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Denken lernen ohne Reformhütchen

Rainer Trampert wirft in seinem neuen Buch einen Blick in die Zukunft des Kapitalismus. Was er sieht, ist nicht schön

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Wenn man Zwölfjährige heute fragt, was sie einmal werden wollen, antworten sie häufig mit »Star« oder »Model«. Was sie tatsächlich schon sind und auch bleiben werden, ist Kunde oder Arbeitskraftbehälter, manchmal auch beides. Je nach dem, in welchem Teil der Welt sie leben. Auch hat man in Mitteleuropa nie zuvor so viele identisch aussehende und die gleichen Nichtigkeiten vor sich hinplappernde Kreaturen gesehen. Die totale Zombiefizierung des Menschen, sein gelungener Umbau zur jederzeit zustimmungsbereiten Konsum-, Affirmations- und Mitmachmaschine gelingt dem Kapitalismus täglich besser. Die Irrationalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, »das Ausmaß der Lenkung und Gestaltung von Bedürfnissen, die bereits die herrschaftlichen Kontrollsysteme in sich tragen, die Identifizierung des Menschen mit der Objektwelt, mit Waren und Firmen«, all das nehmen viele in ihrem Alltag gar nicht mehr wahr. Als abnormal wird hierzulande und heute derjenige betrachtet, der nicht mit seinem Mobiltelefon verwachsen ist und nicht das Logo eines Konzerns auf seiner Kleidung herumträgt. »Das Auto, die richtige Versicherung, die Kleidung, das Design, die digitale Kommunikation konfiszieren das Individuum mehr als die Staatsideologie.« Da ist keine Zeit mehr für Kritik, selbst wenn man noch zu ihr fähig wäre. Dass in Bangladesch einer sieben Tagen die Woche 15 Stunden am Tag arbeitet, für knapp 20 Cent die Stunde, ist normale Konzernpolitik. Alle großen europäischen Firmen lassen ihre Waren so produzieren.

In seinem neuen Buch schreibt Rainer Trampert nicht nur über das Wesen des Kapitalismus, eher handelt es sich um einen Rundumschlag: Es geht um Europa als »Supernation unter deutscher Führung«, den permanent geführten Wirtschaftskrieg gegen China und die USA, um weltweit geführte Verteilungskämpfe, darum, welche Ordnungsmacht sich in welcher Weltregion durchsetzt, um Geopolitik, die Bankenkrise, den wachsenden Antisemitismus, die Konjunktur wirrer Verschwörungstheorien (»Nichts muss bewiesen werden, weil alles geheim ist«). Aber auch um die deutsche Ideologie von Kant über Hitler bis zu Sarrazin, das Märchen, dass Keynes’ Theorie Sozialpolitik sei und nicht etwa eine »pro-kapitalistische Krisenbewältigungsstrategie«, oder um europäische Flüchtlingspolitik: »Der italienische Fischer darf nach europäischem Recht Kinder, Frauen und Männer beim Ertrinken filmen, aber ihnen nicht helfen. Einen Europäer muss er retten, sonst macht er sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig.« Wir haben es also hier mit einem geltenden Recht zu tun, das »das Bewusstsein zurückzwingt zur Rassenkunde der deutschen Kinderfibeln von 1937«, kommentiert Trampert.

Unter Hunderten von Zeitungsartikeln über Trampert dürfte sich kaum einer finden lassen, in dem nicht darauf hingewiesen wird, dass der Mann die Grünen mitgegründet hat und in den achtziger Jahren dort - die Partei wagte es seinerzeit noch nicht, so etwas verabscheuungswürdig Autoritäres und Staatstragendes wie »Vorsitzende« zu haben - eine Zeit lang das Amt des »Bundesvorstandssprechers« innehatte. Also soll auch an dieser Stelle mit dieser schönen alten Tradition nicht gebrochen werden. Möglicherweise weckt diese Information ja das gewünschte Interesse beim Leser: Oha! Ein Prominenter! Oder wenigstens Ex-Prominenter! Womöglich gar einer von den drolligen Müsli-Onkels, die vor Jahrzehnten alberne Sonnenblumen durch den Plenarsaal des Bundestags spazierengetragen haben und sich mit ihren ungewaschenen Händen durch ihre lustigen Zottelbärte strichen!

Gemeinsam mit anderen prägenden Linken, die den Grünen in den frühen achtziger Jahren den Ruf eingebracht hatten, eine unbotmäßige Spinner- und Störertruppe zu sein, die sich nicht geschmeidig in den bundesdeutschen Politbetrieb einfügen mag, trat Trampert im Jahr 1990 aus der Partei aus, die sich damals bereits auf den ihr vorgezeichneten Weg gemacht hatte, genau die »reputierliche Staatspartei« (Austrittserklärung) bzw. die vollautomatisch im Hochbetrieb laufende Streberproduktions- und Kriegsmaschine zu werden, die sie heute ist.

Trampert, gelernter Industriekaufmann und Betriebswirt, 68 Jahre alt, gehört zu jenen wenigen bundesrepublikanischen Linken und Linksradikalen seiner Generation, die auf den sogenannten Marsch durch die Institutionen verzichtet, eine Politik-, Medien- und Lobbyistenkarriere ausgeschlagen und sich auf die Nutzung des eigenen kritischen Verstandes und das fortgesetzte Nichteinverstandensein verlegt haben. Es gibt nicht allzu viele von seiner Sorte, die Skeptiker, Zweifler, Nörgler im besten Sinne geblieben sind und aus deren Sprechen und Schreiben kein verkümmerter Euphemismensalat geworden ist.

Der einstige »Ökosozialist« Trampert hat nicht aufgehört, das hiesige Gesellschaftssystem zu erklären und zu kritisieren, dessen Funktionsweise und Gesetzmäßigkeiten, seine Obszönität. Auch in seinem neuen Buch lässt er davon nicht ab: Die sogenannte Marktwirtschaft, weiß er, ist auch deshalb so schäbig, weil sie »das lebendige Leben auf seine Funktionalität reduziert« und »den Gedanken an das werte und unwerte Leben integriert«, also Überschneidungen mit der faschistischen Ideologie aufweist. Es soll hier kein Geheimnis daraus gemacht werden: Trampert ist kein Sozialdemokrat. Er ist auch kein Optimist, kein Revolutionsromantiker, kein naiver Utopieonkel mit einem Reformhütchen auf dem Kopf und einem fröhlichen Friedensliedchen auf den Lippen, keiner von der Sorte Linker, die von Konservativen wahlweise als weltentrückte Spinner diskreditiert oder als Bündnispartner bei der Elendsverwaltung herangezogen werden. Trampert kann denken. Was heute keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, schon gar nicht in der Linken.

Und was noch erfreulicher ist: Seine Kritik am gegenwärtigen Kapitalismus schließt eine denkfaule, dogmatische und am Ende auch systemstabilisierende Linke mit ein, die blind vor Hass auf die USA den Kapitalismus im eigenen Vorgarten nicht sehen will, gern das Ethnische und Regionale glorifiziert und sich auch sonst die Welt mit Vorliebe in Schwarzweißschemata einteilt. »Institute des Guten (Greenpeace, Linkspartei, Occupy, Dritte-Welt-Foren, Kosumberater, Keynesianer)«, so Trampert, »dienen sich an, den Kapitalismus zu reparieren und zu modernisieren, die auf die Finanzwelt reduzierte Kritik gleitet in den Antisemitismus ab, andere Linke freuen sich über jeden Aufstand im islamischen Raum und wünschen der ganzen Welt den westlichen Kapitalismus, den sie schon hat.«

Trampert fährt Zahlenkolonnen auf, schlüsselt Wirtschaftskonflikte und die Wege von Finanzströmen auf, erklärt nebenbei die antisemitische und antiamerikanische Obsession vieler Linker in diesem Land, »wo ›Israelkritik‹ Volkssport ist« (»Titanic«), und kommt dabei nur selten ohne den Sarkasmus dessen aus, der mit dem, was hierzulande links sich nennt, jahrzehntelang seine Erfahrungen gemacht hat. »Als hätten deutsche Unternehmer von Amerikanern und Briten zum ersten mal gehört, dass man im Kapitalismus auch Profit machen kann.« Auch die Linkspartei, die schon lange brav ihr »Glaubensbekenntnis für den Kapitalismus« abgegeben hat, trennt diesen »unwissenschaftlich in eine Finanz- und eine Realwelt und rühmt die Welt der realen Ausbeutung des Menschen«, wodurch sie sich an der Fetischisierung eines produktiven Kapitalismus beteiligt.

Trampert skizziert auch die Zukunft des sogenannten grünen Kapitalismus: »Gaskraftwerke, Megawindräder, Solaranlagen, Speicherfabriken, Stromautobahnen (…) werden Beton, Stahl, Kupfer verschlingen. (…) Der regenerative Kapitalismus wird die letzten Freiflächen industrialisieren. Meere, Berge, Wälder, Äcker und Wüsten werden gepflastert mit Monokulturen und neuen Industrien.« Was als »sanfte Energie«, »umweltschonend« und »nachhaltig« daherkommt, ist am Ende nichts weiter als ein Markt, auf dem Profit zu erzielen ist. Wir gehen goldenen Zeiten entgegen.

Rainer Trampert: Europa zwischen Weltmacht und Zerfall, SchmetterlingVerlag, 240 S., kart., 14,80 €.

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