Der Weg in die Herrschaftslosigkeit

David Harvey hat sich in rebellischen Städten umgeschaut und ist beglückt

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Der US-amerikanisch-britische Humangeograf und Sozialtheoretiker David Harvey, international bekannt geworden mit dem 1973 erschienenen Werk »Social Justice and the City«, ist einer der brillantesten neomarxistischen Intellektuellen unserer Zeit. In seinem neuen Buch untersucht er den Zusammenhang von Urbanisierungsprozessen, kapitalistischer Verwertung und politischer Herrschaft. Die Akkumulation von Kapital ist seiner Meinung nach ebenso grundlegend mit den städtischen Entwicklungen verbunden wie die immer wiederkehrenden Krisen. Urbane Räume bieten laut Harvey aber auch gute Möglichkeiten, den antikapitalistischen Widerstand zu organisieren.

Die weltweite Wirtschaftskrise begann 2007 mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA. Auch 1973 gab es eine weltweite Immobilienkrise, der erst kurze Zeit später die Ölkrise und dann ein globaler wirtschaftlicher Einbruch folgte. David Harvey sieht aber nicht nur deshalb einen engen Zusammenhang zwischen Urbanisierungsprozessen und den immer wiederkehrenden Krisen. Seiner Meinung nach spielen Entwicklungsprogramme im urbanen Raum eine wichtige Rolle, um Überschüsse einer kapitalistischen Mehrproduktion zu absorbieren, bietet die Stadt doch die Möglichkeit großer Investitionen. Gleichzeitig sind sie ein Instrument gegen Arbeitslosigkeit. Wenn dieser Mechanismus nicht mehr funktioniert, kommt es zur Krise. Gleichzeitig verändern groß angelegte Stadtentwicklungsprogramme soziale Milieus und Lebensstile. Dabei werden aber nicht nur der Konsum gestärkt und weniger zahlungskräftige Bewohner verdrängt. Die umgebaute Stadt ermöglicht auch eine bessere Regierbarkeit der Bürger.

Als historisches Beispiel nennt Harvey den Umbau von Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. Georges-Eugene Haussmann baute ab 1853 die französische Hauptstadt nach den Vorstellungen Napoleons III um. Neben einer Modernisierung, die das zuvor revolutionäre Paris in eine internationale Konsum- und Messemetropole verwandelte, einem Abbau der Arbeitslosigkeit und der Reinvestition überschüssigen Kapitals kam es auch zur Zerstörung der urbanen Räume des sich gerade organisierenden Arbeitermilieus. Dementsprechend spricht Harvey bei diesen Urbanisierungsprozessen von »schöpferischer Zerstörung«. Während des Kommunardenaufstandes holten sich die revolutionären Arbeiter und Unterschichten ihre Stadt wieder zurück, so Harvey.

In den USA nahm Robert Moses, der von sich selbst behauptete, mit der Axt durch die Bronx gezogen zu sein, nach 1945 einen derartig wirkungsvollen Umbau urbaner Strukturen vor und leitete die Suburbanisierung ein. Die Revolten Mitte der 1960er Jahre in den Ghettos der Schwarzen sind laut Harvey ebenfalls Gegenbewegungen zur Inwertsetzung der Stadt, der Enteignung sozialer Gemeingüter und der Zerschlagung von Nachbarschaftsstrukturen. Nach den urbanen Revolten der späten 1960er Jahre wurden in den USA breite Straßen zwischen armen und reichen Vierteln gebaut. Was für den Autoverkehr gedacht war, wird zum schützenden Burggraben für die weiße Elite.

Derzeit wachsen in den Metropolen die Unterschiede zwischen Arm und Reich und sind auch geographisch deutlicher wahrzunehmen: auf der einen Seite die edlen Hochhausglastürme und die in Wert gesetzten ehemaligen Arbeiterquartiere, auf der anderen Seite die immer zahlreicher werdenden und wachsenden Slums. Aber auch Slums können plötzlich für die Immobilienbranche zu Filetstücken werden, wie in dem von Armen bewohnten Stadtteil Dharavi in Mumbai. Der dortige Grund und Boden wird derzeit auf ca. zwei Milliarden Dollar geschätzt. Entsprechend wird der Druck immer größer, den Slum zu räumen und das durchzuführen, was Harvey als »kapitalistische Landnahme« bezeichnet.

Schon zu Beginn der neoliberalen Ära erlebten die Städte massive Umstrukturierungen als Gegenbewegung zur sogenannten Krise der Stadt, die noch in den 1960er Jahren konstatiert worden war. Die schmuddeligen Ecken der Bahnhofsviertel verschwanden zuerst, später ging die heute als Gentrifizierung bezeichnete Entwicklung durch zahlreiche soziale Brennpunkte der Großstädte. Dabei wird der Widerstand gegen die kapitalistische Vereinnahmung als kulturelle Identität eines Viertels ebenfalls Teil des Verwertungsprozesses. Der Hausbesetzercharme wird in Berlin-Kreuzberg wie auch in San Telmo in Buenos Aires gewinnbringend vermarktet. Städte erleben ein regelrechtes »Marken-Branding«. Ein extremes Beispiel bietet Barcelona, das als künstlerisch inspirierte Hafenstadt mit einem ehemals subproletarisch kriminellem Milieu und anarchistischer Geschichte Touristen und Investoren anlockt.

Auf dieser Authentizität, die eine Stadt zur Ware macht, basieren die Monopolrenten, die in Form von Mieten und der Wertsteigerung von Immobilien erwirtschaftet werden und heute ein wichtiger Aspekt der Geldzirkulation sind - ein Umstand, den Marx laut Harvey zu wenig berücksichtigt hat. In Zeiten der Krise, wenn Anleger immer mehr auf Immobilien ausweichen, verstärkt sich diese Entwicklung sogar. Dabei ist diese authentische Einzigartigkeit, die durch die Monopolrente ihre Warenform erhält, vor allem ein Produkt der Arbeiter und anderer, meist sozial benachteiligter Akteure im Stadtraum, die sich kollektiv organisieren, betont David Harvey.

Die bürgerlichen Eliten verstehen es aber immer wieder, die einmaligen Unterscheidungsmerkmale als Teil ihres sozialen und kulturellen Selbstverständnisses zu assimilieren. Dies gilt es offensiv infrage zu stellen. In eben diesem Spannungsverhältnis und den widerständigen Praktiken der Stadtbewohner, die kommerzialisiert werden, finden sich laut Harvey Räume für eine Transformationspolitik, »da das Kapital es sich nicht leisten kann, sie vollständig stillzulegen«. Die alternativen Lebensentwürfe sind für ihn ein »zentrales Element des revolutionären Gärungsmittels«. Kollektive kulturelle und soziale Identitäten und Praktiken, wie sie ein städtisches Umfeld hervorbringt, lassen sich gegen das Kapital und sein Wertgesetz als »Festival der Unterdrückten« (Lenin) in Stellung bringen.

»Wie organisiert man eine Stadt?«, laute die Frage, die die Linke beantworten muss. Dabei geht es darum, die »Horden der unorganisierten Urbanisierungsproduzenten« in ihren vielfältigen sozialen Räumen und mit ihren verschiedenen Identitäten zu mobilisieren, vom Bauarbeiter über den Krankenpfleger, die Kellnerin und die Architektin bis hin zum Künstler.

In den Allmende-artigen Gemeinschaftsgütern und den damit verbundenen Lebenswelten, die jenseits des pathologischen Wachstumsstrebens des Kapitalismus liegen, sind utopische Gegenentwürfe längst enthalten - von den Initiativen gegen Zwangsräumung über Gemeinschaftsküchen bis hin zum Guerilla-Gardening. Die urbanen Revolten der Geschichte von 1789 über den Kommunardenaufstand 1871 bis hin zu den Ereignissen in Tunis und Kairo sowie Athen und Madrid zeigen: Die Kämpfe weiten sich stets aus und gehen über den Kampf um den urbanen Raum hinaus. Deshalb kann die »Recht auf Stadt-Bewegung« laut Harvey nur eine Zwischenstation sein auf dem Weg in die antikapitalistische Herrschaftslosigkeit.

David Harvey: Rebellische Städte. Suhrkamp, Berlin 2014. 283 S., br., 18 €.

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