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Bilder düsterer Desaster

In der Halle Tanzbühne aktualisiert Toula Limnaios in »miles mysteries« den Maler Francisco Goya

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Jede Zeit hat ihre Desaster. Großen Künstlern ist es gegeben, sie in Bilder zu schlagen. Meisterhaft gelang dies Francisco Goya in mehreren Zyklen von Aquatinta-Radierungen. Sind seine 80 »Caprichos« anklagende Sittenbilder, halten die 82 Blätter der »Desastres de la Guerra« Kriegselend fest. Die »Pinturas negras« schließlich, späte Wandmalereien, sind eine Mischung aus düsteren Endzeitphantasien und bedrückenden Zeitumständen.

Dass sich die Choreografin Toula Limnaios in »miles mysteries« auf Goya beruft, indes nicht tänzerisch illustriert, was eh schon vorhanden ist, gereicht ihr zur Ehre. Bedrängnisse menschlichen Seins verlangen heute nach anderem Ausdruck als in der Ära des bedeutenden Spaniers, zumal im anderen Medium. Dennoch hat die tatenvolle Griechin über Strecken ihrer anderthalbstündigen Kreation aufgegriffen, was Goya vorgegeben hat: Ängste an sich zu gestalten, ohne gesellschaftliche oder zeitliche Anbindung.

Seile hängen still in der Halle Tanzbühne. Als Nebel wallt, was er stücklang immer wieder tun wird, werden sie sechs Akteuren zur Zuflucht. Einer fragwürdigen freilich, sind sie doch ein unbehauster Ort, der Stranguliertsein assoziiert. In kruden Posen verharren die Menschen immer wieder, ehe sie unsanft zu Boden stürzen, sich dort aufbäumen. Einer, der langgediente Hironori Sugata, hängt kopfüber, Münzen rutschen aus der Hose. Wie ein Todesmeister wiegt er die Verseilten, sammelt sein Geld auf, derweil eine siebente Gestalt hereinstürmt und wie eine Furie das Friedhofspanoptikum aufstört: Es zieht, stößt, treibt sie zwischen den Schlafenden um.

Als Sugata sein Geld zählen will, legen sich ihm Leiber in den Weg. Das Inferno vergrößert Ralf R. Ollertz’ gespenstisch intensive Toncollage, in der Wind heult, Lokomotiven fauchen, Eisenschlag aufklingt, bis satte Streicher einfallen. Frieden indes signalisiert sie ebenso wenig wie das Bühnengeschehen.

Durch ein geöffnetes Fenster scheinen sich die Tänzer jenen Frieden zu versprechen: Permanent laufen sie dorthin, die Augen hoffend erhoben, doch nichts und niemand dringt in ihren Raum der Qual und Drangsal ein. Wer ausscheren will, wird behindert. Druck entlädt sich in einer Synchronpassage, dann bleiben wieder nur die Seile, nun als Schlinge um den Hals gelegt, und Abstürze. Noch ist die Zeit für ein aktives Handeln nicht reif.

Was das gesamte Stück über positiv zu Buche schlägt, ist Limnaios’ sensibles Gespür, spannungsreiche Bilder zu komponieren. Zwei, drei Aktionen finden zur gleichen Zeit statt, ergänzen oder kontrastieren einander durch verschiedene Tempi oder Aussagen. So pendelt Sugata eine hängende Tänzerin am Haar, die anderen hocken wie todesstarr, dann im Schulterstand an ihren Seilen. In einem großartigen Duett wälzt, verklammert sich ein Paar vor einer Kulisse Baumelnder in wechselnder Hanglage und zu metallischem Maschinenrhythmus. Dessen Sog zieht alle in den Bann, bis eine Frau in zwei Seile hechtet, dort ihr Leben zu verzappeln scheint, während eine zweite als Marionette von der Menge geführt wird: Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein in tänzerischer Übersetzung. Am Ende legt man sie einem Mann auf wie zum Pflichtkoitus.

Dann wird das Stück konkreter. Menschen in abenteuerlichen Deformierposen legen Körperteile frei, Po, Rücken, Beine oder Brust. In die zeitgedehnte Aktion prescht koboldhaft ein Mann und bricht die Scheinruhe auf. Eine nackt Umseilte schwingt, Kisten- und Eimerkopf ziehen auf, Frauen mit Ball, Handy oder Babybauch. Umnebelt taucht Maria im Brautkleid auf, ohne dass dieses Defilee der Monster der Stückentwicklung weiterhelfen könnte. Eher tun das mehrere vorzügliche Duette von starker, schier unglaublicher Erfindungskraft, etwa zweier Männer, die sich am Schlips dirigieren, und eines Paares, bei dem sie den Partner, Sugata, schmerzend wegstößt und niederdrückt. Das hat Folgen. Eine Schreiende kann er zunächst noch beruhigen, nutzt dann ihre gehütete Kiste als Stufe - um sich endgültig die Schlinge zu geben.

Der Rest ist lichtloses Schweigen. Einen Ausweg aus dem Inferno unserer Tage bietet nur der Tod, dies die deprimierende Bilanz in verstörenden Bildern, mit häufig knallhartem Tanz und einer exzellenten Crew.

Bis 17.8., 21 Uhr, Halle Tanzbühne, Eberswalder Str. 10-11, Prenzlauer Berg, Kartentel.: (030) 44 04 42 92, www.halle-tanz-berlin.de

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