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Hindenburgdamm umbenannt

Straße des Hitler-Wegbereiters wird symbolisch nach jüdischer Hochspringerin benannt

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Linkspartei stellte unlängst den Antrag, Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerschaft zu entziehen. Am Mittwoch unterstützte sie dieses Anliegen mit einer symbolischen Straßenumbenennung.

Nimmt man die Analysen des italienischen Kommunisten und marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci (1891-1937) zu Alltagsverstand, Hegemonie und Zivilgesellschaft ernst, wird einem beim Weg von der S-Bahn-Station Botanischer Garten in Steglitz zum Hindeburgdamm/Ecke Haydnstraße ganz bange. Auf dem Weg dorthin muss man durch die Moltke- sowie Manteuffelstraße und kreuzt die Roonstraße und den Gardeschützenweg. Straßennamen, die nach preußischen Militärs und aktiven Gegnern der 1848er Revolution beziehungsweise nach einem Elitebataillon des kaiserlichen Heeres benannt sind. Gramsci hatte Straßennamen mit zu der Gesamtheit der nicht-staatlichen Organisationen gezählt, die die öffentliche Meinung und somit den Alltagsverstand mitprägen. Demzufolge wäre Steglitz ein Hort der Reaktion. Und dabei wurde die Treitschkestraße, benannt nach dem Historiker Heinrich von Treitschke, der 1879 den Berliner Antisemitismusstreit (»Die Juden sind unser Unglück«) auslöste, noch gar nicht erwähnt.

Gegen diese Tradition setzte die LINKE zusammen mit Vertretern von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Jusos und ver.di am Mittwochvormittag wenigstens symbolisch ein Zeichen: Sie benannten den Hindenburgdamm an der Ecke Haydnstraße für kurze Zeit nach einer jüdischen Hochspringerin in Gretel-Bergmann-Damm um. Die Partei wollte damit ihren Antrag im Abgeordnetenhaus auf Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des preußischen Militärs, Reichspräsidenten und Steigbügelhalters Adolf Hitlers Unterstützung verleihen. Klaus Lederer, Vorsitzender der Berliner LINKEN, begründete dieses Vorhaben und die Straßenumbenennung damit, dass Hindenburg mitverantwortlich für das blutige Ende des Ersten Weltkrieges sowie der Miterfinder der Dolchstoßlegende sei. Zudem habe er durch die Notverordnungen und den »Tag von Potsdam«, der das Bündnis von Nazibewegung und traditionellen Eliten besiegelte, als Steigbügelhalter Hitlers gedient. »Berlin soll dem Beispiel anderer Städte folgen«, sagte Lederer. In Dortmund, München und Leipzig wurde Hindenburg bereits die Ehrenbürgerschaft entzogen. In der verbreiteten Erklärung wird betont, dass man mit der symbolischen Umbenennung in Gretel-Bergmann-Damm der jüdischen Sportlerin ein Denkmal setzen möchte. Bergmann hatte 1936 den deutschen Rekord im Hochspringen aufgestellt, wurde aber von den Nazis daran gehindert, wenig später an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen. 1937 verließ sie Deutschland für immer. Heute lebt die 100-Jährige in New York.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus hatte ursprünglich auch an der Veranstaltung teilnehmen wollen, war aber kurzfristig verhindert und ließ seine Grüße ausrichten. Der Berliner Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert zeige sich empört darüber, dass sich im Abgeordnetenhaus kein schneller Konsens über die Streichung Hindenburgs von der Ehrenbürgerlisten herstellen ließ. »Hindenburg ist keine fragwürdige Figur, sondern eine unmögliche Figur«, sagte er.

Doch nicht nur in Steglitz sind noch viele Straßen nach Militärs benannt. Erst in der Nacht zum Sonntag wurden in Tempelhof und Charlottenburg Straßennamen von Piloten aus dem Ersten Weltkrieg und Militärs aus dem Zweiten überklebt.

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