Von Susanne Götze

Kampf um die Ressourcen

Im Gaza-Konflikt geht es auch um die Verteilung der Gasvorkommen

Israel hat 2013 begonnen, Gas im Mittelmeer zu fördern. Den Palästinensern bleibt es verwehrt, die großen Vorkommen vor der Küste des Gaza-Streifens auszubeuten.

Die derzeitige Tragödie in Nahost ist eine weitere Episode im mittlerweile über 60 Jahre alten Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Doch bei dem Dauerkriegszustand geht es nicht nur um Religion und ethnische Unterschiede, sondern um ökonomische Interessen. Konzentrierte sich der Kampf um knappe Ressourcen lange Zeit auf Wasser, geht es nun auch um Erdöl und Gas. In den vergangenen 15 Jahren wurden in Israel, dem Westjordanland und vor der Küste Gazas große Rohstoffvorkommen verortet.

Im sogenannten Levantischen Meer, dem östlichsten Teil des Mittelmeeres, gibt es Gasvorkommen, deren Ausmaß erst in letzter Zeit offenbar wurde. Daran grenzen zahlreiche Länder wie Zypern, Türkei, Syrien, Libanon und Libyen, die entweder mit Israel ebenfalls in Konflikt liegen, selbst in Bürgerkriege verwickelt oder politisch instabil sind. Israel begann 2013 damit, das erste große Gasvorkommen 90 Kilometer vor der Hafenstadt Haifa zu fördern.

Das Gas vor Gazas Küste hingegen wurde schon Ende der 1990er entdeckt. Als erstes Unternehmen erwarb die britische BG Group 1999 Bohrrechte. Im Jahr 2000 fanden erste Testbohrungen statt, 2001 erste Untersuchungen zum Bau einer Pipeline ans palästinensische Festland.

Für den Gaza-Streifen wäre eine Ausbeute der beiden Gasquellen Marine I und II mit einer erheblichen Steigerung des Lebensstandards verbunden: Die Palästinenser würden unabhängig vom israelischen Strom und müssten auch weniger Diesel importieren, der oft in Generatoren zur Stromerzeugung gebraucht wird. Millionen Euro könnten die Palästinenser so in andere soziale und wirtschaftliche Bereiche stecken.

Auch lassen sich Gazas Vorkommen laut einer Analyse der US-Stiftung German Marshall Fund leichter fördern als die anderen von Israel kontrollierten Gasfelder: Marine I und II liegen nur 30 Kilometer vor der Küste und in nur 600 Metern Tiefe.

Eine Förderung palästinensischen Gases würde aber de facto bedeuten, dass Israel mit der Hamas Geschäfte machen muss und Gaza energietechnisch weitgehend autonom wird. Unter einer »Regierung der nationalen Einheit«, wie sie 2006 mit der gemäßigten Fatah im Westjordanland angedacht war, wäre das vielleicht noch denkbar gewesen. Die Kontrolle des Gaza-Streifens durch die islamistische Hamas und die seit fast acht Jahren anhaltende Blockade durch Israel machen eine Förderung des Gases jedoch unmöglich. So schloss BG 2008 sein Büro in Israel, ist aber nach eigenen Angaben in Kontakt mit der palästinensischen Autonomiebehörde.

Trotz der Blockade unterzeichneten Palästinenserchef Mahmud Abbas und der russische Präsident Wladimir Putin im Januar eine Vereinbarung für die Förderung von Gas und Öl in den palästinensischen Gebieten. Auch im Westjordanland sind demnach Ölvorkommen gesichtet worden. Allerdings liegen viele teilweise in von Israel kontrollierten Gebieten.

Der russische Konzern Gazprom hatte einige Monate vorher schon in Syrien einen Fördervertrag für weitere Gasquellen im Levantischen Meer unterzeichnet, berichteten Medien Anfang des Jahres. Dies sei Moskaus erster Zugang zu den Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer, die palästinensischen Quellen seien ein weiteres Einfallstor für Russland in der Region. Bisher haben vor allem US-Öl- und Gasriesen wie Noble Energy in der Region Förderzuschläge bekommen - vor allem in Zusammenarbeit mit Israel und seinem größten Gasunternehmen Delek-Group.

Die Zusammenarbeit mit Gazprom wurde Anfang Juni konkreter, da die neue palästinensische Regierung - und die damit einhergehende Annäherung von Hamas und Fatah - einen Vertragsabschluss wahrscheinlicher machte. Kurz darauf begann jedoch der Krieg. Eine Gas- oder Ölförderung in den palästinensischen Gebieten ist damit in weite Ferne gerückt.

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