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Menschen in der Kriegslandschaft

Historiker Dominiek Dendooven über das Militärische als schlechteste aller Konfliktlösungen

Dominiek Dendooven, belgischer Historiker, untersucht seit 15 Jahren den Ersten Weltkrieg - im flandrischen Ypern, in dessen Umkreis einige der blutigsten Schlachten stattfanden, Deutschland erstmals Giftgas zum Töten einsetzte und bis heute 200 000 Soldaten vermisst sind. Mit Dendooven, 43, der die Freie Universität Brüssel absolvierte und im Weltkriegsmuseum »In Flanders Fields« in Ypern arbeitet, sprach Reiner Oschmann.
Der belgische Historiker Dominiek Dendooven
Der belgische Historiker Dominiek Dendooven

nd: Herr Dendooven, woran merken Sie im Museum, dass der 100. Jahrestag des Weltkriegsbeginns ansteht?
Dendooven: Die Besucherzahl ist deutlich gestiegen, und wir beobachten ein erweitertes Spektrum - nach wie vor viele Schülergruppen, aber auch viele Gäste aus neuen Ländern.

Yperns Perspektive ist bis heute die der Front und der Opfer - was heißt das?
Wir »erzählen« den Weltkrieg aus dem Blickwinkel der Menschen in der Kriegslandschaft, also persönliche Erlebnisse in Flandern während des Krieges. Dieser Fokus überwindet alle Grenzen von Nationalismus, Geschlecht oder Klasse.

International konzentriert sich die Debatte zum Kriegsbeginn auf Frankreich, Britannien und Russland bzw. Deutschland und Österreich-Ungarn, während Ihr Land, das am 4. August 1914 den Überfall von drei deutschen Armeen erlebte, eher unbeachtet bleibt. Worauf richtet sich bei Ihnen das Gedenken - auf deutsche Massaker in Lüttich und Löwen, Flucht und Vertreibung von einem Viertel der Bevölkerung oder den Widerstand der belgischen Armee?
Hauptaufmerksamkeit gilt den Opfern aller Seiten, militärischen wie zivilen. Die Gedenkveranstaltungen sind international angelegt und schließen bewusst einen Friedensappell ein. Nur das Verteidigungsministerium beleuchtet näher die belgische Armee und ihren Widerstand. Es finden Gedenkveranstaltungen auf vielen Ebenen statt, im Bund, unter der Schirmherrschaft der wallonischen oder flämischen Regierung oder auf der Ebene Westflanderns. Daneben gibt es die »Märtyrerstädte«, sodass auch die Massaker der ersten Kriegsmonate gebührende Aufmerksamkeit erfahren.

Legt man die heutige Weltkarte zugrunde, waren 121 Staaten in den Krieg einbezogen - welches Land muss für Sie als Hauptverursacher gelten, und welche Nation zählte, militärisch wie zivil, die meisten Opfer?

Serbien hat von allen Ländern am meisten gelitten, gefolgt von der Türkei.
In der Schuldfrage laufen bis heute große, strittige Debatten. Jedenfalls ist die Sache komplexer, als nur zu sagen: Deutschland oder Österreich-Ungarn trifft die Schuld. Beispielsweise verhielt sich innerhalb Österreich-Ungarns der ungarische Premier viel vorsichtiger als der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf, der von vornherein auf Krieg gebürstet war. Vor allem aber zeigt sich, dass politische Führer ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, einen Krieg zu verhindern. So bezog die deutsche Regierung im Juli 1914 keinen offiziellen Standpunkt, sondern beschränkte sich darauf, die Habsburger Regierung wissen zu lassen, sie werde an ihrer Seite stehen, egal, was geschieht.

Dieses Verhalten beantwortet nicht die größere Frage, warum es zum Krieg kam. Ich habe darauf keine eindeutige Antwort, auch nachdem ich seit 15 Jahren die Hintergründe dieses Krieges analysiere. Ich neige dazu, ihn als Zusammenstoß von Imperien im Zusammenspiel mit tödlichen Missgeschicken zu bewerten.

Wie viele Soldaten fielen in Flandern und wie viele sind bis heute vermisst?
In Westflandern starben etwa eine halbe Million Soldaten (von den rund zehn Millionen militärischen Opfern des Weltkriegs). Davon sind rund 200 000 als vermisst gemeldet. Das hat vor allem mit der Art und Weise zu tun, in der der Krieg geführt wurde: Tödlichste Waffe war die Artillerie - viele Soldaten wurden buchstäblich zerfetzt. Und da der Krieg vielfach als Stellungskrieg stattfand, wurden sehr oft Soldatengräber vom Kriegsbeginn später wieder zerstört.

Das Wesentliche des Kriegsausbruchs, schrieb der Publizist Simon Jenkins, war, »dass niemand dachte, dass es der Beginn von irgendetwas sein« könnte. Wie sieht das der Historiker Dendooven?
Eine der wichtigsten Lehren des Kriegsausbruchs sollte sein, dass man zwar - wie in jedem anderen Krieg - weiß, wann ein Krieg beginnt, nie jedoch, wann und wie er enden wird. Einen Krieg anzufangen ist immer ein gewaltiges Risiko, das um jeden Preis vermieden werden sollte. Politiker heute muss das veranlassen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und Dinge nie außer Kontrolle geraten zu lassen.

Wie kommt es, dass bis zu Beginn der Gedenkkonjunktur der Erste Weltkrieg in der Wahrnehmung lange fast so weit weg wirkte wie der 30-jährige Krieg?
Der Schatten des Zweiten Weltkriegs liegt drückend über dem Ersten Weltkrieg. Beide sind miteinander verbunden, aber sie sind nicht derselbe Krieg. Der ideologische Aspekt fehlt im Ersten Weltkrieg weithin, und es ist nicht eindeutig, wer gut und wer böse war. Was im Zweiten Weltkrieg geschah, war um vieles furchtbarer und mit noch mehr getöteten Zivilisten verbunden, sodass es die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg überlagerte.

Worin vor allem bestehen die aktuellen Lehren des Krieges 14/18?
Er war der erste totale Krieg, mit erstmaligem Einsatz von Massenvernich-tungswaffen, also in diesem Falle Giftgas, bei dem Militärs nicht länger nur Militärs, sondern Gesellschaften sich gegenüberstanden. Er war auch der Beginn von Europas Selbstentmachtung und der Aufstieg der USA zum Weltpolizisten. Er formte das 20. Jahrhundert mit den beiden Großblöcken und setzte die Entkolonialisierung in Gang.

Seine wichtigste Lehre besteht in der Gewissheit, dass eine militärische Lösung stets die schlechteste ist. Sobald ein Krieg begonnen hat, ist sein Verlauf völlig unvorhersehbar und kann zu Katastrophen außerhalb aller Vorstellung führen.

Erinnert Sie die Ukraine-Krise 2014 manchmal an Ereignisse des Weltkriegs?
Ja. Auch sie hat viel mit Geostrategie und der Bestimmung von Einflusszonen zu tun. Wenn westliche Führer die russische Geschichte und die russischen Gefühle zur Ukraine beachtet hätten, hätten sie den Funken vermeiden können, der den prorussischen Nationalismus in der Ostukraine und auf der Krim auslöste. Wir bemerkten 1914 eine ähnliche »Unentschiedenheit«, die sich als fatal erwies. Andererseits erleben wir, ähnlich 1914, wie Russland aktiv seinen Unterstützern in einem anderen - souveränen - Land hilft und sie ermuntert.

Stimmt es, dass weit weniger Deutsche die 160 Kriegsgräberstätten in Belgien aufsuchen als Briten, Amerikaner oder Australier?
Mehr und mehr kommen jetzt auch Deutsche, aber nach wie vor weniger als Briten. Wir haben viele Australier und Kanadier, weil sie im Ersten Weltkrieg eine Art Geburtsstunde ihrer Nation sehen. Es gibt kaum Amerikaner, weil US-Bürger mit dem Ersten Weltkrieg sehr wenig vertraut sind. Der Umstand, dass weniger Deutsche kommen, hängt mit dem gewaltigen Schatten des Zweiten Weltkriegs über der deutschen Geschichte zusammen.

Ich möchte noch einen aktuellen Vorgang hervorheben: Kurz vor unserem Interview besuchte Angela Merkel Ypern und unser Museum. Das war wichtig. Sie war sehr interessiert und engagiert gegenüber der Öffentlichkeit; dies wurde allseits geschätzt. Um es simpel zu sagen: Ohne die Geschichte zu vergessen, sieht fast keiner bei uns die Deutschen noch als die Bösen, die den Krieg verursacht haben. Das liegt mehr als lange zurück.

Nach dem Tod der letzten Kriegsteilnehmer ist Flanderns Landschaft der letzte Kriegszeuge. Wie soll man mit ihr weiter umgehen?
Dieser Umstand macht die Landschaft noch wichtiger. Die Regierungen Belgiens und Frankreichs bemühen sich deshalb, einige Schlachtfelder zum Teil des UNESCO-Welterbes zu erklären. Wie auch immer: Auch in den nächsten Dekaden wird die Landschaft Flanderns Munition und menschliche Überreste freigeben. Unsere Behörden bemühen sich darum, eine vernünftige Balance von Bewahrung und Entwicklung zu finden. Es wäre unmöglich und nicht gut, die ganze Region als Freilichtmuseum oder als ein einziges Massengrab zu behandeln. Behutsame Entwicklung ist angesagt.

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