgreich.

Geduld bringt Rosen. Was sagt uns das tschechische Sprichwort nach 62 von 64 WM-Spielen? Vorschnelle Urteile sind selten zutreffend. Nach dem Ausscheiden der Spanier in der Vorrunde unterschrieben fast alle das Ende des Ballbesitzfußballs. Am Sonntag stehen mit Deutschland und Argentinien nun diejenigen Mannschaften mit dem höchsten Ballbesitzanteil im Finale. Beide bringen es durchschnittlich auf fast 60 Prozent.

Nach 48 Vorrundenspielen kam die Technische Studiengruppe (TSG) der FIFA zum Schluss: Der Trend gehe eindeutig zum Offensivfußball. 2,83 Tore wurden durchschnittlich in der Gruppenphase erzielt. Blenden ließen sich all die Experten beispielsweise vom 5:1 der Niederländer gegen Spanien. Eine Erklärung der TSG für die beiden Null-Tore-Auftritte von »Oranje« im Viertel- und Halbfinale steht noch aus. Trotz der acht Treffer im Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien liegt der Schnitt in der Finalrunde nur noch bei 2,21. Vor der Torflaute konnten Medien und Fachleute die Augen natürlich nicht verschließen. Plötzlich war es eine WM des Willens, der Leidenschaft. Exemplarisch wurden dafür die Gastgeber angeführt: Tränen schon bei der Hymne, wahnsinniger Jubel bei jeder Grätsche und Rettungsaktion. Nun, nach dem 1:7 Brasiliens gegen Deutschland zieht die TSG folgendes WM-Fazit: Effizienz schlägt Emotion.

Ob nun flatterhafte Fachmänner oder schwankende Schlagzeilenproduzenten: Sie können einfach nicht anders. Letztere, weil es ihr täglich Brot ist; und Experten müssen eben zum weltgrößten Ereignis ihres Sports etwas sagen. Neue Entdeckungen kann der Spielermarkt liefern: Unter 736 Spielern einer WM wird sich immer mal ein Unbekannter einen Namen machen. Neue Erkenntnisse aber kann ein vierwöchiges Turnier nicht bringen. Der Fußball wird in den Klubs entwickelt, verändert, verbessert - seine Protagonisten ebenso. Und das in langfristig angelegter Arbeit. Geduld bringt Rosen.

Auch bei dieser Weltmeisterschaft. Seit zehn Jahren arbeitet Joachim Löw mit der Nationalmannschaft, seit acht Jahren als Bundestrainer. Am Anfang stand die Idee: Verteidigung durch offensives Pressing, Dominanz durch Ballbesitz, Torchancen durch schnelles Passspiel. Mehr als 60 Spieler haben unter Löw bisher in der Nationalmannschaft debütiert. Er hat das Team entwickelt, verändert, verbessert - die Idee blieb. Nun könnte er seine Arbeit mit dem WM-Titel krönen. Es wäre ein verdienter Lohn.

Rosen hätte Louis van Gaal in den Niederlanden vielleicht nicht mal als Weltmeister bekommen. Denn er hat die Idee des niederländischen Fußballs verraten. Aus dem »Fußball Total« im stürmischen 4-3-3-System hat er ein quälend-langweiliges Sicherheitsspiel gemacht. Nun bekommt van Gaal nach dem Halbfinalaus nicht einmal Gladiolen. Ihn erwartet, dem römischen Sprichwort folgend, dass er selbst immer wieder gern vor entscheidenden Spielen anführte, der Tod. Ganz so dramatisch wird es für den 62-Jährigen wohl nicht kommen. Aber, dass die nicht geringe Schar von Kritikern bis hin zu Feinden wie der Legende Johan Cruyff jetzt über ihn herfallen wird, ist unausweichlich. Hatte er sie doch bis zuletzt genüsslich gereizt: vom 5:1 gegen Spanien bis zum Viertelfinale.

Dieses Spiel, wie auch das verlorene Halbfinale gegen Argentinien, war ein Zeugnis spielerischer Armut. Aber selbst den Sieg im Elfmeterschießen gegen Costa Rica feierte van Gaal noch als Erfolg - und zwar als seinen ganz persönlichen. Weil er vor dem Duell vom Punkt noch den Torwart gewechselt hatte. Medien und Experten feierten sogleich den Taktikfuchs. Einen neuerlichen Beweis, dass van Gaal ein Selbstdarsteller ist, hätte es nicht gebraucht. Hier nur eines seiner unzähligen Zitate zur Glorifizierung seiner selbst: »Ich bin der Beste.« Der jüngste Beweis: Im Halbfinale gegen Argentinien brachte er in der 96. Minute Klaas Jan Huntelaar für Robin van Persie ins Spiel. Es war der dritte Wechsel. Und damit verbaute er sich die Möglichkeit, erneut Elfmeterkiller Tim Krul einzuwechseln. Vielleicht war van Gaals Viertelfinalschachzug gar nicht so genial? In Englands Premier League hatte Krul zuvor jedenfalls nur zwei von 20 Elfmetern gehalten. Vielleicht wollte er aber einfach noch ein draufsetzen?

Wie dem auch sei. Louis van Gaal hat nicht nur die niederländischen, sondern auch die weltweit gültigen Fußballgesetze gebrochen: Denn dieser Sport ist und bleibt ein Mannschaftssport. Und so ist diese WM auch keine der Stars. Brasiliens Trainer Felipe Scolari setzte einzig und allein auf Neymar. Einen anderen fußballerischen Plan hatte er nicht. Selbst mit Neymar war das Spiel der Seleção zäh, ohne ihn ging gar nichts mehr. Das Ergebnis: eins zu sieben. Bei der niederländischen Elftal war der Trainer der Star, van Gaal stellte sich über die Mannschaft. Eine Eigenschaft, die ihn schon beim FC Bayern scheitern ließ.

Ein Trainer sollte nicht nur lehren, sondern selbst auch stets lernen. Er sollte nicht nur Spiel und Spieler besser machen, sondern auch den Willen haben, sich selbst zu verbessern. Und dazu gehört nun einmal, Kritik ernstzunehmen, andere anzuhören und manchmal auch den ein oder anderen Ratschlag anzunehmen. Im Gegensatz zu Louis van Gaal ist Joachim Löw dazu bereit. Es dauerte zwar ein wenig, aber die Einsicht kam. Und das nicht zu spät. Seit der Bundestrainer Philipp Lahm wieder als Rechtsverteidiger spielen lässt, spielt die DFB-Elf wieder guten Fußball.

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