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Sommer, Sonne, Welt verändern

Die Ära der Protestcamps hat gerade erst begonnen / Mit Genuss wird diskutiert, agiert, reproduziert

Urlaub und politische Aktion, die Erfindung, beides zu kombinieren, lautet: Sommercamp. Die Idee ist uralt, und trotzdem scheint es derzeit eine Renaissance zu geben.

Proschim gibt es bald nicht mehr. Der neu gewählte Ortsvorsteher will den Ort an der polnischen Grenze abwickeln und bisher abgelehnte Gespräche mit Vattenfall aufnehmen. Der Energiekonzern will Proschim abbaggern, damit dort der Braunkohletagebau Welzow Süd II entstehen kann. Das nordrhein-westfälische Borschemich hingegen steht bereits jetzt nur noch teilweise. Im Internet sind Videos zu sehen, wie die Greifzähne der Abrissbagger ganze Häuser einreißen. Der Ortsteil der Stadt Erkelenz soll Platz machen für den Tagebau Garzweiler des Energiekonzerns RWE.


Wie das rot-rot regierte Brandenburg setzt auch das rot-grüne Nordrhein-Westfalen trotz voranschreitenden Klimawandels und immer leistungsfähigerer Technologien für erneuerbare Energien weiter auf den klimaschädlichsten aller Energieträger, die Braunkohle. Immerhin: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigte im April an, den Kohleausstieg in ihrem Bundesland zu beschleunigen und im Tagebau Garzweiler II möglicherweise nur noch bis 2030 statt wie vorgesehen bis 2045 Kohle abbauen zu lassen.


Damit aus der Ankündigung mehr als nur eine unverbindliche Absichtserklärung wird, rief ein Bündnis um ausgeCO2hlt (sprich: Ausgekohlt), BUNDjugend, Grüner Jugend und Attac vom 26. Juli bis zum 3. August zum Klimacamp nach Erkelenz. In Borschemich selbst haben die Aktivisten keine Campgenehmigung bekommen. In den vergangenen drei Jahren fand das Camp am Hambacher Tagebau statt. Dort halten Aktivisten seit Jahren Bäume des Hambacher Forsts besetzt, der ebenfalls von der Zerstörung durch den Tagebau bedroht ist. Auch in der Lausitz campen in diesem Jahr wieder Klimaschützer gegen den weiteren Kohleabbau von Vattenfall (16. bis 24. August in Kerkwitz bei Guben).


Protestcamps schießen seit den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Im engeren Sinne entwickelten sie sich vor allem ab den 1960er Jahren parallel zu den neuen sozialen Bewegungen, die sich für Emanzipation und Gleichberechtigung, vor allem von Migranten, Frauen und Arbeitern einsetzten, außerdem für alternative Lebensstile, Friedenspolitik und Umweltschutz, wie beispielsweise in Deutschland Anti-Atom-Camps.
Die Camps unterscheiden sich unter anderem durch ihre Dauer voneinander, so die Autoren des im Verlag Zed Books auf Englisch erschienenen Buches »Protest Camps« (Anna Feigenbaum, Fabian Frenzel und Patrick McCurdy): Die oben genannten Klimacamps sind für ein langes Wochenende geplant. Andere Camps – wie die Baumbesetzung im Hambacher Forst oder die Flüchtlingsprotestcamps in Deutschland seit 2012 – bleiben so lange bestehen, bis die Forderungen erfüllt sind oder die Polizei das Camp geräumt hat.


Vor allem die Dauercamps sind seit dem Jahr 2011 zu einem globalen Phänomen geworden, nachdem im Januar 2011 Demonstranten im ägyptischen Kairo den zentralen Tahrirplatz besetzten. Sie richteten dort eine Art Basiscamp ein, auf dem nicht nur Zelte zum Übernachten standen, sondern auch ein Lebensmittellager, Toiletten und eine Krankenstation. 18 Tage nach der Platzbesetzung wurde Präsident Hosni Mubarak gestürzt. Damit endeten jedoch weder die Proteste noch wurde das Camp geräumt. Und als 2013 mit Mohammed Mursi der nächste Präsident seinen Posten räumen musste, war der Tahrirplatz wieder zentraler Versammlungsort seiner Gegner.


Die Platzbesetzung in Ägypten inspirierte die von der Immobilienkrise geplagten Spanier, die am 15. Mai 2011 die zentrale Puerta del Sol in Madrid einnahmen und als Indignados (Empörte) einen Kurswechsel der Regierung forderten. Ein paar Monate später nahmen Tausende das Konzept auf, als sie im Oktober unter dem Motto Occupy Wall Street zwar nicht den Sitz der Börse in New York besetzen konnten, aber eine Zeltstadt im nahen Zuccotti Park einrichteten. Die Occupy-Bewegung verbreitete sich über Dutzende Städte in den USA und in Europa.


In der Definition von Feigenbaum/Frenzel/McCurdy sind Protestcamps eine »auf einen Ort bezogene Strategie sozialer Bewegungen, die sowohl laufende Protestaktionen beinhaltet als auch Tätigkeiten der sozialen Reproduktion, die notwendig sind, um das tägliche Leben zu gestalten«. Die Grundstruktur der Camps – Zelte zum Schlafen, Orte zum Kochen und Essen, zum Versammeln, notdürftige Einrichtungen zum Waschen und Toiletten – aufzubauen und zu erhalten, erfordere »physische und emotionale Arbeit«. Diese unterscheide Protestcamps stark von anderen ortsbasierten Treffen sozialer Bewegungen, so die Autoren. Dazu komme, dass die flachen bis nicht vorhandenen Hierarchien und die Form kollektiver Entscheidungen massive Kommunikation untereinander erfordere. Beide Praktiken schweiße die Aktivisten stark zusammen.
Das Protestcamp, das in Deutschland in den vergangenen Jahren am meisten mediale Öffentlichkeit erhalten hat, ist das mittlerweile geräumte Flüchtlingscamp am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Auch andernorts richteten Flüchtlinge Ad-hoc-Camps ein, um für Bewegungsfreiheit und eine Änderung der Asylgesetze zu demonstrieren, beispielsweise in München. Im vergangenen Sommer entstand außerdem ein kleines Protestcamp des Vereins Kotti und Co. am Kreuzberger Kottbusser Tor in Berlin, um gegen steigende Mieten zu protestieren. Heute steht dort eine fest installierte Holzhütte, die weiter als Mahnung dient und Basis für Veranstaltungen und Demonstrationen ist. Als im Mai und Juni 2013 Istanbuler Bürger den Gezipark besetzten, um dessen Erhalt gegen den Bau eines gigantischen Einkaufszentrums durchzusetzen, riefen Unterstützer zu einem Solidaritätscamp ebenfalls am Kottbusser Tor auf.


»Klassische politische Organisationsformen sind vielen zu schwerfällig und zu hierarchisch. Im Protestcamp ist breite Organisation von einander bisher unbekannten Menschen und Kleingruppen möglich«, erklärt Frenzel die gestiegene Popularität gegenüber »nd«. »Man kann hier in Masse politisch diskutieren, sich als Bewegung konstituieren und agieren, ohne Mitgliederausweise auszustellen, und ohne Vorstände zu wählen.« Die »Ära der Camps« habe somit gerade erst begonnen.

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