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Des Lebens Übermut

Neu auf DVD: »Der Wittstock-Zyklus« von Volker Koepp

Es gibt eine Poesie des einfachen Lebens, die schwierig zu erklären ist. Volker Koepp zeigt sie uns in seinem Zyklus von sieben Filmen über Wittstock, entstanden zwischen 1974 bis 1997. Zwischenzeitlich schien sie fast schon erloschen, der forsche Arbeiterton (Wer kann uns schon?) echter Lebensangst gewichen, der aufrechte Gang gegen den geduckten getauscht.

Aber die Poesie des einfachen Lebens lebt immer noch, wenn auch inzwischen sich längst nicht mehr so ungeschützt zeigend wie früher. Man verbirgt sich stärker, denn jedes Lächeln, jedes Zucken des Mundwinkels an der falschen Stelle, kann heute den Job kosten, jedenfalls dann, wenn man eine schnell austauschbare Arbeitskraft besitzt, von der man zwar Arbeitsproduktivität steigernde Tugenden (Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit) erwartet, aber keine Persönlichkeit, keine eigene Meinung. Doch hier begegnen wir ihnen wieder - auf eine faszinierende Weise.

Der »Wittstock-Zyklus« erschien zum 70. Geburtstag des Regisseurs soeben auf einer Doppel-DVD (bei absolut Medien). Koepp: immer ein Dokumentarist der besonderen Art, ein Seelenfischer, der seine Beute liebt und mit zärtlicher Aufmerksamkeit behandelt. Ein intimer Dokumentarist, der freundschaftliche Nähe zu seinem Gegenüber (besonders Frauen) mit dem distanzierten Blick des Filmemachers auf eine selbstverständliche Weise zu verbinden versteht. Der zuhört und dabei sein Gegenüber nicht aufhört zu beobachten, auch wenn dieses längst nichts mehr sagt.

Der erste Film (nur achtzehn Minuten lang) »Mädchen in Wittstock« entstand 1974, der letzte »Wittstock, Wittstock« (mit 110 Minuten abendfüllend) 1997, ein Abgesang auf jene »arbeiterliche Gesellschaft«, wie der Soziologe Wolfgang Engler die DDR genannt hat. Allein noch in solchen kostbaren Bilddokumenten wie jenen, die Koepp schuf, haben wir heute das, was Kurt Maetzig als das »authentische Bildgedächtnis« der DDR bezeichnete.

Menschen und ihre Arbeit. Heute meint das oft den engen Kreis, für den man auch die Worte Karriere oder Job verwendet. Und manche sind heute vom Privileg, arbeiten zu dürfen, ganz ausgeschlossen. Mit Volker Koepp gehen wir Anfang der 70er Jahre in das Obertrikotagenwerk »Ernst Lück«, das auf der grünen Wiese vor dem kleinen märkischen Ort Wittstock entstand und in dem schließlich fast 3000 Frauen als Näherinnen arbeiten sollten. Und sie leben dabei auf eine Weise, die mit ihrer Art zu arbeiten auf verblüffende Weise zusammenhängt - aber nicht unbedingt im Sinne von hoher Arbeitsproduktivität und Qualität der Produkte. Eher im ständigen Provisorium von etwas, das das eigentliche Leben sein sollte. Lust und Unlust malen sich in die Gesichter der Näherinnen in den neuen Produktionshallen. Alle sind sie hier um die zwanzig, erwarten von der Zukunft so unendlich viel mehr als das, was ihnen jemand geben könnte, zumal hier in Wittstock, dieser Kleinstadtwelt. Hier werden die Frauen oft nicht einmal in die Gaststätten hineingelassen, die Männerwelt des Ortes bleibt lieber unter sich. Heiraten?, vielleicht später mal, sagt Elsbeth, die in Wittstock aufgewachsen ist und mit sechzehn hier anfing, aber keinen von hier! Warum nicht? Die saufen und prügeln alle zu viel, bekommt Koepp zur Antwort.

Es ist ein spezielles - und doch auch DDR-typisches - Milieu, in das Koepp sich hier vorsichtig hineintastet. Und dieses vorsichtige Tasten, die gänzliche Abwesenheit des drängenden Reportertons, macht seine stufenweise Wittstock-Annäherung, die von Anfang an nicht ohne Abschiedsmomente ist, zu einem so seltenen poetischen Dokument. Ebenso grobkörnig (natürlich schwarz-weiß) wie behutsam in der Annäherung an diese so besondere Verbindung von Frau und Arbeit in einem DDR-Großbetrieb mit mehr als bloß Startschwierigkeiten.

Aus der Masse treten uns drei Frauen immer nachdrücklicher entgegen: Elsbeth, Edith und Renate. Elsbeth, die jüngste, ist auch die direkteste von ihnen: neugierig, ironisch, frech, dabei jederzeit übervoll vom Übermut des Lebensanfängers. Im Begleitheft der von Ralf Schenk herausgegebenen Reihe »Archivschätze« der DEFA hat Stefan Reinecke einen durchaus streitbaren Essay über Koepps Wittstock-Filme geschrieben. Der linksintellektuelle Publizist, im Westen sozialisiert, darum Wörter wie »Kommunikation« ganz selbstverständlich aufs Papier bringend, sieht die Frauen im Film anders, nennt Elsbeth etwa »kokett«. Nichts scheint mir weniger zutreffend für diese funkelnde Form von Lebensfreude, offen für das ihr Entgegentretende, dabei nicht ohne Fähigkeit, sich diesem gegenüber als selbstständig zu behaupten. Wir sehen Elsbeth, keine zwanzig Jahre alt, in Kittelschürze bei der »Gütekontrolle«, die nicht gerade modischen Erzeugnisse des Obertrikotagenwerks in die Kamera haltend und mit ihrem besonderen Lächeln, das nichts vordergründig Denunzierendes hat, sondern ganz zu ihr gehört, sagen: »Einwandfrei«. Die fensterlose Halle behagt ihr nicht, da fühlt man sich ja direkt eingesperrt, meint sie, man kriegt gar nicht mit, was draußen so passiert.

In den achtziger Jahren, bei einem der weiteren Wittstock-Filme, steht sie dann vor einem großen Fenster und Koepp spricht sie darauf an: Dieser Wunsch habe sich doch immerhin erfüllt! Sie wehrt es mit einer Art Schulterzucken ab; das hier zählt nicht, will es wohl sagen. Ja, aus der Erwartung ist mit den Jahren immer mehr ein bloßes Warten geworden. Es ändert sich ja doch nichts, alles bleibt so provisorisch wie am Anfang. Aber nun äußert man es mit Ärger und Überdruss oder winkt ganz ab; es funktioniert eben nichts richtig hier. Und das Fenster ist auch nur eine der falschen - potemkinschen - Erfüllungen, die die DDR in den achtziger Jahren noch zu bieten hatte.

Wir sehen einer unaufhaltsamen Abkühlung zu. Die Arbeiter verabschieden ihren Staat, dem sie nichts mehr zutrauen. Und auch die drei Frauen verschließen sich in dieser Zeit Koepps Kamera immer mehr. Was auch damit zu tun hat, dass die Werksleitung, nach »Mädchen in Wittstock« Koepp zu weiteren Filmarbeiten gar nicht mehr in den Betrieb lassen wollte. Zu viel freie Reden, zu viel Realismus! Man kann sich vorstellen, was für eine Welle von Aussprachen in jenem Textilbetrieb, in dem eine geradegezogene Naht viel zu selten der Regelfall war, über die drei »Hauptdarstellerinnen« hereinbrach. Aber ein »sozialistisches Massenmedium« wie die DEFA einfach auszusperren, ging eben auch nicht. Trotzdem lief der erste Langfilm »Leben in Wittstock« von 1984 zwar auf der Berlinale und ihm Bayerischen Fernsehen, aber nie im DDR-Fernsehen. Man hatte sich parteiamtlich längst die Ohren verstopft, wenn Arbeiter und nicht Funktionäre Signale aus der krisenhaften Welt der Produktion gaben. Reinicke sieht diese überaus lehrreichen filmischen Geschichtsstunden allerdings unter etwas anderem Blickwinkel, wenn er schreibt: »Volker Koepp verwandelt sich von einem Autor, der die Wahrheit sucht, in einen, der Schönheit sucht.« Das scheint mir allzu apodiktisch gesagt. Denn Koepps Filme sind keine Fluchten in eine Ästhetik jenseits geschichtlicher Wahrheit.

Jedoch, ein besonderes Interesse am Wandel durch die Zeit, nicht nur in den Ansichten, sondern auch in den Gesichtern, braucht schon, wer über viele Jahre immer wieder mit der Kamera an den gleichen Ort zurückkehrt - die zwanzig Golzow-Filme von Barbara und Winfried Junge oder Detlef Gumms und Hans-Georg Ullrichs achthundertminütige Langzeitdokumentation »Berlin - Ecke Bundesplatz« (beides inzwischen ebenfalls auf DVD) leben ebenso wie der »Wittstock-Zyklus« von jener Suche nach der verlorenen Zeit, die sich in den Gesichtern spiegelt.

Und das Seltsame geschieht dann in dem letzten großen, die Biografie von über zwanzig Jahren resümierenden Film »Wittstock, Wittstock« von 1997, da ist das Obertrikotagenwerk längst Geschichte. Alle drei Frauen wurden umgehend arbeitslos und lernten vom Nullpunkt den bundesdeutschen Markt für weibliche Arbeiter mittleren Alters kennen. Haben sie darum aufgehört, etwas zu erwarten? Von anderen erwarten sie nichts mehr, von sich selbst dagegen schon. Zumindest bei Elsbeth (die dann doch einen Wittstocker Lkw-Fahrer geheiratet hatte) scheint das ironische Lächeln der siebziger Jahre wieder da zu sein. Es sagt: Das wird schon irgendwie werden, nicht gut, aber auch nicht schlecht. Leben ist eben Ansichtssache. Und ohne Übermut nützt aller Mut nichts.

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