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Hauen, ziehen, halten, treten

Freiwasserschwimmen ist wahrlich kein körperloser Sport, doch außer den Schiedsrichtern juckt das niemanden

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 4 Min.
Isabell Härle gewinnt EM-Gold im Rennen gegen die Uhr, Silbermedaillengewinner Thomas Lurz hat in der Masse aber mehr Spaß.

Das ungeübte Auge sieht nur gut 35 Badekappen, 70 wild kraulende Arme und dazwischen nichts als Schaum. Freiwasserschwimmen mit Massenstart ist nicht gerade die übersichtlichste Sportart, und doch agieren sechs Schiedsrichter so, als hätten sie den totalen Durchblick. Alle paar Sekunden pfeifen sie und breiten ihre Hände in verschiedene Richtungen aus. Soll heißen: »Weiter auseinander! Und zwar sofort!«

Diese Männer und Frauen in weiß sollen bei den Europameisterschaften in Berlin-Grünau alles sehen: jedes Hauen, jedes Ziehen, jedes Halten. Kein leichter Job. Der deutsche Chef-Bundestrainer Henning Lambertz weiß, was die Schwimmer im trüben Wasser einander alles so antun, um am Ende vorn zu sein. »Wer hinterher schwimmt, haut dem Vordermann auf die Füße. Das stört, bringt einen aus dem Rhythmus und nervt unheimlich. Im Endspurt ziehen sie sogar am Bein und halten den Gegner richtig fest«, berichtet Lambertz. Doch damit nicht genug. An Verpflegungsstellen werden schon mal die von Trainern gereichten Trinkbecher weggeschlagen, beim Schwimmen nebeneinander Arme festgehalten oder Schultern nach unten gedrückt. »Im Salzwasser werden sogar Brillen absichtlich heruntergerissen. Das ist nicht ganz fair, aber es kommt vor«, so Lambertz.

Das alles zu erkennen und zu ahnden, ist kaum möglich. Und doch wird ständig gepfiffen. Hin und wieder schreit ein Athlet selbst laut auf, schon folgen Pfiff und mahnende Blicke an den Nebenmann des Klagenden. Gelbe Karten werden hochgehalten mit Startnummern drauf: »Noch so ein Ding, und du fliegst!«, heißt das. Disqualifikationen werden am Donnerstag über die zehn Kilometer der Männer nicht ausgesprochen. Letztlich übertreibt es niemand.

Doch auch an diesem sonnigen Vormittag geht es hart zur Sache. »Man bekommt sehr viele Schläge ab. Ich habe in den ersten zwei von vier Runden gemerkt, dass es in der Masse relativ schwer wird. Daher habe ich am Ende der dritten versucht, unter die Top-Drei zu schwimmen. Da vorn hat dann keiner mehr die Kraft zu kämpfen«, beschrieb Thomas Lurz seine Taktik, die ihn schließlich auf Platz zwei im Ziel brachte. »Wenn du gegen Thomas schwimmst und weißt, dass du ihn kaum schlagen kannst, versuchst du eben, ihn zu zermürben. Aber Thomas hat sich total unter Kontrolle und tickt nie aus. Dafür ist er noch nie disqualifiziert worden«, sagte Lambertz, der sich nach zwei Tagen über vier deutsche Medaillen freuen konnte.

Ein Mann hatte den vom Fünf-Kilometer-Rennen am Vortag noch geschwächten Würzburger am Ende doch besiegt, und zwar mit fairen Mitteln: der Niederländer Ferry Weertman. »Er hatte bei den letzten drei Bojen die Innenseite und dadurch automatisch einen Meter Vorsprung«, sagte Lurz später und bewies, dass auch er ein paar kleine Nickligkeiten im Repertoire gehabt hätte. »Ferry ist ein sehr guter Beckenschwimmer. Im kurzen Sprint habe ich keine Chance gegen ihn. Das hätte ich vorher klären müssen und ihn im Finish auf faire Weise etwas in die Leinen drängen müssen. Nur dann hätte es gepasst«, sagte Lurz weise lächelnd.

Auch Christian Reichert hatte bis zur letzten Boje noch zwischen Platz sechs und acht gelegen, »doch dann haben sich mein Arm und der meines Nebenmanns verhakt. Ich wurde unter Wasser gedrückt, und dann kamen fünf, sechs weitere Leute, die mich immer weiter runterdrückten«, beschrieb der Wiesbadener das Ende seines Medaillentraums 70 Meter vor dem Ziel. »Ich kam nicht mehr hoch, habe irgendwann Wasser geschluckt. Über Wasser kann man reagieren, unter Wasser aber nicht. Da bin ich ein bisschen panisch geworden, weil ich über mir kein Loch gesehen habe.« Endlich wieder an der Oberfläche angekommen, musste Reichert erst mal Luft holen, bevor er sprinten konnte. »Das hat mich mindestens sechs Plätze gekostet.«

Reichert war enttäuscht, aber nicht verbittert. »Es wird durchgängig geschlagen. Das sind wir aber gewohnt. Das macht jeder«, sagte der 29-Jährige. Sollten die Schiedsrichter so etwas nicht unterbinden? »Das Pfeifen bekommt man schon mit, aber ändern tut sich dadurch gar nichts«, verrät Reichert. Der nach der Hälfte des Rennens noch Drittplatzierte Andreas Waschburger fiel nach einem Tritt in den Unterleib noch weiter zurück.

Solche Probleme hatte Isabelle Härle eine Stunde später nicht. Das Rennen über fünf Kilometer wurde einzeln gegen die Uhr gestartet, und die Essenerin holte die erste Goldmedaille für die Gastgeber. »Dafür trainiere ich das ganze Jahr und reiß’ mir den Arsch auf«, sagte die ehemalige Beckenschwimmerin nach ihrem ersten internationalen Sieg.

Wer nun glaubt, die Freiwasserschwimmer bevorzugten den Einzelstart, liegt jedoch denkbar falsch. »Natürlich macht das Schwimmen im Pulk mehr Spaß. Das ist Freiwasserschwimmen«, sagte Lurz trotz aller Strapazen und Schmerzen. »Da kann man seine ganze Erfahrung ausspielen, wie man sich am besten positioniert. Zum Glück ist das die olympische Distanz.« Auch Europameisterin Härle nutzte zur besseren Motivation einen Massenstarttrick: »Ich habe mir Thomas Lurz vor mir vorgestellt und gedacht: Du musst immer nur an seinen Füßen dranbleiben.«

Am Samstag steht der Teamwettbewerb an, bei dem Härle dann ganz real an Lurz’ Füßen »kleben« muss. Zur Abwechslung wird sie aber mal nicht dran ziehen.

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