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Fensterputzer, Hilfskraft - und Rebell mit der Kamera

Bremen: Der tschechische Fotograf Ivan Kyncl - Chronist der Bürgerrechtsbewegung der CSSR

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 3 Min.

Für ihn war der Fotoapparat ein Mittel, um sich auf Seiten der tschechischen Bürgerrechtsbewegung »Charta 77« gegen die Machthaber im realsozialistischen Prag zu stellen: Ivan Kyncl (1953-2004). Er dokumentierte in der Zeit der sogenannten »Normalisierung« nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die Verfolgung der Dissidenten und den Alltag marginalisierter Gruppen in der ČSSR. Jetzt sind seine Fotografien erstmals in einer Ausstellung in Bremen unter dem Titel »Ivan Kyncl - Rebellion mit der Kamera« für eine breite Öffentlichkeit zugänglich.

Ein Foto der Ausstellung zeigt den Soziologen Rudolf Battěk in Prag beim Fensterputzen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Soziologischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften hatte sich 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer Truppen in die ČSSR gewandt und wurde 1969 verhaftet, 1970 wieder freigelassen. 1971 wird er wegen des Verteilens von Flugblättern erneut inhaftiert und darf nach seiner Entlassung 1974 nur noch als Fensterputzer und Hilfskraft arbeiten. Mit dem Berufsverbot geht es ihm wie anderen Dissidenten, etwa dem Schauspieler Pavel Landovský oder der Schriftstellerin Eva Kantůrková. Sie alle werden porträtiert von Ivan Kyncl, dessen Vater Karel Kyncl als Journalist in den 1970er Jahren ebenfalls mit Berufsverbot belegt war und als Eisverkäufer arbeiten musste.

Zur Biografie: Ivan Kyncls langgehegter Wunsch, nach dem Abitur in Prag an der Kunsthochschule Fotografie zu studieren, scheiterte aus politischen Gründen, sein Vater war 1972 wegen seines Engagements für die Reformen Alexander Dubčeks zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. So absolvierte Kyncl eine Lehre in einem Großlabor und schlug sich anschließend als Fotograf in einem Lehrbetrieb und einem Forschungsinstitut durch. 1976 gelang ihm schließlich die Aufnahme an der Kunsthochschule, musste das Studium aber wegen einer Verletzung der Halswirbelsäule kurz darauf aufgeben. Ab dem Winter 1977 arbeitete er auf der Prager Kleinseite als Nachtwächter, tagsüber widmete er sich der Fotografie und richtete sich ein kleines Atelier ein.

Aus dieser Tätigkeit am Tage entstammen einige sozialdokumentarische Fotografien wie die aus einem Prager Altenheim mit der Trostlosigkeit der dortigen Verhältnisse oder von einem Bewohner der Prager Kleinseite. Sein Hauptthema aber fand Kyncl in der Anbindung an die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 um den Dissidenten und späteren Staatschef Václav Havel.

Kyncl fotografierte die Treffen der Bürgerrechtler und wurde zu deren Chronisten. Seine Bilder zeigen etwa die Bespitzelung des Bürgerrechtlers František Kriegel durch zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit, Gerichtsverfahren gegen Dissidenten, die Untergrund-Universität der tschechischen Intellektuellen sowie Sitzungen der Charta 77-Sprecher. Während es für diese Fotos in der ČSSR keine Möglichkeit der Veröffentlichung gab, druckten westliche Medien seine Fotografien ab.

Dadurch geriet Kyncl zunehmend in das Visier der Sicherheitsbehörden, er wurde zu Verhören vorgeladen und mit einer abstrusen Anklage wegen mutmaßlicher Beteiligung an einen Anschlag auf den Staatspräsidenten unter Druck gesetzt, bis er sich schließlich zur Ausreise entschloss. 1980 emigrierte Kyncl nach Großbritannien. Dort tat er sich zunächst schwer, beruflich Fuß zu fassen. 1982 unternahm er eine Reise nach China und fotografierte dort unter anderem ein Umerziehungslager für Jugendliche. Im Laufe der 1980er Jahre gelang es Kyncl dann, sich als Theaterfotograf in London einen Ruf zu erarbeiten. Er starb 2004 unerwartet im Alter von 51 Jahren an Herzversagen.

Die Ausstellung zeigt unter dem Motto »Vom Bildchronisten der Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR zum Fotografen der britischen Bühnen« knapp 200 Fotografien aus dem Schaffen von Ivan Kyncl. Organisiert wurde sie von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Die Ausstellung ist im Bremer Rathaus noch bis 17. August zu sehen und geht im Frühjahr 2015 nach Prag und Brno.

Rathaus Bremen, Untere Rathaushalle, Am Markt 21, Bremen: Ivan Kyncl - Rebellion mit der Kamera. Bis 17.8., tägl. 11-18 Uhr. Heidrun Hamersky, Ulrike Huhn, Susanne Schattenberg (Hrsg.): Ivan Kyncl - Rebellion mit der Kamera, Kerber-Verlag, Bielefeld 2014, 224 S., 32 €

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