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»Das ist Demokratie«

Eine Montagsdemo am Sonnabend und zwei Journalisten auf Abwegen

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Am Wochenende traf sich die Montagsdemo-Bewegung zu einer bundesweiten Mahnwache in Berlin. Star der Veranstaltung war der Ex-Linke und heutige Querfront-Stratege Jürgen Elsässer.

»Hallo liebe Neonazis, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker«, begrüßt Oliver Janich die paar hundert Demonstranten, die sich am vergangenen Samstag bei brütender Hitze vor dem Berliner Roten Rathaus eingefunden haben. Nach einer Schrecksekunde jubeln sie. Wir sind auf der »1. Bundesweiten Mahnwache für den Frieden«. Sie soll die Kräfte der seit Monaten in der Republik stattfindenden Montagsdemos bündeln. Seit zweieinhalb Stunden harrt die Menge in praller Sonne auf dem Platz aus, der von den Organisatoren konsequent als Alexanderplatz bezeichnet wird, obwohl der rund 500 Meter weiter nördlich liegt. Muss man aber so machen, schließlich bezieht man sich in den Aufrufen explizit auf die Demo vom 4. November 1989, an der sich über eine halbe Million Menschen beteiligte. Sie war ein Meilenstein der friedlichen Revolution der DDR.

Die provokante Begrüßung durch Oliver Janich war natürlich nur ironisch gemeint. Der Münchner Journalist und Autor, der früher für die »Süddeutsche Zeitung«, »Focus Money« oder die »Financial Times Deutschland« schrieb, ist inzwischen im halbseidenen Journalismus angelangt. So veröffentlicht er etwa bei »Kopp Online«, wo auch Eva Herman ihre kruden Thesen zur Familie verbreitet. Auch für Jürgen Elsässers Querfront-Postille »Compact« war Janich tätig. »Als ich zum ersten Mal gelesen hatte, was die Systempresse über uns schreibt, wusste ich: Das ist eine Bürgerbewegung«, so der überzeugte Wirtschaftslibertäre. Jetzt versuche man die Bewegung zu spalten. Wer auch immer man ist.

Vor Janich sprach Jürgen Elsässer unter immer wieder aufbrandendem Szenenapplaus. Der Herausgeber des Magazins »Compact«, das verschwörungstheoretischen und rechtspopulistischen Thesen eine Plattform gibt, hat eine sehr schillernde politische und publizistische Karriere hinter sich. Von der »jungen welt«, über »Neuen Deutschland« und »Freitag« bis »Jungle World« und »konkret«: Überall war er mal Autor und überall wurde er hinausgeworfen oder ging im Streit. Er war der Star der Demo. Seinen Anhängern hatte er auf seinem Webblog bereits die Marschroute vorgegeben: »Mit der Auftaktkundgebung auf dem Alexanderplatz können die sehr vielen Menschen für die Friedensbewegung zurückgewonnen werden, die in den vergangenen Wochen wegen der Linkswendung der Montagsdemonstrationen weggeblieben sind«.

Live hörte sich das dann so an: »Mein Name ist Jürgen Elsässer und meine Zielgruppe bleibt - das Volk«. Vom Zionismus möchte er reden. Wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen würden ermordet. »Wer vom Zionismus nicht reden darf, muss auch vom Faschismus schweigen«, sagt er. Die Ukrainekrise sei Folge von Nato-Faschismus, Putin habe keine Schuld. Auch sei es gut möglich, dass die Passagiermaschine von den »Nato-Faschisten« in Kiew abgeschossen worden sei. Die Terroranschläge des 11. September 2001 seien schließlich auch ein »Inside Job« gewesen. »Immer waren Russen und Deutsche in Freundschaft verbunden, egal ob unter Bismarck oder unter Willy Brandt, war es gut nicht nur für unsere beiden Völker, sondern für den ganzen Kontinent«, sagt Elsässer unter geflissentlicher Auslassung des Hitler-Stalin-Pakts. Er sagt noch viel mehr, die Umstehenden jubeln und applaudieren. Niemand protestiert. Im Publikum wird derweil eifrig diskutiert. »Wenn du mit 100 Juden verhandelst, wirst du 100 mal über den Tisch gezogen«, so ein weißhaariger Herr im bunten Hemd zu einem Mitstreiter. Nicht am offenen Mikrofon, das weiß er, dass das irgendwie nicht geht. Der nickt zustimmend, um seinen Gesprächspartner wiederum über Chemtrails aufzuklären. Diese Verschwörungstheorie basiert auf der These, dass den Kondensstreifen von Flugzeugen noch weitere Substanzen zugesetzt werden, um den vermeintlichen Klimawandel aufzuhalten. Die Sonneneinstrahlung gehe dadurch zurück, mit Folgen wie Vitamin-D-Mangel oder spontanem Nasenbluten, um nur zwei herauszugreifen. Natürlich berichteten die »Systemmedien« auch darüber nicht wahrheitsgemäß. Die Anhänger dieser Theorie stellen einen bedeutenden Anteil der Demoteilnehmer.

Neben Elsässer redeten auch viele andere. So auch Jenny Friedheim von der Bremerhavener Gruppe, die sich dem Komplex Mütter, Kinder und Krieg widmete. Die Dame im gestreiften Kleid will natürlich wie alle Frieden, weiß aber, dass Mütter für ihr Kind töten, wenn es sein müsse. »Viva la Mama«, endet ihr emotionaler Vortrag. Einem anderen Redner tat es weh, dass er so viele Menschen mit »Industriezigaretten« sah, denn: »Tabaksteuern finanzieren Kriege!« Somit sei jede Zigarette ein Projektil. Wolfram Freiling aus Kassel sah in seinem Nachnamen sein Lebensprinzip: »Ich bin der freedom man!« Die Mahnwache Lübeck konzentriert sich auf Autarkie in der Versorgung. Von hier kommt allerdings auch die einzige Kritik am Auftritt von Elsässer.

Wenig später machte man sich auf zum Potsdamer Platz, wo die Abschlussveranstaltung stattfand. Mit deutlich weniger Teilnehmern, als von den Veranstaltern erhofft.

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