Von René Gralla

Siamesischer Sonderweg

Makruk - ruhig, beinahe meditativ fließt thailändisches Schach dahin.

Völlig entspannt, wie es nur ein Erleuchteter sein kann, sitzt der Mann vor mir; kein Wunder, dass Mönche im thailändischen Volksmund gerne auch Buddha genannt werden. Wozu die Aufregung, du musst bloß loslassen, und alles wird gut.

Und was bleibt mir auch anderes übrig, als mich demütig in mein Schicksal zu fügen. Schließlich habe ich diesen Maha Por ja unbedingt treffen wollen, während meines Bangkokaufenthalts, zu dem ich eingeladen worden bin von einer guten Freundin, die vor einigen Jahren aus Deutschland zurückgekehrt ist in die Heimatstadt ihrer Eltern. Denn diese Reise wollte ich nutzen, um mich nebenbei auch im Makruk zu versuchen.

Das ist eine regionale Schachversion, die zwischen Chiang Mai, Pattaya und Phuket eine überraschend große Popularität genießt, wie meine reisevorbereitenden Recherchen zuvor ergeben hatten. Hingegen soll in Thailand die international übliche Ausgabe des Schachs den Farang, sprich: den dort lebenden Ausländern, vorbehalten bleiben - abgesehen von einer elitären Minderheit im Königreich, die sich in Lebensstil und Wertekanon an New York, London oder Paris orientiert.

Es gibt also im Schach einen siamesischen Sonderweg. Der interessierte mich natürlich als Fan, der seit Schülertagen die Geheimnisse der 64 Felder zu ergründen versucht.

Wahrscheinlich hatten tamilische Händler einen Vorläufer des Makruk zu Beginn des siebten Jahrhunderts aus Indien über den Golf von Bengalen zunächst nach Sumatra gebracht. Von dort ist das Spiel im Gepäck von Reisenden über die malayische Halbinsel Richtung Norden gewandert. Der Hauptunterschied zum westlichen Standardschach: Makruk kennt weder schnelle Läufer noch raumgreifende Dame, ruhig, beinahe meditativ fließt das Spiel dahin. Ein gebremstes Tempo und deswegen perfekt zugeschnitten auf einen Profi der inneren Versenkung. Deshalb ist es quasi logisch, dass mit dem besagten Maha Por ein Mönch die Makruk᠆szene in Thailand dominiert.

Die Audienz beim Meister im Tempel Wat Pradu am Nordrand Bangkoks hat Pirapong Patumraat arrangiert, eine Bekanntschaft aus dem Chat in einem Webforum. Der 54-Jährige leitet parallel zu seinem Hauptberuf als Englischlehrer einen Softwarevertrieb und ist obendrein ein routinierter Makrukspieler. Frohgemut bitte ich den Maha Por um eine Partie, die eine Lektion in Sachen Selbsterkenntnis und Bescheidenheit wird. Zwar starte ich optimistisch in das Match, schiebe meine Pferde, die irgendwie an freche Hasen erinnern, mutig nach vorne, aber bald schon stockt der Vormarsch. Ich grübele und grübele, derweil der Meister, ohne überhaupt genau hinzusehen, buchstäblich aus dem Handgelenk mit seinen Figuren die entscheidenden Positionen besetzt. »Ruk«, sagt Maha Por, was so viel wie »Schach!« bedeutet - und das war's, ich muss kapitulieren. Der Meister lächelt und zitiert zum Abschied Buddha: »Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück.«

Obwohl ich verloren habe, bin ich überhaupt nicht enttäuscht. Das Spiel mit seinem Flair, einige Steine sind Pagoden nachempfunden, hat mich verzaubert, ich will jetzt mehr. Und überrede meinen neuen Kumpel Pirapong Patumraat zu einer spontanen Tour durch Bangkok, auf den Spuren des Makruk.

Erster Stopp ist einer der Open-Air-Treffs, die sich an vielen Straßenecken finden. Meist eine Gruppe schlichter Steintische, und nebenan donnert der Großstadtverkehr. »Sum Makruk« heißen diese Plätze, die fast ausschließlich von Männern besucht werden. Die Kleiderordnung ist leger, Shorts und barfuß in Badelatschen, und manchem genügt ein Unterhemd als Oberbekleidung.

Neben Muay Thai, dem Thaiboxen, ist Makruk Volkssport, mit geschätzt einer Million regelmäßigen Spielern. Die Börse SET lädt sonntags zum kostenlosen Schachtraining. Der staatliche Erdölkonzern PTT richtet die alljährlichen Landesmeisterschaften aus, und der Vorstandsvorsitzende Pailin Chuchottaworn eilt persönlich zur Siegerehrung.

Eine thailändische Parallelwelt im Schach. Paradebeispiel »Sum Din Daeng«, der wichtigste Klub im Land. Der tagt an einer Ecke von Bangkok, wohin sich kein Tourist verirrt. Verborgen hinter den Arkaden eines Wohnblocks der unteren Mittelklasse und abgeschirmt durch Marktstände, an denen Hausfrauen um frisches Gemüse feilschen. Eine Mischung aus Suppenküche und Spielsaal. Am Tresen werden Chilisauce in Flaschen und Makrukbücher angeboten; die aktuelle Publikation verspricht nichts weniger als »Mit der Formel Gottes zum Sieg«. Der Verfasser ist auch anwesend, wird am Spieltisch von Bewunderern umlagert. Das ist der 58-jährige Suchart Chaivichit, neben dem Mönch Maha Por der zweite Superstar im Makruk.

Nach der höflichen, aber nachhaltigen Abreibung im Tempel verzichte ich auf eine Folgeklatsche durch den Champ vom »Sum Din Daeng«. Zumal im »Starbucks Coffee Robinson« an der Silom Road bereits Freunde auf uns warten, der verabschiedete Unteroffizier Noi und Kanshit, der Börsenmakler. Das Mobiliar ist hell und praktisch, runde Tischplatten zieren Schachbrettmuster, perfekt für eine Runde Makruk.

Draußen pilgert die Menge nach Patpong, und Bangkoks Amüsiermeile zieht am Ende auch uns unwiderstehlich an, Männer bleiben Männer. Wir schwenken ein in den Strom der Flaneure. Bikinimädchen posieren an Metallstangen in Kontakthallen, deren Türen weit offen stehen, und aus den Boxen dringt die Stimme von Ja Turbo, das ist Thailands junge Antwort auf Madonna: »Kan Hu«, ein frecher Song über »juckende Ohren« - und gerade wegen der Doppeldeutigkeit verhasst bei den Sittenwächtern und bejubelt vom Publikum.

»Kan Hu«, wir summen mit, bis wir zwischen den Ständen des Night Market wieder Bretter entdecken. Wahre Enthusiasten zocken Makruk eben auch zu später Stunde: Makruk im Rotlichtviertel, was für eine Nacht. Die wir erst ausklingen lassen in der Morgendämmerung auf der Dachterrasse unseres Hotels »Baan Waree«, in Bangkoks Innenstadtbezirk Phaya Thai.

Ein letztes Mal bauen wir die Figuren auf. Und während das Spiel beginnt, werde ich auf einmal seltsam ruhig. Und höre aus der Ferne wieder die Worte von Maha Por: Lass' los, und du wirst glücklich.

Kop khun krap, danke, Makruk! Du hast mir Thailand ganz nahe gebracht.

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