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Zuversicht statt Optimismus

Am Donnerstag wird der Dichter Rainer Kirsch 80

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Gedichte sind wie Kinder: kommen auf die Welt. Die Frage ist: Was dann? Gute Gedichte sind wie aufrechte, aufrichtige Menschen: reichen vielleicht weit und kommen doch garantiert zu kurz; geben das große Beispiel und müssen doch als erste klein beigeben. Denn: Schwäche, Ohnmacht sind die treuen Begleiter - allen, die nah der Wahrhaftigkeit wurzeln, nah der Selbsttreue, dem wachhaltenden Zweifel.

Gedichte erscheinen, ja. Die Frage ist: in welcher Gestalt - und wem? Die Gedichte Rainer Kirschs sind in der DDR erschienen, was bisweilen einem Wunder gleichkam, und sie erschienen den Machtlüsternen wohl als Stachel, den auf Dummheit Gepolten (sie nannten ihre Art Widerspruchsrodung Dialektik) als Dämon, den Tapferen als Trutzimpuls. Und den Anstößigen als ein Stoßseufzer, den auch das mutigste Gemüt benötigt. Der Dichter Rainer Kirsch, 1934 in Döbeln geboren, ist in seiner Lyrik ein Epiker und Epigrammatiker, ein Lehrdichter und Bänkelsänger, ein lustvoller Genießer und listenreicher Gebieter. Seine Gebote sind Witz und Weisheit, Willenskraft und Würde und Wut. Wut gegen die Wendischen, Würde inmitten der Weltnöte, Willenskraft gegen die Gewöhnungen, Weisheit wider die Weismacher, Witz in Bruderschaft zur bitteren Wahrheit.

Kirsch studierte Philosophie und nahm den Widerspruch ernst. Also flog er raus, aus der Universität in Jena. Ab zu den Arbeitern und Bauern! Der politischen Geschichte speziellster Treppenwitz (ein Witz auf der Staatstreppe nach unten): das vermeintliche sozialistische Glanzgelände, die Produktion, justament als Straf-Ort! Auch Kirsch ging also durch diese Schule. Wurde klüger. Studierte dann Literatur in Leipzig, wurde Dichter (brauchte also keinen Abschluss am Institut). Er schrieb eine Komödie, »Heinrich Schlaghands Höllenfahrt«, eine moderne, bissige »Faust«-Adaption, also flog er wieder raus, diesmal aus der Partei. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen mit bitteren Systemerfahrungen zu SED-Zeiten doch lauter und heiter und zäh im kräftigen Denken blieben, das auf die alternative Gesellschaft zielt. Weil: Sie sind an keiner Verbiegung beteiligt gewesen, an keinem feigen Einlenken, an keinem Selbstbetrug.

So wehrte sich der Dichter mit Zuversicht gegen den Optimismus und mit sanfter, sarkastisch grundierter Kämpfernatur gegen die fortdauernd behaupteten Siege. So entstanden immer wieder innig lebendige Verse (»Ausflug machen«), Essays (»Ordnung im Spiegel«), Hörspiele - Texte darüber, dass dem Dichter in den verlorenen Hoffnungen die eine große Hoffnung doch niemals mit unterging. Es wuchs ein Werk, das davon erzählt, in wie vielen Arten des Frohsinns und der Trauer, der Hymne und der Klage man das Wort »Hoffnung« sagen, weitersagen kann. Ohne sich lossagen zu müssen vom Wesentlichen. Hoffnung besteht auch darin, nicht zu vergessen, was weh tut. »… als man/ Schreibt Pascal über Politik, das Gerechte/ Nicht finden konnte, ist man auf Macht verfallen.« Die Tragik der Revolutionen. Von einem Freund schreibt Kirsch 1976: »So etwa liest er nichts von Koestler. A.:/ Überläufer/ Sagt er, können nur lügen./ In seinem Kopf/ Ist eine schöne Welt.« Das ist sie, die törichte Realitätsangst der Dogmatiker, die Überbaugrube, in die man sich stürzte, in Blindheit, mit der man sich freiwillig geschlagen hatte. Klagend traurig das Gedicht für Ossip Mandelstam, abrechnend mit dem Zynismus der Doktrinäre im Klassenkampf gegen das Eigene: »Der Toten Stummheit zeigt ihr Unverständnis./Und daß Stahl Fleisch hackt, wußten doch auch sie./ was macht das Leben sicher? Ein Geständnis/ Was ist, ist, weil es ist. Was wollten die?« Kirschs Poesie beantwortet diese Frage. Die - Sensible, Unangepasste, Eigensinnsucher - wollten eine menschliche Welt.

Heute wird Rainer Kirsch, dessen auf acht Bände angelegte Werkausgabe der Eulenspiegel Verlag betreut, 80 Jahre alt. Wenn man seinen Namen sagt, kommen andere Namen herbei wie zu einem Ideenfest: Sarah Kirsch (der zeitweiligen Ehefrau), Heinz Czechowski, Peter Gosse, Karl Mickel, Volker Braun, Richard Leising. Die Gestorbenen wie die Lebenden. Die Gestorbenen nicht tot. In einem Gedicht auf seinen lyrischen Lehrer Georg Maurer schrieb Kirsch: »Das goldene Zeitalter/ War einmal wirklich, etwas davon/ Ist noch in jeder Kindheit«.

Wie wohl in jedem höheren Alter -- wenn die Gelassenheit mit der Geladenheit einen ewigen Frieden schließt, der leider nicht sehr lange dauern darf. Denn die Welt ist zu beharrend, der Mensch zu sterblich. Aber es ist ein schöner Gedanke, die Naivität des Kindlichen mit der Naivität des Greisen zu verkordeln. So, wie das Hören dem Sehen am nächsten kommt, wenn man in der Stille einer Nacht den Sternenhimmel besieht. »Was ist denn Trost. Ich wünsche, also bin ich.« Rainer Kirsch.

Mehr von und über Rainer Kirsch wird es in der Wochenendausgabe des »nd« am 19./20. Juli in einem Interview mit dem Dichter zu lesen geben.

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