Werbung

Das Ende einer strategischen Kooperation

Bislang waren ukrainische Firmen zuverlässige Lieferanten für die russische High-Tech-Industrie - auch Russlands Armee hat davon profitiert

Es wird viel geredet über den westlichen Lieferstopp für Rüstungsgüter. Viel stärker trifft Russland das Ende der umfangreichen Kooperation mit der einst befreundeten Ukraine.

Als die EU-Staaten jüngst künftige Rüstungslieferungen nach Russland gestoppt hatten, spottete der russische Präsident: Der Westen hat ohnehin nur altes Zeug geliefert. In der Tat treffen die westlichen Sanktionen Russland auf dem Rüstungssektor nur marginal. Der ist vermutlich wesentlich angeschlagener durch das Ende der Kooperation mit der Ukraine. Das Land seinerseits muss dauerhafte Einbußen durch Produktions- und Lieferausfälle hinnehmen. Es ist höchst zweifelhaft, ob die High-Tech-Schmieden jemals wieder Auferstehung feiern können.

Bereits Mitte April schrieb die Belegschaft des staatlichen Flugzeugherstellers »Antonow« einen Brief an die Regierung in Kiew. Man forderte, den Rausschmiss des Direktors Dmitri Kiwa aufzuheben. Der war den neuen Machthabern zu russlandfreundlich.

Das kann nicht verwundern, denn »Antonow« kooperierte sehr eng mit russischen Firmen, der russischen Armee und verschiedensten Airlines. Maschinen wie die An 148, An 70 und die Modernisierung der An 124, mit der unter anderem NATO und EU schweres Gerät fliegen lassen, sind ohne die Zusammenarbeit nicht zu realisieren. Die Produktionsrechte für die An 140 hatte sich Russland noch rechtzeitig gesichert, die Maschinen werden jetzt in Samara gebaut.

Russland ist auch auf die Lieferung zahlreicher Triebwerkstypen angewiesen. Sie wurden bislang im Motor-Sitsch-Werk in Saporischja hergestellt. Das einstige sowjetische High-Tech-Zentrum liegt rund 70 Kilometer von Dnjepropetrowsk und 230 Kilometer von Donezk entfernt. Die Kalamität mit den Triebwerken macht mit Sicherheit russischen Hubschrauberherstellern zu schaffen. In diesem Jahr sollte Motor-Sitsch rund 400 Triebwerke liefern, damit Russland seine eigenen sowie die zu exportierenden Transporthubschrauber Mi 17 bestücken kann. Zwar beteuert Moskau, man habe unter anderem durch die Erweiterung der Triebwerksproduktion bei St. Petersburg Abhilfe geschaffen, doch der Ausstoß der dortigen Klimow-Fabrik ist noch bescheiden.

Auch die russischen Raketentruppen müssen sich möglicherweise auf Engpässe einstellen. Bis zuletzt war das ukrainische Konstruktionsbüro Juschnoje - Standort Dnepropetrowsk - an der Produktion der Interkontinentalraketen »Topol-M« und der U-Boot-Rakete »Bulawa« beteiligt. Das Kooperationsende bedeutet für die Ukraine einen Verlust von rund 1000 qualifizierten Arbeitsplätzen und zwei Milliarden Dollar jährlich. Auch die auf Eisenbahnplattformen verladene Interkontinentalrakete »Skalpel« (SS-24) kam ursprünglich aus ukrainischen Betrieben. Auch wer in Russland nun die Luft-Luft-Raketen R-77 herstellt, ist nicht bekannt. Dnepropetrowsker Betriebe waren an der Produktion der Fla-Raketensysteme vom Typ S-300 beteiligt.

Fast 20 Prozent des Urans für die russische Atomindustrie wurden bislang in Scholtije Wody im Gebiet Dnepropetrowsk gewonnen. In Nikolajew hat man Gasturbinen für russische Kriegs- und Zivilschiffe gebaut. Was aus dem kommerziell- multinationalen Projekt »Sea Launch« wird, bei dem Satelliten von einer schwimmenden Plattform gestartet werden, steht in den Sternen. Die benötigten »Zenit«-Trägerraketen kamen aus der Ukraine.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln