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»Das ist doch kein Dorfsportfest«

Bittere Beschwerden bei der Leichtathletik-EM in Zürich über Pannen der Kampfrichter

  • Von Ulrike John, Andreas Schirmer und Ralf Jarkowski, Zürich
  • Lesedauer: 4 Min.

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Leichtathletik im Letzigrund ist Jahr für Jahr Weltklasse - beim internationalen Meeting, nicht aber unbedingt bei der EM. Die Klagen der Athleten häufen sich.

Organisationspannen, Messfehler, Verwirrung um den Zeitplan - nach einem chaotischen Abend in Zürich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften haben sich die Organisatoren am Donnerstag »in aller Form« entschuldigt. Für Sturm und Regen können die Zürcher nichts, Schweizer Präzision sieht allerdings anders aus. »Wir sind doch nicht bei einem Dorfsportfest«, empörte sich auch Heide Ecker-Rosendahl, die zweifache Olympiasiegerin von München 1972, als Zuschauerin im Letzigrund-Stadion.

»Der hohe Druck, bedingt durch die besondere Situation und die kurzfristig beschlossenen Zeitplanänderungen haben in einzelnen Fällen leider zu menschlichem Fehlverhalten geführt«, räumte Organisationschef Patrick K. Magyar ein. »Die Organisatoren entschuldigen sich in aller Form für diese Vorkommnisse, bitten jedoch in Anbetracht der außerordentlichen Umstände um Verständnis«, hieß es. Windböen bis zu 90 Kilometer pro Stunde hätten die Kampfrichter und Helfer vor große Herausforderungen gestellt. Die Gesundheit von Athleten und Zuschauern habe immer im Vordergrund gestanden.

Zwei Episoden machten deutlich, wie die Organisatoren ihre Akzente auch setzen: Mitten in der Konzentrationsphase mussten Athleten schon mal warten, damit Supersprinter Usain Bolt als Stargast im Innenraum seine Botschaft loswerden oder Europas Verbandspräsident Hansjörg Wirz ein Interview geben konnte.

Viel schlimmer waren die technischen Probleme. Beim deutschen Zehnkämpfer Kai Kazmirek hatte es schon einen Messfehler in der Sandgrube gegeben. 7,25 Meter wurden nach seinem ersten Versuch angezeigt. Der Eindruck der Offiziellen und Zuschauer: Der Sprung war deutlich weiter. Die deutsche Teamleitung stellte noch im Wettkampf die Anfrage, den Versuch noch einmal sehen. Die Fernsehaufzeichnung zeigte: Der Sprung war um die 7,70. Es stellte sich heraus, dass der Kampfrichter vergessen hatte, die Weite zu vermessen und er eine eigene festgelegt hatte - 7,25. Die Jury legte dann 7,66 fest.

Ganz übel erwischte es Weitspringerin Melanie Bauschke, die weinend die Anlage verließ. Die deutsche Meisterin träumte nach 6,79 Metern im ersten Versuch schon von einer Medaille und lag lange auf dem Bronzerang. Doch der Sprung wurde 24 Zentimeter zu weit vermessen. »Ich bin total traurig. Die Schweden haben nach dem dritten Versuch Protest eingelegt. Da war ich geschockt«, sagte die am Ende Sechstplatzierte aus Berlin. »Erst vor dem letzten Versuch haben sie mir gesagt, dass der erste nur 6,55 Meter weit war. Das war klar ein Messfehler des Kampfgerichts.« Auch Weitsprung-Olympiasiegerin Ecker-Rosendahl schüttelte den Kopf: »Ein Unding.«

Ein Softwarefehler im Computer sorgte zudem bei Hammerwerferin Betty Heidler in der Qualifikation dafür, dass sie einmal mehr als geplant ran musste. Größte Verwirrung gab es bei den Zehnkämpfern, nachdem der Stabhochsprung witterungsbedingt unterbrochen werden musste. Die Athleten fühlten sich schlecht informiert über die Zeitplanänderung. Das Speerwerfen lief schon, als die Nachzügler im Stabhochsprung noch nicht fertig waren. »Es war ein Durcheinander«, klagte auch 400-Meter-Läuferin Esther Cremer (Wattenscheid) über überforderte Organisatoren.

»Sechs- oder siebenmal musste man sich warm machen und kam total aus dem Rhythmus«, schimpfte Diskus-Europameister Robert Harting nach einer ganz schwierigen Titelverteidigung. Als er endlich zum ersten Aufwärmwurf im Ring stand, stürzte er und verstauchte sich die Hand. »Es war sauglatt und schmierig. Das war wie Schlittschuhlaufen«, beschwerte sich der Olympiasieger und dreifache Weltmeister über den neuen tückischen Belag im Ring.

Dabei waren sich Fans und Experten sicher: Die EM wird ein Erfolg. Schließlich gilt das alljährliche »Weltklasse Zürich« als bestes Meeting der Welt. Doch daran kommen die Titelkämpfe nicht mal ansatzweise heran. Nicht nur der deutsche Verbandschef Clemens Prokop kritisierte die Gastgeber: »Möglicherweise rächt es sich am Ende, dass man mit den Ticketpreisen zu hoch eingestiegen ist.« Tausende Plätze bleiben jeden Abend frei, und die »Neue Zürcher Zeitung« urteilte: »Die Titelkämpfe sind außerhalb der Leichtathletik-Familie noch nicht so richtig angekommen.« dpa/nd

Programm
auf www.zuerich2014.com

Ergebnisse
auf www.leichtathletik.de

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