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»Unser Dorf ist wie ein Freilichtmuseum des Neonazitums«

Birgit Lohmeyer über ihr Leben in Jamel unter Rechtsextremen, über Repressalien und ein mögliches NPD-Verbot

Birgit Lohmeyer, geboren 1958, studierte Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kriminologie, arbeitete als Sozialwissenschaftlerin und hat 1998 ihren ersten Roman, einen psychologischen Thriller, veröffentlicht. Seitdem ist sie Schriftstellerin und wurde für ihre Kriminalgeschichten mehrfach ausgezeichnet. Außerdem unterrichtet sie literarisches Schreiben und organisiert Kulturveranstaltungen. 2004 zog sie mit ihrem Mann Horst von Hamburg nach Jamel, einem Ortsteil der Gemeinde Gägelow im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Sie engagieren sich gegen Rechtsextremismus und veranstalten seit 2007 das Open-Air-Festival »Jamel rockt den Förster«. Für ihr Engagement erhielten sie u.a. den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage. Mit Birgit Lohmeyer sprach Elke Eckert von Planet Interview.

nd: Frau Lohmeyer, Sie und Ihr Mann engagieren sich gegen Rechtsradikalismus. Wie kam es dazu?
Wir haben gemerkt, dass wir hier die Einzigen sind, die es wagen, gegen die rechtsextreme Okkupation des Dorfes den Mund aufzumachen. Die anderen Nachbarn, die nicht zur rechtsextremen Szene gehören, ducken sich weg, ziehen sich ins Private zurück und möchten eigentlich mit dem ganzen Thema nichts zu tun haben. Im Lauf der vergangenen Jahre sind von einem hier ansässigen Rechtsextremen immer mehr Häuser aufgekauft worden. Und der hat sie dann an seine Gesinnungsgenossen weitervermietet, so dass immer mehr Neonazis hier ins Dorf zogen. Im Moment wohnen in sieben von elf Häusern bekennende Rechtsextreme. In den restlichen vier Häusern leben mein Mann Horst und ich und noch drei andere Familien, die schon vor uns hier gewohnt haben.

Wie wurden Sie auf Jamel aufmerksam?
Wir haben unseren Forsthof bei der Immobiliensuche gefunden und uns sofort in ihn verliebt. Der war einfach genau das, was wir uns als Stadtflüchter vorgestellt hatten. Und damals, 2004, war es außerdem schon mehrere Jahre lang sehr ruhig geworden um Sven Krüger, den bekanntesten Neonazi hier in Jamel, weswegen wir uns nach einer relativ langen Überlegungszeit entschieden haben, hierher zu ziehen.

Wann hat sich die Situation dann wieder verschärft?
Kurz nachdem wir nach Jamel gezogen sind, gab es hier große Zusammenkünfte der Nazi-Szene. 200 bis 300 Menschen aus ganz Deutschland kamen zu Krüger auf das Grundstück und auch auf den Dorfplatz, um lautstark zu feiern. Das hat uns dann natürlich die Augen geöffnet, dass hier immer noch was passiert und Krüger seine Aktivitäten einfach verlagert hat. Er ist etwa zu der Zeit in die NPD eingetreten, hat sich als Kreistagskandidat aufstellen lassen, wurde auch gewählt und saß bis zu seiner letzten Inhaftierung hier im Kreistag als Abgeordneter der NPD. Außerdem hat er in seinem kleinen Abrissunternehmen ein paar Leute beschäftigt und geriert sich als sozialer Arbeitgeber für seine Gesinnungsgenossen und als seriöser Geschäftsmann.

Mit welchem Ziel?
Er wollte hier im Ort die NPD-Doktrin umsetzen und ein »nationalsozialistisches Musterdorf« schaffen, wie wir es in Anlehnung an die NS-Zeit ausdrücken. Diese gezielte Besiedelungspolitik ist ein Teil des Viersäulenkonzepts, dem sich die NPD seit ihrem Bundesparteitag 1997 verschrieben hat.

Das Konzept sieht unter anderem einen »Kampf um die Dörfer« mittels »Stützpunktgründungen« vor. In einem so kleinen Ort lässt sich diese Strategie ganz gut durchziehen.
Genau. Dazu kommt, dass Krüger das Dorf in den Neunzigern extrem in Verruf gebracht hat. Viele Menschen haben nach wie vor Angst, überhaupt nach Jamel zu fahren. Auch wenn wir jetzt seit zehn Jahren an einem anderen Ruf des Dorfes arbeiten, ist immer noch in den Köpfen, dass es in Jamel gefährlich ist. Dafür hat Herr Krüger nachhaltig gesorgt.

Woran merken Sie in Ihrem ganz normalen Alltag, dass Sie in Jamel nicht erwünscht sind?
Wir müssen mit Repressalien leben. Es gibt da so Moden, wenn man das mal zynisch ausdrücken will. Eine aktuelle Mode ist, uns bei Ämtern anzuzeigen. Eine andere Strategie ist es, uns zuzuwinken, wenn wir das Dorf verlassen. Es gab ja diese NPD-Plakate, auf dem drei ausländische Menschen auf einem fliegenden Teppich zu sehen waren. Darunter stand: Guten Heimflug! So fassen wir das Gewinke auch auf. Es gab auch schon Sachbeschädigung, es gab verbale Bedrohung, es gab Nötigung im Straßenverkehr. Wir haben schon alles durch, was man sich so einfallen lassen kann, um uns von hier zu vertreiben oder uns das Leben mies zu machen.

Wie halten Sie das aus?
Wir haben ein Gegengewicht - unseren wunderbaren Hof und ganz nette Leute im Umfeld, die wir kennengelernt haben. Also nicht direkt in der Nähe des Dorfes, da gibt es so etwas wie eine Bannmeile. Aber im Umkreis, so ab 10, 15 Kilometer, haben wir wirklich Freunde gefunden. Die haben auch den Mut, zu uns zu stehen, uns zu besuchen und bei unseren Veranstaltungen mitzumachen. Das gibt uns natürlich Kraft.

Gab es in all den Jahren Gesprächskontakt zwischen Ihnen und Ihren rechtsextremen Nachbarn?
Kurz nachdem wir hergezogen sind, gab es ein paar Pöbeleien über den Gartenzaun hinweg. Da hieß es dann, »Verpisst euch« und solche Sachen. Und dann kamen beim zweiten Festival Herr Krüger und ein anderer NPDler nachts um zwölf zu uns und wollten mal »mit dem Lohmeyer reden«. Aber es war sehr schnell klar, dass das kein Dialog werden sollte. Wir kamen uns in diesem Gespräch sehr verhört vor. Deshalb gab es danach auch keinen Kontakt mehr auf dieser Ebene. Außerdem sind diese Menschen ideologisch dermaßen gefestigt, dass man auch nicht über Inhalte diskutieren kann. Das lohnt nicht.

Gab es auf einer anderen Ebene näheren Kontakt?
2010 hatten wir einen Übergriff der Nazis hier beim Festival. Im Lauf des Abends, so gegen elf Uhr, haben sich zwei von ihnen auf unser Gelände geschlichen und einen unserer Gäste krankenhausreif geschlagen. Seitdem gibt es bei jeder unserer Veranstaltungen, nicht nur beim Rockfestival, die Ausschlussklausel, dass Menschen, die aus dem rechtsextremen Umfeld oder aus Organisationen dieser Szene kommen, keinen Zutritt haben.

Die Journalistin Andrea Röpke sagt, dass sich Neonazis gerne als »Kümmerer« aufspielen und u.a. für Freizeitangebote sorgen. Deckt sich das mit Ihren persönlichen Erfahrungen?
Ja, gerade für ihre Kinder machen sie eine Menge. Kinderbelustigung ist ein großes Feld, da sind die Nazis gut drin. Aber die Kehrseite ist ganz fürchterlich. Das ist sektenartig, dass die Kinder mit fünf, sechs Jahren schon völlig indoktriniert zu sein scheinen. Mit denen kommt man ja dann doch mal ins Gespräch, auf der Straße oder am Gartenzaun. Und dann erzählen sie, dass in Deutschland alles so schlimm ist, mit den hohen Arbeitslosenzahlen und so weiter. Ein normaler Fünfjähriger beschäftigt sich damit bestimmt nicht. Und wir merken auch, dass mehrmals im Jahr, oder zumindest in den Sommerferien, alle Kinder weg sind, obwohl die Eltern noch da sind. Das heißt, es muss eine Nachfolgeorganisation der Jugendorganisation HDJ geben, die ja verboten wurde. Oder irgendwelche Jugend- und Kinderlager, in denen die Kids auf die Ideologie der Nazis eingenordet werden.

Was könnte Ihrer Ansicht nach ein NPD-Verbot bewirken?
Auf jeden Fall könnten alle Bürger aufatmen, dass sie diese Menschen und ihre menschenfeindliche Agitation nicht mehr mit ihren Steuern finanzieren müssen. Das Gegenargument lautet ja immer, man kriegt die Ideologie aus den Köpfen dieser Menschen nicht raus, was wohl stimmt. Aber aktuell sind sie auch noch staatlich legitimiert in ihrem Tun, das letztlich oft verbrecherisch ist, da dürfen wir uns nichts vormachen. Bei einem Verbot würden sie zurechtgestutzt werden auf das, was sie sind: Menschen, die das System, das wir hier haben, umstürzen wollen. Und die sich in keiner Weise scheuen, dafür kriminelle Techniken anzuwenden.

Aber würde das Thema nicht vielleicht vom Radar der Öffentlichkeit verschwinden?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Aktionen der Neonazis, die jetzt auch schon illegal stattfinden - Anschläge, Plakatierungen, Schmierereien, Drangsalierung von Andersdenkenden - würden ja nicht aufhören. Insofern wären sie nicht raus dem Fokus, auch der medialen Berichterstattung. Aber die NPD nicht mehr in Parlamente wählen zu können, das wäre schon sehr, sehr wichtig.

Seit 2007 setzen Sie einmal im Jahr mit einem Rockfestival auf Ihrem eigenen Grundstück ein Zeichen gegen Rechts.
Wir sprechen nicht von einem Anti-Rechts-Festival, sondern wollen mit dem Festival den Demokratie- und Toleranzgedanken in unserer Gesellschaft fördern. Egal, wie klein Jamel auch ist, hier leben geballt auf engstem Raum NPD-Kader und Mitglieder der sogenannten Freien Kameradschaften, deren Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen ist. Unser Dorf ist wie ein Freilichtmuseum des Neonazitums.

Aber bleibt so ein Festival trotzdem nicht eher ein symbolischer Akt?
Letztlich ist jede Veranstaltung mit politischem Hintergrund in gewisser Weise symbolisch, denn man wird nie die gesamte Zielgruppe erreichen, der man etwas demonstrieren will. Aber die Medienpräsenz und Ausstrahlung unseres Festivals auf ganz Deutschland ist enorm. Auch wenn nur drei- oder vierstellige Besucherzahlen erreicht werden, die Verknüpfung von Kultur und politischer Botschaft bewirkt meiner Meinung nach mehr als ernsthafte Redeveranstaltungen. Vor allem bei Leuten, die vielleicht erstmal gar nicht politisiert sind, sondern nur ein tolles Konzert hören wollen.

Wie finanziert sich das Festival?
Wir zapfen seit Jahren jegliches Bundesförderprogramm an, das es im Themenfeld Rechtsextremismus gibt. Ansonsten werden wir von Stiftungen unterstützt, zum Beispiel von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Und wir haben mit Sylvia Bretschneider, der Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, eine Schirmherrin und Fürsprecherin für unsere Sache gefunden, die viele Sponsoren aufgetan hat. Zusätzlich haben wir seit letztem Jahr mit Crowdfunding eine neue Finanzierungsquelle gefunden.

Treten die Bands umsonst auf?
Nein, denn die meisten kommen aus der Region, sind Amateure oder Semiprofis, die wir auch fördern wollen. Das Festival ist ja ein kulturpolitisches Projekt. Das heißt für uns, dass wir die Musiker auch gut bezahlen. Anders sieht es aus, wenn, wie es in diesem Jahr zum ersten Mal passiert ist, eine namhafte Band wie Alphaville auf uns zukommt und sagt, wir finden toll, was ihr macht, wir wären gern dabei und wollen keine Gage. Da hoffen wir natürlich, dass das Schule macht.

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