Werbung

»Wir können miteinander leben«

Während zu Hause die Waffen sprechen, treffen sich junge Israelis und Palästinenser in Deutschland - um zu reden

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wer ist schuld? Wer leidet mehr? Darüber wollen die Jugendlichen aus Israel und Palästina sprechen. Bei einem Seminar lernen sie, dass das nicht hilft. Sie müssen die Seite wechseln. Mitten im Gazakrieg.

Was den politischen Spitzen von Israelis und Palästinensern nicht gelingt, versucht der Nachwuchs: Im Rheinland treffen sich junge Leute aus Israel und aus der palästinensischen Westbank, um einen Weg zueinander zu finden. Das Komitee für Grundrechte und Demokratie, das regelmäßig Israelis und Palästinenser zu »Ferien vom Krieg« einlädt, hat die rund 50 Jugendlichen nach Deutschland geholt. Seit dem vergangenen Donnerstag sind die jungen Erwachsenen gemeinsam in einer Jugendherberge zwischen Köln und Bonn, sie bleiben 14 Tage. In Gesprächskreisen nutzen sie die Gelegenheit, der jeweils anderen Seite mitzuteilen, wie sie die eigene Situation erleben und wie sie die andere Seite in dem Konflikt wahrnehmen. Für die meisten Teilnehmer ist es das erste Mal, dass sie die anderen als Zivilisten kennenlernen. In der Regel treffen junge Israelis und Palästinenser im Nahen Osten an Checkpoints aufeinander - mit klar verteilten Rollen als Kontrolleur und Kontrollierte.

Bei den Friedensseminaren begegnen sie sich anfangs mit Angst und Beklommenheit. »Die ersten Tage der Freizeiten sind immer schwierig«, sagt Barbara Esser, die das Projekt in Deutschland koordiniert. Üblicherweise dauert es, bis die jungen Leute aus den beiden Welten aufeinander zugehen. Beim Essen bleiben sie zu Beginn des Seminars erst einmal an getrennten Tischen. »In diesem Jahr ist vieles anders«, berichtet Esser. Dieses Mal sitzen Israelis und Palästinenser bei den Mahlzeiten zusammen. »Die Israelis gehen sehr stark auf die Palästinenser zu«, sagt Esser. »Und die Palästinenser lassen das zu.« Die Gespräche finden in Hebräisch und Arabisch statt, Übersetzer sorgen für das gegenseitige Verständnis. Wäre Englisch die gemeinsame Seminarsprache, würde das Interessierte ausschließen.

Die jetzt angereisten jungen Leute stehen unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse. »Gibt es ein Gesetz, das den Israelis erlaubt, Kinder zu töten«, wollte eine Palästinenserin etwa wissen. Die Antwort, die sie erhielt: Es gibt in der israelischen Armee eine Ethikkommission, die prüft, ob die Handlungen des Militärs ethisch vertretbar sind. Die Teilnehmer wollen über die großen Fragen diskutieren. Wer hat Schuld an dem Konflikt? Welche Seite hat mehr Opfer zu beklagen? Wer leidet mehr? Doch beginnt eine Diskussion damit, endet sie oft auch schnell. Die Gespräche werden von arabischen und israelischen Moderatoren begleitet. »Sie lenken die Gespräche auf die persönliche Situation der Teilnehmer«, sagt Esser. So kann Mitgefühl entstehen. Eine Palästinenserin hat erlebt, wie ihr Cousin in Betlehem von Soldaten getötet wurde. Das lässt die jungen Israelis nicht kalt. Gerade diejenigen unter ihnen, die engagiert sind und auf Demonstrationen gegen den Krieg gehen, tun sich schwer damit, wenn sie für das Handeln der Regierung verantwortlich gemacht werden.

Viele, aber nicht alle der angereisten Israelis stammen aus linken Elternhäusern und stehen der Regierung sehr kritisch gegenüber. Manche sind religiös, andere nicht. Ein Teilnehmer hat gerade seine Militärzeit im Gaza-Streifen beendet. Die jungen Palästinenser sind geprägt durch die Besatzung, zwei von ihnen waren länger in Haft. In der palästinensischen Gesellschaft werden Projekte wie das Friedensseminar im Rheinland mit großen Vorbehalten gesehen. »Solchen Projekten wird vorgeworfen, dass sie die herrschende Situation normalisieren wollen und die Besatzungssituation damit anerkannt wird«, erklärt Esser. Seit 2004 reist sie regelmäßig in den Nahen Osten, 2009 hat sie erstmals an einem Seminar von »Ferien vom Krieg« mitgewirkt. »Mich hat von Anfang an fasziniert, dass die Teilnehmer ihre Emotionen wie Wut, Trauer und Angst mitbringen können, und das akzeptiert wird«, sagt die 33-Jährige.

Projektpartner des Komitees ist die arabisch-israelische Organisation Breaking Barriers, die von einem israelischen Kriegsdienstverweigerer und einer Palästinenserin gegründet wurde. Sie ist auch für die inhaltliche Gestaltung der Seminare verantwortlich, die deutsche Seite kümmert sich um die Infrastruktur für das Seminar. Die aktuellen Ereignisse deprimieren die Organisatoren hier und in Nahost. »Aber alle haben gesagt: Wenn wir das Seminar dieses Jahr nicht machen, wann sollen wir es sonst machen«, sagt Esser. »Alle wissen, dass das Treffen an der Situation vor Ort nichts ändert, aber alle haben auch das Gefühl, etwas tun zu können und nicht alles nur einfach über sich ergehen lassen zu müssen.«

Das erste »Frieden vom Krieg« für junge Israelis und Palästinenser fand 2002 statt - mitten in der zweiten Intifada. Die Organisatoren stießen mit ihrem Vorhaben zunächst auf große Skepsis. »Die Zeit zum miteinander Sprechen und Verhandeln sei vorbei, wurde uns gesagt«, berichtet die ehemalige Lehrerin Helga Dieter, die das Projekt aufgebaut und bis vor kurzem koordiniert hat. Die potenziellen Projektpartner fürchteten, dass Teilnehmer als Kollaborateure oder Vaterlandsverräter angesehen würden. Doch den Organisatoren gelang es zu überzeugen.

Mittlerweile haben je 900 junge Leute aus Israel und der Westbank an den Seminaren teilgenommen. Am Ende bitten die Organisatoren die Teilnehmer, ihre Eindrücke zu beschreiben. »Ich bin jetzt 25 Jahre alt, aber bevor ich hierher kam, wusste ich nicht, dass ich in einem Settlement aufgewachsen bin. Das Land wurde den Palästinensern 1967 weggenommen. Ich wusste das wirklich nicht«, schrieb ein Teilnehmer im Anschluss an das Seminar. Ein wunderbares, ermutigendes Resümee zog ein junger Palästinenser: »Wir können miteinander leben - sogar unter einem Dach, das ist eine fantastische Erfahrung!«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!