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Kulturkampf im polnischen Sommerloch

»Wahre Gläubige« gegen den weltlichen Staat

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.
Das gesellschaftliche Klima an der Weichsel ist im diesjährigen Sommerloch durch eine anhaltende Schwüle gekennzeichnet.

Zu tun haben wir es mit einer Mischung aus politischer Streitsucht zwischen den beiden großen bürgerlichen Parteien, der regierenden Bürgerplattform (PO) und der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), und einem sich selbst antreibenden bigotten quasi-religiösen Obskurantismus. Gemessen am Ehrgeiz, ein moderner Staat mit einer Zivilgesellschaft zu sein, sind die Ereignisse zwischen Oder und Bug ein Trauerspiel. Beide Strömungen, die politische wie die klerikale, fließen ganz offensichtlich im Kampf um die Macht zusammen.

Da gab es zwei kurz aufeinanderfolgende Versuche, im Sejm die Regierung unter Donald Tusk (PO) durch ein von der PiS beantragtes konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen. Diese Regierung sei infolge der in der Abhöraffäre bekannt gewordenen, für etliche Minister kompromittierenden Fakten moralisch nicht mehr tragbar, argumentierte PiS. Sie sollte durch eine »technische Regierung« unter Prof. Piotr Glinski ersetzt werden, um »gerecht« und »objektiv« vorgezogene Parlamentswahlen vorbereiten zu können. Beide Versuche, die Regierung auf parlamentarischem Weg zu stürzen, scheiterten jedoch.

Stellt sich die Frage, ob »außerweltliche Techniken« zum Erfolg führen können. Anlässlich des monatlichen Gedenkens an die Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April 2011 unterzog Polens »Chef-Exorzist« Pfarrer Malkowski kürzlich Premier Donald Tusk, Präsident Bronislaw Komorowski und sogar die erzkatholische Warschauer Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz der strengen Prozedur der Teufelaustreibung - im Beisein von Parteichef Jaroslaw Kaczynski und anderen führenden PiS-Politikern, darunter die frühere Außenministerin und derzeitige EU-Abgeordnete Anna Fotyga. Ein seltsam »modernes Land«, dieses Polen.

Für die Geistesstimmung unter politisch bewussten Bürgern viel wichtiger als das Treiben im Sejm ist - wie es der ehemalige Jesuit Professor Tadeusz Bartos formulierte - der aggressiv geführte Kulturkampf. Im Nachwende-Polen tobte er eigentlich unterschwellig ständig. Nach der Unterzeichnung des Konkordats mit dem Vatikan im Juli 1993 nahm er, von Johannes Paul II. eindeutig unterstützt, heftigere Züge an. Und zuletzt wurde eine Offensive gegen die Werte des weltlichen Staates eröffnet.

Dazu zwei Beispiele: Auf Initiative der Ärztin Wanda Połtawska, einer ehemaligen Jugendfreundin Karol Wojtylas, des späteren Papstes, unterzeichneten über 3000 Mediziner eine »Erklärung des Gewissens«, die das göttliche Recht über das weltliche stellt. In zwei Steinplatten gemeißelt, imitiert die im Kloster von Czestochowa geweihte »Deklaracja Sumienia« die Tafeln des Moses. Dem Aufruf der polnischen Bischofskonferenz an die Ärzteschaft, die Erklärung zu unterstützen und deren Grundsätze zu praktizieren, folgte unter anderen der Direktor der staatlichen Warschauer Klinik »Zur Heiligen Familie«, Prof. Bogdan Chazan. Er sah sich zum Bruch geltenden Rechts »ermächtigt« und verweigerte einer Schwangeren, die nach allen Anzeichen eine missgestaltete, lebensunfähige Frucht in sich trug, nicht nur die Abtreibung, sondern auch die Information, wo, in welchem anderen Krankenhaus, sie vorgenommen werden könnte. Das wäre trotz aller katholischer Gewissensbisse seine Pflicht gewesen. Als das Kind zur Welt kam und kurz danach verstarb, brach in der Öffentlichkeit Empörung aus. Deren Folge war wiederum eine vom Klerus organisierte Protestaktion »wahrer Gläubiger« zur Verteidigung des »verfolgten« Chazan. Als Antwort darauf gründeten Hunderte Intellektuelle eine »Weltliche Akademie«, die von der in ethischen Fragen untätigen Regierung verantwortliches Handeln fordert.

Im Kulturbereich ist eine ähnliche Konfrontation zu beobachten, ausgelöst durch massenhafte Proteste gegen das Theaterstück »Golgota Picnic« des argentinischen Autors Rodrigo Garcia, das auf provokative Art mit christlichen Heilsversprechen abrechnet. Die aufgebrachten Frömmler erwirkten die Absetzung des Stückes von den Bühnen, auch Lesungen des Garcia-Textes wurden gewaltsam unterbunden. Und die PiS verlangte von der Staatsanwaltschaft, alle Mithörer von Lesungen wegen Gotteslästerung strafrechtlich zu verfolgen.

Geschehen im Juli 2014 …

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